Als der Dürener Landrat Ralf Nolten am Samstagnachmittag mit Kanzler Friedrich Merz (beide CDU) nach einer Runde durch den verkohlten Hürtgenwald vor dem Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr eintrifft, will er erst einmal ein Gerücht aus der Welt schaffen: dass Merz untätig gewesen sei. Vor genau einer Woche, sagt Nolten in die Mikrofone der Journalisten, habe der Kanzler ihn angerufen und angeboten, weitere Unterstützung in den Hürtgenwald zu schicken, um den dort wütenden Großbrand zu bekämpfen. Merz habe ihn auch gefragt, ob es sinnvoll sei, wenn er in das Katastrophengebiet käme.Mit Blick auf die vor einer Woche noch höchst angespannte Lage habe er, der Landrat, aber davon abgeraten. Es sei nicht abzusehen gewesen, ob das Feuer durch auffrischenden Wind nicht noch weiter angefacht würde, berichtet Nolten. Der Kanzler steht daneben und nickt. Es ist sein erster öffentlicher Termin nach seinem Sommerurlaub: Zwei Tage nach der vollständigen Löschung des Waldbrands in der Eifel besucht Merz das Gebiet, um den Helfern Dank und Anerkennung auszusprechen.Landrat Ralf Nolten (l) und Bundeskanzler Friedrich MerzpaIn der vergangenen Woche war der kleine Teilort Gey der Gemeinde Hürtgenwald in der Nordeifel in aller Eile evakuiert worden. Im nahen Forst wütete ein verheerender Brand. Erst am Donnerstag gelang es, die letzten Glutnester zu löschen. Nach Einschätzung der nordrhein-westfälischen Landesregierung handelte es sich um den größten Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes, eine Fläche von 300 Hektar wurde vernichtet.Beinahe 1800 Kräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk waren im Einsatz. Mehrere Tage lang warfen Hubschrauber der Landes- und Bundespolizei aus speziellen Großbehältern Wasser auf das brennende Waldgebiet ab. Zwei Panzer der Bundeswehr schlugen Brandschneisen. Besonders wichtig war die Hilfe der vielen Ehrenamtlichen. Und der Kanzler? Dem warfen Politiker von Grünen und Linken vor, sich nicht zu kümmern.Gut zwei Dutzend lautstarke DemonstrantenAuch bei seinem Besuch im Hürtgenwald an diesem Samstag stößt Merz auf Kritik. Gut zwei Dutzend lautstarke Demonstranten haben sich an den Absperrbändern unter die Anwohner gemischt. „Der Wald brennt und Merz pennt“, steht auf einem Plakat, das eine junge Frau hochhält. Es fasst in knapper Form den harschen Vorwurf der Grünen-Politikerin Katharina Dröge zusammen, die im RTL-Fernsehen gesagt hatte: „Brutale Hitze, tausende Tote – der Kanzler schweigt. Brennende Wälder – der Kanzler informiert sich und tut ansonsten nichts.“Nolten berichtet hingegen, er habe Merz vor einer Woche am Telefon gesagt: „Wenn Sie ins Einsatzgebiet reinfahren, dann können wir zwei, drei Stunden nicht löschen.“ Ein Kollege der örtlichen Feuerwehr habe es ganz richtig formuliert: Inmitten eines Großeinsatzes brauche man keine Politiker, „sondern Leute, die den Löschschlauch halten“. Dass der Kanzler nun im Nachhinein komme, empfinde man als große Anerkennung, zitiert Nolten den Feuerwehrmann. Er und der Kanzler seien sich vergangene Woche einig gewesen, dass es „noch Tage danach“ gebe, sagt der Landrat.Dann setzt er zu einem Appell an. All jenen, die hier nun riefen und pfiffen, wolle er bitten, die negative Energie herauszunehmen und stattdessen Mitglied beim Technischen Hilfswerk, bei der Feuerwehr oder beim Deutschen Roten Kreuz zu werden. „Die Einsatzkräfte haben ihren Job gemacht – und sie freuen sich über den Besuch des Bundeskanzlers“, ist der Landrat sicher. Die Feuerwehrleute hinter ihm jedenfalls applaudieren. Der Kanzler wendet sich um, lächelt und nickt.Der Kanzler hält sich nicht lange mit den Vorwürfen aufDie Demonstranten scheinen von den gerade geschilderten Abläufen nichts mitbekommen zu haben. Oder sie interessieren sich nicht dafür. Denn sie pfeifen, buhen, johlen und beharren auf der Lesart, die sich in den vergangenen Tagen in vielen Medien und bei Teilen der Opposition festgesetzt hat: Der Kanzler kümmere sich nicht, mache ungerührt Urlaub. Eine Lesart, die zumindest außer Acht ließ, dass sich Merz über die Plattform X mit anerkennenden Worten für die Brandbekämpfer zu Wort meldete.An diesem Samstag hält sich der Kanzler in seinem Statement nicht lange mit den Vorwürfen auf, er verweist auf die Worte des Landrats. Wichtiger ist es ihm, auch in aller Öffentlichkeit den Einsatzkräften zu danken, bevor er sich ohne Pressebegleitung zum Gespräch mit ihnen zurückzieht. Merz wendet sich an die Kräfte der Feuerwehr, der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks, an die zahllosen Helfer von Land- und Forstwirtschaft, die Ehrenamtlichen.Merz bei der Besichtigung des BrandgebietesEPA„Ohne die Zusammenarbeit wäre das nicht so glimpflich ausgegangen.“ Von jenen, die herumschreien, lasse er sich nicht beeindrucken. „Ich spreche mit denen, die arbeiten, die helfen, ich spreche mit denen, die im Sinne unseres Gemeinwesens tätig sind“, sagt der Kanzler. „Ohne die Millionen Menschen, die in ehrenamtlichen Tätigkeiten unterwegs sind, könnten wir unser Gemeinwesen nicht aufrechterhalten.“Man werde nun auswerten, was bei dem Großeinsatz gut gelaufen sei, aber auch, woran es noch fehle, kündigt Merz an. Bei der Kabinettsklausur der Bundesregierung am kommenden Dienstag und Mittwoch werde man genau über diese Themen reden. Die zentrale Frage sei, wie Deutschland in Zukunft noch besser vorbereitet sein könne auf solche Großschadensereignisse. Denn mit ihnen müsse man in Zukunft häufiger rechnen. „Das ist Klimawandel. Allen Leugnern des Klimawandels will sich sagen: Schauen Sie sich genau an, was hier passiert“, sagt der Kanzler. „Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen, aber wir müssen auch mit dem Klimawandel leben.“ Sich darauf vorzubereiten, sei eine Aufgabe des Bundes, der Länder und der Gemeinden.In ebendiesem Punkt gibt es allerdings reichlich Konfliktpotenzial zwischen den Koalitionspartnern Union und SPD. Die Sozialdemokraten wollen, dass der bessere Schutz vor Hitze und weiteren Folgen des Klimawandels per Grundgesetzänderung zur Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern deklariert wird. Für eine wirksame Anpassung brauche es „eine gesamtstaatliche Kraftanstrengung, die Prioritäten setzt, Ressourcen bündelt, Abstimmungen intensiviert und schnelles Handeln ermöglicht“, heißt es in einem Papier der SPD-geführter Bundesministerien.Die Union ist bisher nicht nur deshalb dagegen, weil ihr und der SPD die für eine Grundgesetzänderung notwendige Zweidrittelmehrheit im Bundestag fehlt. Merz’ neuer Staatsminister für die Beziehungen zwischen Bund und Ländern, Philipp Amthor, lehnte dieser Tage „abstrakte Diskussionen über eine Verfassungsänderung“ ab. „Vor einer Diskussion über eine Verfassungsänderung sollte eine Diskussion über eine optimale Nutzung schon bestehender Handlungsmöglichkeiten stehen“, sagte der CDU-Politiker.