InterviewDer Chefökonom von Economiesuisse zum Handelsvertrag mit China: «Die NGO müssen sich fragen, ob sie illusorische Forderungen stellen wollen»Das aufdatierte Abkommen befreit fast alle Schweizer Exporte von Zöllen – und sorgt wegen Chinas Menschenrechtsbilanz für Zündstoff. Rudolf Minsch verteidigt den Deal.21.08.2026, 14.02 Uhr5 LeseminutenDas modernisierte Handelsabkommen ermöglicht fast allen Schweizer Waren einen zollfreien Zugang zum chinesischen Markt.Markus Mainka via www.imago-images.de / www.imago-images.deOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Exporteure der Schweiz durchleben schwierige Zeiten: In den USA regiert ein Präsident, dessen Handelspolitik schwer kalkulierbar ist. Und in der EU wuchert die Bürokratie und mehren sich protektionistische Reflexe, worunter auch die Schweizer Aussenwirtschaft leidet.Nun gibt es immerhin vom drittwichtigsten Handelspartner eine gute Nachricht. So wurden am Donnerstag die Verhandlungen über die Modernisierung des aus dem Jahr 2014 stammenden Freihandelsvertrag zwischen der Schweiz und China erfolgreich abgeschlossen.Wird die Anpassung vom Parlament und später allenfalls Stimmvolk gutgeheissen, werden neu 99,8 Prozent der Schweizer Exporte zollfrei nach China gelangen. Ob der Vertrag den politischen Prozess übersteht, ist aber offen. Für Kritik sorgt etwa Chinas Menschenrechtsbilanz.Rudolf Minsch ist Chefökonom von Economiesuisse und verantwortet beim Wirtschaftsverband das China-Dossier. Er ist überzeugt, dass das Abkommen nicht nur beim Handel, sondern auch bei den Arbeits- und Menschenrechten einen Fortschritt gegenüber dem Status quo bringt.Frage: Herr Minsch, die Schweiz hat das Freihandelsabkommen mit China modernisiert. Warum brauchte es dieses Facelifting?Antwort: Das bisherige Abkommen ist in die Jahre gekommen. Vor allem in zwei Punkten. Erstens lagen nicht alle Zolltarife im Warenhandel bei null. Es gab immer wieder Diskussionen über gewisse Maschinen oder Kunststoffprodukte, die ungleich behandelt wurden. Bei einigen liegen die Tarifposition bei null, bei anderen nicht. Das verursacht administrativen Aufwand. Es ist immer einfacher, wenn alle Zolltarifpositionen bei null sind und die Zöllner in China das so handhaben können. Das vereinfacht den Warenhandel. Profitieren würden in der Schweiz vor allem die Maschinen-, Chemie - und Pharmaindustrie.Frage: Und der zweite Punkt?Antwort: Moderne Freihandelsabkommen gehen heute weit über den Warenhandel hinaus. Es geht zum Beispiel auch um Digitalisierung oder den Schutz geografischer Ursprungsbezeichnungen. Hier wurden jetzt Verbesserungen erzielt.Frage: Die Verhandlungen gingen überraschend schnell über die Bühne.Antwort: Ja, denn es existiert ja schon das Freihandelsabkommen von 2014. Mit diesem hat man gute Erfahrungen gemacht. Entsprechend ist der Anpassungsbedarf viel kleiner, als wenn man auf der grünen Wiese ein Abkommen neu aushandelt. Zudem existieren seit 2014 gemischte Ausschüsse, in denen Probleme adressiert werden. Die Chinesen wissen seit Jahren genau, wo der Schuh auf Schweizer Seite drückt.Frage: Die EU hat kein Freihandelsabkommen mit China. Wie stark ist der damit verbundene Wettbewerbsvorteil der Schweiz?Antwort: Diesen Wettbewerbsvorteil haben wir schon seit 2014. Er gleicht die Frankenstärke und das hohe Preisniveau in der Schweiz ein wenig aus. Die Zölle lagen bisher im Durchschnitt bei 8 Prozent, was substanziell ist. Wenn diese nun wegfallen, hilft das, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber europäischen Konkurrenten, die kostenseitig sonst klar im Vorteil sind, zu verbessern.Frage: Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Schweiz durch das modernisierte Abkommen mit China nun die Verärgerung der USA auf sich zieht?Antwort: Das erwarte ich nicht. Die Schweiz hat in den letzten Jahren transparent kommuniziert, dass diese Modernisierung angegangen wird. Und wir waren ja bereits offen für chinesische Importe, unsere Industriezölle liegen seit 2024 bei null Prozent. Geschlossen wurden vielmehr Lücken für den Zugang Schweizer Exporte nach China. Für die USA dürfte das kaum zentral sein. Zwar sind die Reaktion der USA schwierig zu prognostizieren. Aber entscheidend ist: Dieses Abkommen sieht keine Bevorzugung Chinas gegenüber den USA vor. Amerikanische Produkte werden in der Schweiz nicht schlechter behandelt als chinesische.Rudolf Minsch, Chefökonom von EconomiesuissePDFrage: Künftig sollen über 99 Prozent der Schweizer Exporte zollfrei nach China fliessen. Das klingt sehr gut. Doch China ist berüchtigt für hohe Handelsbarrieren auch abseits der Zölle. Was konnte in diesem nichttarifären Bereich erreicht werden?Antwort: Zunächst: Das Verhandlungsergebnis ist ein grosser Erfolg für die Schweiz. Natürlich gelten weiterhin nationale Vorschriften und Zulassungsprozedere. Diese sind für alle Unternehmen gleich – egal ob aus der Schweiz oder weltweit. Das ist bei uns nicht anders: Wenn die Schweiz ausländische Medikamente prüft, gilt dies für ein amerikanisches Produkt ja ebenfalls genauso wie für ein britisches. Entsprechend gibt es auch in China nach wie vor spezifische Vorschriften, um Produkte auf dem Markt verkaufen zu können.Frage: Zudem subventioniert China seine Exportfirmen in hohem Mass.Antwort: Man kann das nicht schönreden: China greift aktiv in den Markt ein und hat primär die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie vor Augen. Der chinesische Markt ist schwieriger geworden, auch die Zulassungsvorschriften geben immer wieder zu reden.Frage: Denkt man an den Handel mit China, denken viele an Billiganbieter wie Temu. Vorgesehen ist nun eine engere Zusammenarbeit bei Verstössen gegen die Produktsicherheit. Was bedeutet das konkret für den Online-Handel?Antwort: Das werden wir sehen. Ich gehe davon aus, dass man genauer hinschaut, wenn Plattformen wie Temu die Waren ihrer Händler in die Schweiz verkaufen und deren Produkte die Gesundheit gefährden könnten. Diese Probleme werden nun im Rahmen der Teilrevision des Bundesgesetzes über die Produktsicherheit angegangen. Zudem haben die Konsumenten auch ein gewisses Mass an Eigenverantwortung.Frage: Handelsabkommen sind in der Schweiz keine Selbstläufer mehr. Das zeigt das Gerangel mit dem Mercosur-Vertrag. Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich das Parlament hinter den China-Deal stellen wird?Antwort: Wir versuchen alles, denn es ist ein echter Fortschritt. Auch im Bereich Arbeitsrechte und Umweltfragen bringt das aufdatierte Abkommen Verbesserungen. Nun stellt sich die Frage: Greift man nach den Sternen und glaubt, die gesamte chinesische Politik verändern zu können, oder nutzt man diese realistische Schweizer Möglichkeit, über Dialogplattformen Einfluss zu nehmen und bestehende Probleme zu adressieren?Frage: Wenn der Deal abgelehnt wird, fällt diese Möglichkeit weg.Antwort: Ja, wir haben nun den Fuss in der Tür und können Dinge adressieren, die wir bisher nicht adressieren konnten. Der Status quo ist klar schlechter als das aufdatierte Abkommen. Wenn wir dieses Abkommen ablehnen, passiert bei den Arbeitsrechten und Umweltfragen gar nichts. Dann gibt es keine Verbesserungen.Frage: Die SP macht ihre Zustimmung abhängig von durchsetzbaren Mechanismen zum Schutz der Menschen- und Arbeitsrechte. Ist das gegeben?Antwort: Natürlich nicht. Denn eine Durchsetzbarkeit würde bedeuten, dass die Schweiz vor Ort Polizisten aufstellt – das ist illusorisch. Das Freihandelsabkommen dient dazu, Handelsbeziehungen zu verbessern. Fragen zu Arbeitsrechten und Umwelt müssen gemeinsam diskutiert werden. Aus Erfahrungen mit anderen Abkommen – etwa mit Indonesien – wissen wir, dass man durch diesen Dialog vor Ort durchaus etwas bewirken kann. Die NGOs müssen sich fragen, ob sie illusorische Forderungen stellen wollen oder konkrete Verbesserungen einleiten möchten.Frage: Der Bundesrat betont, China habe erstmals in einer Präambel eines Freihandelsabkommens einem Verweis auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zugestimmt. Wie weitreichend ist das?Antwort: Dass China bereit war, eine solche Formulierung aufzunehmen, ist ein sehr starkes Signal. Wenn man bedenkt, wie sensibel dort auf Kritik von aussen reagiert wird, hätte ich eine solche Präambel vor den Verhandlungen nicht erwartet.Frage: Nun kann man einwenden, dass Worte in einer Präambel geduldig sind und letztlich wenig bewirken.Antwort: Wenn Staaten solche Verträge eingehen, tun sie das im vollen Bewusstsein des Inhalts. Deshalb handelt es sich hier nicht einfach um einen Papiertiger. Das sind konkrete, gute Schritte in die richtige Richtung. Das gilt im Übrigen auch für jenen Absatz, in dem auf die Rechte und Pflichten der Vertragsparteien aus multilateralen Umweltabkommen wie dem Pariser Übereinkommen verwiesen wird. China will hier vorwärts machen.Passend zum Artikel