Am Donnerstagabend wird der Tisch gedeckt. Eine halbe Stunde platzieren Kellner Teller und Gläser, Messer und Gabeln. Richten sie aus, treten ein, zwei Meter zurück, um mit bloßem Auge das Arrangement zu prüfen. Um sie herum beeilen sich Pistenarbeiter der Rennstrecke von Zandvoort, letzte Hand anzulegen vor dem Großen Preis der Niederlande. Der Wind treibt fette, dunkelgraue Wolken über die Zielgerade. Dort, wo sich am Sonntag die Formel-1-Boliden röhrend auf den Weg machen (15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel, Sky und RTL), nehmen Gäste in Abendgarderobe Platz. Sie horchen einer Band und heben das Glas – auf die letzte Runde.Das Heimatrennen von Max Verstappen wird es nächstes Jahr nicht mehr geben. Wieder rausgestrichen nach fünf Jahren aus dem großen Kalender. 24 Rennen pro Saison, aber keines mehr im Land des viermaligen Weltmeisters an der Nordseeküste, 30 Kilometer westlich von Amsterdam? „Das Geld“, sagt ein Fan in der Haltestraat der kleinen Gemeinde. Er dreht sich, ein Bier balancierend, tanzend weg.Vollgas mit DruckbetankungDie Haltestraat von Zandvoort ist am Donnerstag zur Festivalzone erklärt worden. Mit Eingangs- und Ausgangskontrolle, überwacht von restriktiven Privatsheriffs, während das Auge des Gesetzes wohlwollend Aufsicht führt. Noch gibt es keine Sekunde Rennverkehr, aber in der Haltestraat und anderen Feierzonen wird bis in die Nacht Vollgas gegeben, inklusive Druckbetankung. Ein Bass bollert, Sopranistinnen kreischen hier und da wie Zehnzylinder am Drehzahllimit. Obwohl sich die Menschen dicht gedrängt im Rhythmus wiegen, ist alles im Fluss, hochprozentig. Besonders das Geld.Ein guter Schein soll ja nicht trügen. Am Freitag zieht nicht enden wollender Besucherstrom zur Rennstrecke. Aber trotz der Auslastung steht das Finale für Verstappens Heimatrennen schon seit eineinhalb Jahren fest. „Wir sind in Privatbesitz und müssen daher eine Balance zwischen dem Veranstalten dieses Events und anderen Risiken und Verantwortungen finden“, sagt Robert van Overdijk, Direktor der Rennstrecken-Gesellschaft, immer wieder. Frei übersetzt: Für Geschäftsleute ist ein Formel-1-Rennen nicht refinanzierbar. Der Plan ist gescheitert.Inzwischen sind 40 Millionen Dollar pro Rennen DurchschnittDie Gründe liegen auf der Hand. Den Auftritt des Fahrerfeldes lässt sich das Formel-1-Management bezahlen. Dazu muss der Promotor eine werbefreie Rennstrecke zur Verfügung stellen für die Sponsoren der Formel 1 und Organisationskosten zahlen. Als Einnahme bleibt der Ertrag aus dem Verkauf der Eintrittskarten. Zandvoort soll – Zahlen werden nicht veröffentlicht – zunächst eine relativ niedrige Gebühr bezahlt haben, geschätzt 15 bis 20 Millionen Dollar (12,8 -17,9 Millionen Euro).Inzwischen sind 40 Millionen Dollar (34,11 Millionen Euro) eher der Durchschnitt. Um so viel Geld einnehmen zu können, müssten 133.000 Zuschauer jeweils mehr als 300 Euro pro Ticket zahlen. Die Tribünen in den Dünen fassen aber allenfalls 70.000. Vor ein paar Wochen hat Prinz Bernhard von Oranien-Nassau, eine der Triebfedern, seine Anteile an der Rennstrecke verkauft.„Ich werde es sehr genießen“, sagt Verstappen zur Abschiedsvorstellung mit Wehmut in der Stimme. Dahinter steckt etwas mehr als Patriotismus. Der geschwungene Kurs mit den beiden Steilkurven zwischen kleinen Tal- und Aufstiegspassagen gefällt den Piloten. „Old school“, sagt der Rekordpilot der Formel 1, Lewis Hamilton anerkennend. „Aus Sicht des Fahrers ist es eine unglaubliche Strecke“, erzählt Kimi Antonelli lächelnd.Der Shootingstar von Mercedes wünscht sich zum Finale eine Premiere: den ersten Sieg eines Silberpfeils in Zandvoort seit dem Wiedereinstieg als Werksteam, mit ihm am Steuer selbstverständlich. Ob den Italiener allein die „Langeweile“ in der letzten Ferienwoche der Formel-1-Sommerpause ausreichend beflügelt zum siebten Triumph im zwölften Grand Prix?Unter Fahrern beliebt: Auch Pierre Gasly, hier im Alpine, genießt die Tour in der Dünenlandschaft.AFPBeim Aufrüstungsprogramm macht Ferrari den nächsten Schritt: angereist mit einem neuen Unterboden. Vorteil Scuderia? Auch McLaren hebt den Finger nach dem Sieg von Lando Norris in Ungarn vor einem Monat. Viel Zeit bleibt niemandem, Neues zu testen. Wenn samstags ein Sprint-Rennen gefahren wird (12.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel, auf Sky und RTL), gibt’s freitags nur eine Trainingsstunde. Was mitunter den besonderen Steuerkünstlern entgegenkommt. Sie fiebern der Chance entgegen, bei tückischen Böen in ihren so windanfälligen Boliden die Rundzeitprognose des eigenen Teams zu unterbieten und sich keinen Fehler zu erlauben.„Eine der besten Strecken im Kalender“, sagt Verstappen auch deshalb beim Blick aus dem Cockpit seines vermutlich nicht so fixen Red Bull. Der Blick über die Piste hinaus lässt erahnen, warum die Formel 1 ohnehin weiter ziehen müsste. Die Haupttribüne ist nur zu einem Drittel überdacht. Boxengebäude müssten renoviert, die Streckenpassagen verändert werden, um Überholmanöver in der Formel 1 halbwegs möglich zu machen. Der Schutz der Dünenlandschaft lässt so wenig Spielraum wie die Kassenlage.Sie ist ein Problem der meisten Veranstalter in Europa. Ihre Konkurrenz in Übersee stützt sich überwiegend auf eine Subventionierung durch staatliche Unternehmen. Deshalb fällt es deutschen Promotoren äußerst schwer, die Formel 1 wieder in Schumachers Heimat kreisen zu lassen. Aus Afrika und Südamerika gibt es neue Angebote.Weil die Folgen des Irankrieges wahrscheinlich zur Absage der Grand Prix in Qatar und Abu Dhabi zum Jahresende führen, sinken zwar gerade die Preise. Aber am ersten und zweiten Advent müssten Formel-1-Teams auf dem Weg nach Deutschland besondere Konstruktionen im Gepäck haben: Frontspoiler mit Schneeschieber.
Formel 1 in Zandvoort: Warum das Rennen zu teuer ist
Auf die letzte Runde: In Zandvoort wird auf der Zielgeraden angestoßen. Selbst in Max Verstappens Heimat sind die Antrittsgagen der Formel-1-Teams nicht zu refinanzieren.












