Kreuz und quer ziehen sich die rot-weißen Baustellenabsperrungen über den Vorplatz des Laimer Bahnhofs. Unzählige gelbe Markierungen sollen Fußgängern, Rad-, Auto- und Busfahrern auf der als Laimer Kreisel bekannten Kreuzung der Landsberger mit der Fürstenrieder Straße Orientierung geben. An den Ampeln herrscht dichtes Gedränge, und nicht jeder hält sich an diesem Vormittag an die Rotphasen. Auf diesem Platz lässt sich wie unter dem Brennglas beobachten, was im Münchner Westen derzeit los ist: das orchestrierte Chaos in einem Stadtteil am absoluten Limit.In der Unterführung versucht eine ältere Frau, die Hand fest am Griff ihres Koffers, auf den Hinweistafeln der Deutschen Bahn (DB) den Weg zu finden. Sie müsse zum Hauptbahnhof, sagt sie, ihr Zug nach Hamburg fahre in einer halben Stunde ab. Um den Schildern der DB etwas Nützliches abzugewinnen, fehlt ihr aber die Geduld. Hilfesuchend wendet sie sich im Seitentunnel, der zu den gesperrten S-Bahngleisen des Bahnhofs führt, an einen Bahn-Mitarbeiter in orangefarbener Weste. Und der hat gleich mehrere Tipps parat: Sie könne den Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen Pasing und der Hackerbrücke nehmen, mit dem 51er-Bus bis zum Laimer Platz fahren und dort in die U-Bahn steigen. Oder wahlweise die Tram der neuen Westtangente ebenfalls zum Laimer Platz nutzen.Immer wieder versuchen sich Reisende während der Komplettsperrung des S-Bahn-Verkehrs am Laimer Bahnhof an den Schildern der Deutschen Bahn zu orientieren. Robert HaasAm Ende steigt die Frau vollkommen entnervt an der Landsberger Straße in ein Taxi. Sie ist nicht die Einzige an diesem Tag, der anzumerken ist, dass sie die Situation vor dem Laimer Bahnhof überfordert.Denn seit Dienstag dieser Woche ist eine weitere Einschränkung im 25. Stadtbezirk hinzugekommen, die den Menschen viel abverlangt: Noch bis kommenden Dienstag ist der Laimer Bahnhof – wie auch die Station Hirschgarten – komplett für den S-Bahnverkehr gesperrt. Die Deutsche Bahn treibt hier die Arbeiten für die zweite Stammstrecke voran und baut den Bahnhof um.Auch der S-Bahnhof Hirschgarten ist derzeit komplett gesperrt. Dort stehen Baufahrzeuge für den Umbau des Laimer Bahnhofs bereit. Foto: Robert HaasBei der mehrtägigen Komplettsperrung der beiden Bahnhöfe wird es nicht bleiben. Vielmehr müssen sich die Menschen im Münchner Westen beim S-Bahn-Betrieb auf eine mehrjährige Belastungsprobe einstellen. Denn nach der Komplettsperrung wird am Laimer Bahnhof wieder ein Gleis in Betrieb genommen – dort aber wird voraussichtlich bis Mitte 2028 nur die S5 halten; die Linien S3, S4, S6 und S8 werden in Laim durchfahren, weil der alte Bahnsteig in diesem Zeitraum abgerissen und neu gebaut wird.„Das ist alles zu viel auf einmal. Das hält ein ganzer Stadtteil einfach nicht aus“, sagt Josef Mögele, Vorsitzender des Laimer Bezirksausschusses (BA) von der SPD. „Diese ganzen Baustellen auf einmal, das kann nicht gut gehen.“Was Mögele meint, ist die Gleichzeitigkeit von mehreren Infrastrukturvorhaben, die Laim und angrenzende Stadtteile seit Jahren belasten und noch auf Jahre an ihre Grenzen bringen werden. Seit vier Jahren wird an der Verlängerung der U5 vom Laimer Platz nach Pasing gebaut. Drei neue Bahnhöfe – Baumschule Laim, Am Knie und Pasing – entstehen entlang der 3,8 Kilometer langen Neubaustrecke. Der erste Teilabschnitt bis zur Baumschule Laim soll voraussichtlich Anfang der 2030er-Jahre in Betrieb gehen.Der Eingriff ins Stadtteilbild, den die Baustelle hinterlassen hat, ist enorm. Phasenweise erinnerte die Gotthardstraße, unter der die verlängerte U5 verlaufen wird, an eine Mondlandschaft. Mittlerweile ist der U-Bahntunnel in diesem Bereich zwar nahezu komplett überdeckelt und die Oberfläche kann wieder hergestellt werden. Anwohnerinnen und Anwohner aber klagten immer wieder über die Belastungen durch den Baustellenlärm und -dreck.Derzeit werden die Gleise der Tram-Westtangente von der Agnes-Bernauer-Straße Richtung Laimer Bahnhof verlegt. Foto: Robert HaasNicht anders erging es den Menschen in der nahen Fürstenrieder Straße. Dort begannen die Bauarbeiten an der neuen Tram-Westtangente im Mai 2024. Mittlerweile ist der erste Abschnitt der neuen Straßenbahn von der Agnes-Bernauer- bis zur Ammerseestraße in Betrieb und erfreut sich großer Beliebtheit.Doch während der Bauzeit in diesem Bereich der Fürstenrieder Straße klagten Anwohner und Gewerbetreibende ebenfalls über die massiven Einschränkungen durch die Baustelle. Geschäftsbesitzer berichteten von großen Gewinneinbrüchen, weil Kunden ausblieben und kaum mehr Parkplätze zur Verfügung standen. Mieterinnen und Mieter bemerkten Risse in den Wänden ihrer Wohnungen und führten diese auf Erschütterungen durch die Bauarbeiten zurück.Mittlerweile haben sich die Arbeiten an der Westtangente Richtung Laimer Bahnhof verlagert. Dort wird die Tram künftig durch einen neuen Tunnel Richtung Romanplatz in Nymphenburg fahren: die sogenannte Umweltverbundröhre. Dass deren Fertigstellung auf sich warten lässt, kritisiert Laims BA-Vorsitzender Mögele: „Wenn die Röhre endlich fertig würde, wäre uns schon viel geholfen. Dann könnten wir im Viertel mit etwas Entlastung rechnen.“Die alte Laimer Unterführung bekommt Konkurrenz: Im kommenden Jahr soll die neue Umweltverbundröhre fertig werden. Foto: Robert HaasBereits im Juni hatte auch der Fahrgastverband Pro Bahn bemängelt, dass die Arbeiten am Laimer Bahnhof nicht schnell genug vorangingen und dadurch auch die Arbeiten an der neuen Röhre für Fußgänger, Radfahrer und die Tram verzögert würden.Dem widerspricht die Deutsche Bahn und lässt auf Anfrage verlauten, dass die Umweltverbundröhre „wie vereinbart“ im kommenden Jahr an die Landeshauptstadt München übergeben werde. Bis Straßenbahnen durch die neue Röhre fahren werden, dauert es voraussichtlich aber noch bis Ende 2028, dann soll der Abschnitt vom Romanplatz bis zur Agnes-Bernauer-Straße in Betrieb gehen. „Ziel ist nach wie vor die Gesamtinbetriebnahme der Tram-Westtangente bis Ende 2028“, bestätigt die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) auf Nachfrage.Deutlich schneller soll es im Bereich vor dem Laimer Bahnhof gehen. Die „Arbeiten für Sparten und Gleisbau“ im Umfeld des Laimer Kreisels, so die MVG, sollen Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Dies beinhaltet neben den Gleisen auch die Rad- und Gehwege. Bis dahin müssen sich die Laimerinnen und Laimer noch mühevoll den Weg durch das orchestrierte Chaos bahnen.
München: In diesem Stadtteil herrscht fast überall orchestriertes Chaos
Im Münchner Westen ächzen die Bewohner schon lange unter Lärm, Dreck und Verkehr der vielen Baustellen. Nun wird der Laimer Bahnhof umgebaut – und das ist nur der Anfang einer mehrjährigen Belastungsprobe.






