Nicht, dass Klara Bühl ihr Können und ihren Wert für den FC Bayern noch unter Beweis stellen müsste. Aber sie tat es trotzdem, wieder mal. Ihr Team hatte in den ersten Minuten der neuen Bundesliga-Saison gegen den 1. FC Union Berlin Schwierigkeiten, so richtig in die Partie reinzukommen. Was auch immer Bühl und ihre Mitspielerinnen versuchten, ständig stand eine der Gastgeberinnen im Stadion An der Alten Försterei im Weg. Im Zentrum, im Strafraum, links, rechts, überall. Und wenn sie nicht gerade kompakt und überlegt verteidigten, mündete das intensive Pressing der Berlinerinnen unter ihrer neuen Trainerin Marie-Louise Eta auch in Torchancen. Union machte es dem Doublesieger wirklich schwer. Das Problem war nur, dass sich Bühl davon nicht beeindrucken ließ.Sie wartete auf die passende Gelegenheit, die am Freitagabend in Form eines Freistoßes in der 26. Minuten kam. Ganz ruhig stand Bühl da, bevor sie den Ball mit viel Effet und Präzision unhaltbar auf die Reise ins rechte Toreck schickte. Das gehört bei der 25-Jährigen längst zum guten Ton, der Effekt war trotzdem beeindruckend. Denn in diesem Moment änderte sich die Dynamik der Partie, als hätte Bühl mit dem Schuss ihre Überzeugung, die Kontrolle schon noch übernehmen zu können, auf alle anderen im Münchner Trikot übertragen. Da konnten die Union-Fans unter den 17 083 Zuschauern ihr Team noch so energisch antreiben. „Sie ist eine fantastische Spielerin. Sie fühlt sich so wohl unter Druck und in engen Räumen. Und sie ist so kaltschnäuzig und präzise im letzten Drittel“, sagte Bayern-Trainer José Barcala über seine Schlüsselspielerin. „Aber was ich bei all dem immer hervorhebe bei Klara ist, wie bescheiden sie ist.“Ihrem eigenen Treffer ließ Bühl eine Flanke folgen, die Kapitänin Glódís Perla Viggósdóttir in der 60. Minute zum 3:0 über die Linie brachte. Kurz nach der Pause hatte Pernille Harder einen Fehlpass kühl zum 2:0 genutzt. Union schuftete beharrlich und wehrte Torschüsse stark ab, das machte diesen Fußballabend unterhaltsam. Und zumindest mit einem Anschlusstreffer von Nele Bauereisen (79.) wurden sie dafür belohnt. Aber nach dem 4:1 durch Sophie Proost (90.) waren die Machtverhältnisse doch wieder eindeutig. „Eiskalter können wir vor dem Tor schon noch werden“, merkte Bühl am Sky-Mikrofon trotzdem kritisch an. „Die Standardtore machen uns extrem gefährlich, da sind wir eiskalt, da würde ich uns in diese Kategorie stecken.“Schon klar, die Saison hat gerade erst begonnen. Aber für die Konkurrenz dürfte es ernüchternd gewesen sein, wie die Bayern am Ende den Gegnerinnen doch wieder keine Chance ließen. Noch dazu bei Union Berlin – einem Team, das sich äußerst professionell aufstellt und dem von Beobachtern zugetraut wird, bereits im zweiten Bundesligajahr um einen Platz unter den besten fünf Klubs kämpfen zu können. Also, hinter Bayern München. Denn, dass der Meister seinen Titel verteidigt, darin waren sich auch alle Trainerinnen und Trainer der Liga in einer Umfrage des Deutschen Fußball-Bundes einig.Nicht mal mit viel Geld könnten sich die Bayern im Falle eines Abschieds trösten, Bühls Vertrag läuft Ende dieser Saison ausUnd Barcala trug kein bisschen zur Beruhigung bei. „Um ehrlich zu sein, sind wir noch weit weg von dem Bayern, das wir sein müssen“, sagte der Spanier. „Heute waren schon ein paar wirklich gute Kombinationen zu sehen. Aber wir sind so ehrgeizig und müssen die nächsten Schritte nach vorn machen. Daran arbeiten wir.“ Dabei geht es nicht allein um den sportlichen Erfolg, der nach all den Anläufen endlich auch international folgen soll, um in der Champions League kein leeres Versprechen zu bleiben. Barcala und die Verantwortlichen um Frauen-Direktorin Bianca Rech wissen, dass eine Entwicklung notwendig ist, um zentrale Spielerinnen zu halten, die nicht zuletzt in der englischen Women's Super League mehr verdienen könnten und dort ebenso ambitionierte Klubs vorfinden. Insbesondere Klara Bühl steht bei diversen Vereinen auf der Wunschliste.Das Fußballportal Soccerdonna, vergleichbar mit Transfermarkt bei den Männern, setzte ihren Marktwert auf 1,65 Millionen Euro an. Damit ist Bühl laut diesem Ranking hinter der spanischen Nationalspielerin Clàudia Pina vom FC Barcelona (zwei Millionen) und der englischen Nationalspielerin Alessia Russo vom FC Arsenal (1,8 Millionen) zur drittwertvollsten Fußballerin der Welt aufgestiegen. Und das sogar vor den beiden Ballon d'Or-Gewinnerinnen Aitana Bonmatí (Platz vier) und Alexia Putellas (Platz zehn), die von Champions-League-Sieger Barcelona zu den London City Lionesses gewechselt ist. Die nächste aktuelle Bundesligistin in dieser Wertung ist Bayerns Momoko Tanikawa auf Rang 30, die nächste Deutsche ist Jule Brand von Olympique Lyon auf Rang 35, beide liegen bei 800 000 Euro. Solche Einschätzungen speisen sich auch aus Spekulationen, man kann ambivalent darauf blicken. Einen Aussagewert hat das Tableau dennoch, und der ist eindeutig: Bühl ist die wertvollste Spielerin der Liga, mit Abstand.Neben Klara Bühl ist Pernille Harder (l., im Duell mit Lisanne Gräwe) die gefährlichste Offensivspielerin von Doublesieger Bayern München. Reinaldo Coddou H./Getty ImagesEs wäre interessant zu sehen, welche Ablöse sie generieren könnte. Den Rekord setzte zuletzt der Transfer der französischen Mittelfeldspielerin Grace Geyoro von Paris Saint-Germain zu den einkaufsfreudigen London City Lionesses, der vergangenen Sommer bei kolportierten 1,65 Millionen Euro gelegen haben soll. Aber nicht mal mit viel Geld könnten sich die Bayern im Falle eines Abschieds von Bühl trösten, ihr Vertrag läuft Ende dieser Saison aus. Im Herbst wollen sich Verein und Spielerin zusammensetzen, um die Zukunft zu besprechen, erzählte Rech. Bühl zu verlieren, würde selbst den stark besetzten Bayern-Kader erheblich schwächen. Seit ihrem Wechsel vom SC Freiburg vor sechs Jahren hat sie in 188 Spielen 53 Tore geschossen und 93 Vorlagen geliefert. Ganz abgesehen davon, dass sie längst zu einem Gesicht des deutschen Fußballs geworden ist.Wie gut Bühl drauf ist, zeigte sich schon beim Auftakt ins neue Fußballjahr, wo die Flügelstürmerin beim 3:0-Sieg im Supercup gegen den VfL Wolfsburg das 1:0 vorbereitete und die beiden nächsten Treffer selbst erzielte. „Mir fällt es einfach, auch in großen Spielen meine Leistung zu bringen“, sagte Bühl danach. Dass sie das auch noch ohne große Schwankungen kann, ist ihr großer Trumpf. Harder, selbst eine der besten Angreiferinnen und mit der Vorlage zum letzten Tor gegen Union Berlin ebenfalls an zwei Treffern beteiligt, hob ihre Kollegin hervor. „Besonders bei den Ecken und Flanken ist sie phänomenal“, sagte die Dänin. „Sie tut viel für unsere Offensive und wir sind glücklich, dass sie noch hier ist.“Ob ihre Mitspielerinnen versuchen, sie zum Bleiben zu überreden? Klara Bühl jedenfalls will erstmal an jener Herangehensweise festhalten, die sich in den vergangenen Jahren für sie bewährt hat: Danach entscheiden, wo sie sich am wohlsten fühlt, weil sie dann am besten, also auch erfolgreich spielt. Was in dem Fall etwas kompliziert ist. Denn wie erfolgreich der FC Bayern spielt, hängt stark von ihr ab.