Die Blechbläser mitten unter den Grundschülern bei „Sinfonik hautnah“, bestens vorbereitete Klassen, die für Gleichaltrige ganze Konzertprogramme am Abend erläutern, Kinder, die am frühen Vormittag aus voller Kehle mitsingen, und Jugendliche, die zu Swing tanzen: Musik für junges Publikum inspiriert. Das geht auch den Musikern selbst so, die viel mitnehmen aus diesen besonderen Konzerten. Das soll in der nächsten Saison nicht nur weitergeführt werden: Pegasus, das Angebot für Kinder, Jugendliche und Familien in der Alten Oper, ist ein Projekt, das darauf angelegt ist, nie stehenzubleiben.Seit 2012 gibt es Pegasus, abgeleitet von der Skulptur des geflügelten Pferdes auf dem Dach der Alten Oper, Musik, extra zugeschnitten auf Kinder und Jugendliche. Seither haben die Angebote rund 325.000 Teilnehmer erreicht. Jahr um Jahr wird bewertet, verfeinert, ausgebaut. Viel ist schon geschehen. Die neuen „Klangforscher“ etwa schließen seit dieser Saison eine Lücke im Angebot für Grundschüler von sechs bis neun Jahren, mit dem „Podium Zukunft“ hat es im April zum ersten Mal ein Treffen internationaler Jugendorchester und hiesiger Schulorchester gegeben. Für Intendant und Geschäftsführer Markus Fein ist unter den Höhepunkten einer besonders im Gedächtnis: die erste Eigenproduktion „Hüpfen“ mit Regisseur Anselm Dalferth und dem Bridges Kammerorchester. „Das hat uns weit nach vorn gebracht und uns darin bestärkt, dass wir als Alte Oper das Thema Musiktheater oder inszenierte Musik immer mehr vorantreiben wollen.“Die spielerische Inszenierung in der Programmschiene „Rabauken und Trompeten“ für Kinder von drei bis sechs Jahren habe viel Interesse bei anderen Häusern mit ähnlichem Angebot zur Folge gehabt, so Fein. „Das hat auch bei uns im Selbstverständnis etwas verändert, wir finden Anschluss an die Szene, auch mit den Produktionen, die wir nach Frankfurt holen. Dafür steht zum Beispiel die ganz neue Produktion ‚Grand Hotel Federspiel‘, die wir für die Reihe ‚Klangforscher‘ nach Frankfurt holen.“ Das sieht auch der für das Pegasus-Programm verantwortliche Constantin Zill so, denn in jeder Eigenproduktion stecke viel Arbeit. Diese Entwicklung soll fortgesetzt werden. „Wir setzen uns ehrgeizige Ziele, das Programm qualitativ und quantitativ auszubauen“, so Fein. Weshalb es gleich zwei weitere Lückenschlüsse geben wird. Zwischen die „Klangforscher“ und die Jungen Konzerte, die Konzertvisiten für Schulklassen und die Jazz-Formate, die alle für Kinder und Jugendliche im Alter der weiterführenden Schulen gedacht sind, schiebt sich, für Kinder von acht bis zwölf Jahren, ein neuer, unterhaltsamer Mix aus Theorie und Praxis. Denn die Alte Oper wird eine eigene „Kinderuni“ bekommen. Das an Hochschulen beliebte Format, Professorinnen und Professoren für kindgerechte wissenschaftliche Vorlesungen zu gewinnen, nutzt Pegasus, um das Interesse vieler Kinder jenseits des reinen Musikhörens aufzugreifen, das bei vielen Konzerten zu spüren sei.Lücken ausmachen und gezielt schließenEine weitere Lücke wird ein neues Angebot für die Allerjüngsten schließen: „Wir merken immer, wie präzise wir sein müssen“, so Fein. So habe man im Angebot eine „Schwachstelle“ ausgemacht – zwei Altersgruppen in einem Format, den „Entdeckern“ von ein bis drei Jahren. Für die vielen null bis ein Jahr alten Kinder gibt es jetzt erstmals Babykonzerte. Und die „Entdecker“, kurze, sehr zugewandte und interaktive Musikformate, widmen sich ganz den Kindern von ein bis drei Jahren. „Es braucht eine altersgerechte Gestaltung. Dabei ist Nähe sehr wichtig. Babys brauchen den ungestörten Raum, diesen Bedürfnissen werden die Babykonzerte gerecht“, so Zill. Nicht nur musikalisch, auch mit Angeboten zum Mitsingen oder kleinen Spielelementen sind die Babykonzerte auf die Interaktion von Babys und Eltern ausgerichtet.Das Ziel habe es schon länger gegeben, ein Augenöffner aber war ein Eltern-Baby-Konzert, das die Geigerin Hillary Hahn im Mai 2025 in der Alten Oper anlässlich eines Gastspiels veranstaltet hatte. „Sie sagte, ihr sei das ganz wichtig. So haben wir das liebend gern realisiert und gesehen, welche Resonanz das hatte und wie beglückt alle waren. Das hat uns darin bestärkt, das zu verstetigen. Wir wollen nicht eine Formatidee überstülpen, sondern in den nächsten Monaten und Jahren Erfahrungen sammeln“, so Fein. „Hilary Hahn richtet sich vor allem an die Eltern, weil diese im ersten Lebensjahr des Kindes kaum Konzerterlebnisse haben“, sagt Zill. „Das Erlebnis für die Eltern ist für uns bei allen Konzerten ein wichtiges Element. Aber es geht auch darum, dass Babys im geschützten Rahmen einen ersten Kontakt zu hochwertiger Live-Musik haben, und wir können das atmosphärisch gestalten, nah am Kind.“Markus Fein, Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper, legt Wert auf Jugendarbeit.Maximilian von LachnerNah an den Kindern und an ihren Eltern zu sein, ist A und O der Programmgestaltung, um solche Bedürfnisse zu erkennen und in Programme umzusetzen. „Wir sprechen viel mit den Besucherinnen und Besuchern im Foyer, es ist schwer, exakt zu evaluieren, aber wir bekommen viele positive Rückmeldungen“, bilanziert Zill auch das, was 2025/26 an Neuerungen kam. Seither hat zum Beispiel ein scheinbar kleiner Kniff Großes bewirkt: Nicht mehr einmal in der Saison, sondern zu drei Terminen können Tickets gebucht werden. „Wir haben das Volumen der Tickets und Veranstaltungen ausgebaut, und es ist richtig, dass viele Konzerte gerade für jüngere Kinder nach wie vor ausverkauft sind – aber nicht alle“, sagt Markus Fein. „Bei den Reihen, die wir im Anschluss für größere Kinder geschaffen haben, gibt es öfter die Chance auf Tickets. Unsere neue Reihe ‚Klangforscher‘ findet zweimal im Mozart-Saal statt, da haben wir mit insgesamt mehr als 1000 Plätzen ein großes Volumen geschaffen. Und auch für die ‚Jungen Konzerte‘, die wir in neuer Konstellation gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester veranstalten, gibt es oft noch Karten.“Constantin Zill, Leiter der Abteilung Pegasus, Programm für Kinder, Jugendliche und Familien an der Alten OperBen KuhlmannDie drei Buchungstermine, ergänzt um Extrazeitfenster für Kitas und Schulen, hatten noch einen anderen und wünschenswerten Effekt, ergänzt Zill: Die Besucher und vor allem die Einrichtungen könnten kurzfristiger planen. Das kommt offenbar den Bedürfnissen gerade jener entgegen, die noch nie oder selten in die Alte Oper gekommen sind, hat er festgestellt. Das sorgt für mehr Diversität.Dafür wird sicher auch ein ganz neues Format sorgen, das Zill an seiner früheren Wirkungsstätte, der Hamburger Elbphilharmonie, entwickelt hat und das ungeheuer gut angekommen ist: Mit „Let’s play“ führt er Live-Gaming mit einem Live-Konzert zusammen. Davon sind Jugendliche von etwa 14 Jahren an ebenso fasziniert wie Menschen jenseits der 50. Das wird auch gestreamt, bis zu 160.000 Personen haben über Twitch schon daran teilgenommen, so Zill. Das Mahler Chamber Orchestra hat sich in dieses Format bestens eingefunden. Überhaupt spüre er bei vielen Musikern Offenheit, mit jungem Publikum zu arbeiten, so Zill. „Und wir benötigen auch Musiker, die sich darauf ganz einlassen, denn das ist der entscheidende Faktor, ob der Funke überspringt, ob die Formate positiv erlebt werden.“Auch früher habe es Musiker gegeben, die für die Jungen gearbeitet hätten, so Fein, „aber heute gibt es, gerade unter den jüngeren Musikern, ein Bewusstsein dafür, dass man aktiv dazu beitragen muss, die Kulturform Konzert in die Zukunft zu tragen. Und wir laden diejenigen ein, die das mitbringen, die eine Leidenschaft dafür haben, mit uns darüber nachzudenken. Ich spüre ein intrinsisches Interesse, und das scheint mir in dieser Dringlichkeit neu. Wir alle im Musikbetrieb sind dazu aufgerufen, unseren Teil dazu beizutragen.“Um das Publikum immer wieder neu zu erreichen, vor allem Schulen und Kitas, ist allerdings unermüdlicher Einsatz nötig. Es gehe nicht nur darum, „das einzelne Kind musikalisch durch die Kindheit zu führen“, so Fein: „Wir sehen uns als Teil einer Gesamtinitiative, um durchlässig und offen zu sein gerade für diejenigen, die das Angebot von Pegasus noch nicht wahrgenommen haben. Daher sind wir auch besonders stolz auf Veranstaltungen mit Kitas, die wirklich garantieren, in der Breite der Stadtgesellschaft zu agieren.“ Das aber muss die Alte Oper auch erwirtschaften, und ohne private Förderer geht das nicht. „Aber wir sehen, wie wichtig das ist, und wir bekommen unendlich viel zurück“, so Fein: „Wir gehen diesen Weg weiter.“