Kleine Grüppchen von Musikbegeisterten marschieren vom Münchner Hauptbahnhof in Richtung Königsplatz. Die meisten sind gut vorbereitet, Open-Air-erprobt und werfen sich im Gehen einen Regenponcho über. Eine dergestalt geschützte Dame reiht sich in die Einlassschlange vor den Propyläen und nutzt die leeren Minuten für ein Telefonat mit ihrer Mutter. „Bei uns regnet’s nicht mehr“, sagt sie. Dann das: „Ja genau, der mit der Geige.“ In Wahrheit fängt es gerade an zu regnen. Und David Garrett ist auch mehr als der mit der Geige, wie sich beim Freiluftkonzert seiner „Millennium Symphony“-Tour auf dem Königsplatz zeigt.Er ist auch der mit dem lockeren Dutt, der mit dem Lächeln aus Stahl, in das Grübchen gestanzt sind. Und der mit der Fähigkeit, aus einem recht luftigen Programm, einer harmlosen musikalischen Schmankerlplatte einen Abend zu machen, der ein nasses, frierendes Publikum zum Frohlocken bringt. Wie macht David Garrett das? Zunächst einmal lässt er seine Fans ein bisschen warten.Während Garretts Bühnencrew noch das Podium halbwegs wetterfest zu machen versucht, werden die ersten Zuschauenden auf ihren Plätzen ungeduldig, wickeln sich in ihre Regenjacken und nehmen nebenbei zur Kenntnis, dass langsam Pfützen auf dem kiesigen Platz wachsen.Da füllt sich die Bühne mit dem Bohemian Symphony Orchestra Prague, das Garrett an diesem Abend klanglichen Beistand leisten wird. Der Protagonist schließlich spaziert zu dem ikonischen Riff des White Stripes-Songs „Seven Nation Army“ auf die Bühne, strahlt, als würde ihm nicht gerade die Geige vollgetropft und möchte am liebsten alle umarmen, so könnte man meinen.Ohne Regenponcho ging an diesem Abend gar nichts. Robert HaasDarin liegt schon ein Teil der Anziehungskraft von Garrett. In seinem Millenniumsprogramm reiht er einen sofort wiedererkennbaren Hit an den nächsten. Seine Idee war, das vergangene Vierteljahrhundert in seinen Pop-Hits zu porträtieren und diese mit ansatzweise traditioneller, klassischer Orchestrierung neu auf seiner Geige zu interpretieren. Dazu kommt eine Bühnenpersona, die ihren Motor mit dem Kraftstoff der Nahbarkeit betreibt. Garrett möchte vermitteln, zwischen Pop und Klassik, zwischen sich und seinem Publikum.Zweimal wird er an diesem Abend von der Bühne herabsteigen – das erste Mal noch unter dem wahrscheinlich größten im freien Handel erhältlichen Regenschirm – und seine Fans angeigen. Zu einem großen Teil sind das Frauen, die etwas älter sind als der zeitlose Schwiegermutterliebling Garrett selbst. Aus nächster Nähe hören sie so zum Beispiel Ed Sheerans „The Joker and the Queen“, das Garrett inspiriert von Sergei Rachmaninoff neu instrumentiert hat. Jedenfalls kommt ein Klavier vor und die Begleitung bildet einen samtigen Akkordteppich für Garretts Violingesang.So geht Garrett auf seine Hörerinnen und Hörer zu. Die andere Vermittlungsleistung, die zwischen den zwei musikalischen Welten, ist ein bisschen komplexer. Harry Styles’ Lied „As It Was“ etwa kündigt Garrett in seiner durchweg zugänglichen, sympathisch knapp gehaltenen Moderation an als „leicht wie ein Mozart-Rondo“. Da ist was dran, die federnden Einleitungstakte, die schmeichelnde Geigenmelodie haben sommerlichen Charme.Doch Garretts Kommentar erinnert auch daran, dass er selbst Mozarts Violinkonzerte eingespielt hat, mit niemand Geringerem als dem Dirigenten Claudio Abbado. Garrett war damals ein Teenager, dem mit erstaunlicher Musikalität eine organisch wirkende Mozart-Interpretation gelang und der noch weit entfernt war von den späteren Crossover-Projekten.Michael Jackson oder Mozart: David Garrett kann beides. Robert HaasDer junge Garrett, das Wunderkind, ist eine andere Künstlerpersönlichkeit als der Star auf dem Königsplatz. Und trotzdem knüpft der Showgeiger immer wieder an diesen Strang seines Lebenslaufs an. Zwischen den Pop-Schlagern „Moves Like Jagger“ und „Señorita“ fällt dann eben ein Halbsatz wie „Von meinem Lehrer Itzhak Perlman habe ich gelernt, dass…“. Im zweiten Teil des Programms spielen Garrett und sein Ensemble ein langes Medley, das eine Art klingender biografischer Rückblick sein soll, wie der Geiger sagt.Allerlei Stücke wie Michael Jacksons „Smooth Criminal“ oder Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ treffen da aufeinander, aber dazwischen auch die Alla turca-Episode aus Mozarts fünftem Violinkonzert. Die Offenheit, mit der Garrett seine abgebrochene Karriere als klassischer Musiker in seine Show integriert, ist bemerkenswert. Dabei wird allerdings bewusst, was ihm seither verloren gegangen ist. Die klangliche Nuanciertheit, mit der das Wunderkind begeistert hat, besitzt der heutige Geiger nicht mehr.Er braucht sie auch nicht mehr. Wenn Garrett am Ende, unterstützt von seinem Orchester und einer angemessen bunten Bühnenshow, Taylor Swifts „Shake It Off“ fiedelt, stürmen die Leute durch den kalten Matsch zum Bühnenrand, um sich in der Nähe ihres Idols warm zu tanzen: Garrett verbreitet Freude. Das ist nicht nichts.