Manchmal braucht ein Buch ein halbes Jahrhundert, um seine Leser zu erreichen. Zum Beispiel, weil es in einem Land geschrieben wurde, in dem die Kulturbeauftragten Angst vor dem freiheitlichen Denken ihrer Autoren hatten. So erging es dem Roman „Gegen Wind“ von Gerti Tetzner, der Anfang der Achtzigerjahre eigentlich im Mitteldeutschen Verlag nach ihrem Achtungserfolg „Karen W.“ erscheinen sollte. Aber der Verleger knallte es der Autorin auf den Tisch und befand, es sei der „der letzte Dreck“. Auch die Staatssicherheit mischte mit.
Der Druck wurde verhindert. Gerti Tetzner verstummte als Gegenwartsautorin. Das Manuskript verschwand, überdauerte die DDR aber im Schrank eines Weggefährten. Nun, rund 45 Jahre später, hat der Aufbau-Verlag den Roman dem Vergessen entrissen und ihn endlich herausgebracht, was man als wunderbare Würdigung einer fast 90-Jährigen betrachten darf, die beinahe aus der Literaturgeschichte verschwunden wäre.
Gelbliches Papier in einem grauen Klemmordner
An diesem Tag kommt Gerti Tetzner extra in das Verlagshaus am Moritzplatz, um ihr Werk vorzustellen, daraus vorzulesen und darüber zu sprechen. Sie lebt in einer kleinen Wohnung in Pankow, ist beeindruckend rüstig und spricht mit warmer, fester Stimme. Es geht die Aura einer Frau von ihr aus, die sich trotz eines harten und bescheidenen Lebens, das durch den Suizid der Tochter noch extra beschwert wurde, ihre Würde nie hat nehmen lassen – Jammern kam nicht in Frage.







