Frederike Fausts Lieblingsgeschichte hat viele Varianten, folgt aber immer dem gleichen Muster. Sie beginnt mit einem stillen, schüchternen Kind. Eines, das oft nur flüstert, manchmal nur „Piep“ sagt, wie es Faust ausdrückt. Bis es auf die Bühne tritt – und plötzlich laut und klar spricht, selbstbewusst singt und tanzt, vor rund 800 Zuschauern.Manche junge Menschen in und um Röttingen haben diese Verwandlung erlebt. Zu verdanken haben sie das unter anderem der Theaterpädagogin Frederike Faust.Frederike Faust leitet das „Junge Theater“. Judith Menth/privatSeit zehn Jahren bringt sie Kinder und Jugendliche auf die große Freilichtbühne der Frankenfestspiele in Röttingen, einem Städtchen im Landkreis Würzburg in Unterfranken. Dort leitet sie das Junge Theater. Im Jahr 2016 hat es der damalige Intendant Knut Weber ins Leben gerufen. Seit 2019 führt es Intendant Lars Wernecke fort.Faust bringt hier Stücke wie „Pippi Langstrumpf“ und „Robin Hood“ auf die Bühne. Zum Repertoire gehören auch Stücke, die ursprünglich für professionelle Schauspieler gedacht sind. In Röttingen werden sie aber von Kindern der ersten bis neunten Klasse gespielt. Besonders herausfordernd, sagt Faust, weil die Jüngsten ihre Texte noch nicht selbst lesen können. Die größeren Rollen übernehmen deshalb eher ältere Schüler.Viele Freilichttheater haben Angebote speziell für Kinder. Bemerkenswert ist das Röttinger Angebot vor allem, weil der Ort nur rund 1600 Einwohner zählt und auf dem Land liegt: Von Würzburg aus braucht man rund 45 Autominuten. Einen Weg, den seit zehn Jahren einige Kinder auf sich nehmen.Ich find’s toll, auf der Bühne zu stehen.Hanna, zwölf Jahre altIhre Lieblingsgeschichte will Frederike Faust die Kinder und Jugendlichen aber lieber selbst erzählen lassen. Den Anfang macht Hanna, starke Stimme und sicheres Auftreten – das war aber nicht immer so. „Früher war ich ein bisschen schüchtern“, erzählt die Zwölfjährige. Vor Präsentationen in der Schule kribbelte es in ihrem Bauch. Doch die Aufregung ist besser geworden – seit sie im Jungen Theater spielt. Nun fallen ihr Präsentationen vor der Klasse leichter. Inzwischen sagt die Röttingerin: „Ich find's toll, auf der Bühne zu stehen.“ In diesem Jahr spielte sie im Stück „Robin Hood“ eine Hofdame und einen Bettler.„Lächeln“, ruft Frederike Faust den rund 40 Kindern zu, die gerade auf der Bühne tanzen. Im Hintergrund laufen Songs aus „Robin Hood“, das Musical spielten sie in diesem Jahr. Die Kinder stehen in zwei Reihen, werfen synchron ihre Arme in die Luft, drehen sich um ihre eigene Achse, setzen einen Fuß vor den anderen. Kaum ist der Song zu Ende, wollen noch mehr Kinder ihre Geschichte erzählen.Gemeinsames Theaterspielen verbindet - und es sorgt sogar für bessere Deutsch-Noten. Wilhelmine Glaßer„Durch das Theaterspielen kann ich bei Präsentationen vor der Klasse besser und freier sprechen“, sagt Valentina. Auch Ira-Anessa erzählt, dass sie selbstbewusster geworden ist. Sie traut sich jetzt, auf „wildfremde Menschen“ zuzugehen und ihnen Komplimente zu geben. Bei Nina ist die Aufregung in diesem Jahr weniger geworden. Der Grund: ihr verändertes „Mindset“: „Ich habe richtig Bock, zu zeigen, was ich kann, was wir uns zusammen aufgebaut haben, wofür wir so lange geübt haben.“ Celian hat viele neue Wörter kennengelernt, seine Stimme und Aussprache haben sich verbessert.Auch die Gruppe ist zusammengewachsen – „wie eine große Familie“, sagt Emma. „Vor allem in der Endprobewoche wächst man intensiv zusammen“, sagt Nina, „man ist jeden Tag mehrere Stunden zusammen. Auch die Auftritte schweißen zusammen.“ Sie drücken sich und kichern. „Love you guys“, sagt einer und quietscht.Bessere Deutsch-Noten nach dem TheaterworkshopDer Höhepunkt sind die Frankenfestspiele im Sommer. Hier treten die Jüngsten auf professioneller Bühne auf, vor bis zu 800 Zuschauern. Zuvor wird geprobt und der Text einstudiert, oft entstehen die Stücke an den Probenwochenenden, erklärt Faust.Doch das Junge Theater hat auch ein ganzjähriges theaterpädagogisches Angebot: Frederike Faust geht in Kooperationsschulen, bereitet Stücke vor und nach – und die Schüler kommen nach Röttingen zum Zuschauen. Auch Theaterworkshops bietet Faust an. Kürzlich bedankte sich ein Realschullehrer bei ihr, wie sie erzählt: Nach der Vorstellung von „Mord im Orientexpress“ hätten seine Schüler gut bei der Deutsch-Abschlussarbeit abgeschnitten.Das Theater zieht auch viele Besucher und Besucherinnen nach Röttingen, sagen Frederike Faust und Bürgermeister Steffen Romstöck. Im vergangenen Jahr haben die Frankenfestspiele laut Romstöck die 20 000er-Marke geknackt. Den Auftritten des Jungen Theaters – Robin Hood, Pippi Langstrumpf und dem Jubiläumskonzert – schauten in diesem Jahr fast 6000 Besucher in der Burg Brattenstein zu, schätzt Faust.Vier Frauen starben unter den Trümmern der Burg BrattensteinDabei hat dieser Ort eine traurige Geschichte. Seit 1955 war im Osttrakt eine Kleiderfabrik ansässig. 16 Jahre lang ratterten dort die Nähmaschinen. Im Jahr 1971, am 5. November um 13.10 Uhr, stürzte die Längswand an der Talseite ein. 13 Frauen wurden von den Trümmern verschüttet, vier von ihnen starben. Bauarbeiten und die langjährigen Schwingungen der Nähmaschinen trugen wohl dazu bei, dass der Mörtel seine Bindekraft verlor.Viele Jahre klaffte dort eine Lücke. 46 Jahre später baute man den Ostflügel wieder auf, im Jahr 2018 wurde er eingeweiht. Kurz darauf erhielt er unter anderem den „Bayerischen Architekten Oscar“. Die moderne Konstruktion nimmt die Zuschauertribüne der Frankenfestspiele auf, darüber öffnet sich der Stadtbalkon – mit Blick über Röttingen und das Taubertal.Heute klackern in der Burg keine Nähmaschinen mehr. Stattdessen ertönt Applaus. Manchmal gilt er erfahrenen Schauspielern. Und manchmal Kindern, die zum ersten Mal in ihrem Leben vor 800 Zuschauern sprechen.