Ein unproduktives Kulturduell in GraubündenDie zwei benachbarten Musikfestivals in Davos und in Klosters machen sich neuerdings direkte Konkurrenz – das ist keine sinnvolle Idee. Aber es lässt die konträren Profile der beiden Reihen noch schärfer hervortreten.Marco Frei, Davos/Klosters21.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMit ihrer in Davos uraufgeführten Kammeroper «Annemarie» erinnern die Komponistin Céline Fankhauser und die Autorin Sarah Carlötscher an das bewegte Leben von Annemarie Schwarzenbach.Walter DuerstWer von Klosters hinauf nach Davos reist, fährt vom «Unterland» ins «Oberland». Diese Bezeichnungen mögen geografisch gewachsen sein, verraten aber viel über das Verhältnis der beiden Orte in Graubünden. Knapp zwölf Kilometer und ein Pass trennen sie, umso grösser scheint die Kluft. In diesem Musiksommer hatte das seltsame Ausprägungen. Fast gleichzeitig, nur um einen Tag versetzt, starteten Ende Juli und Anfang August sowohl Klosters Music wie auch das Davos-Festival. Die Reihe in Klosters endete am 9. August, in Davos klingt sie dieses Wochenende aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine solche zeitliche Überschneidung hatte es bislang nicht gegeben. Sie lässt sich, bei näherer Betrachtung, fast schon als Konfrontation verstehen. Das Festival in Davos wurde vor vierzig Jahren vom ehemaligen Luzerner Intendanten Michael Haefliger ins Leben gerufen; seitdem beginnt die Reihe stets Ende Juli oder Anfang August. Das Festival in Klosters ist dagegen jung, es wurde erst 2019 von David Whelton gegründet. Im Herbst übernimmt Christoph Müller dort das Ruder – auch er ist kein Unbekannter in der Schweizer Musikszene.Kulinarik contra RisikoMüller, Gesellschafter der Konzertagentur Swiss Classics GmbH, wirkte lange Jahre als Intendant am Menuhin Festival in Gstaad und war Geschäftsführer beim Kammerorchester Basel. Mit der Cellistin Sol Gabetta hat er das Hochrhein-Musikfestival mit den Reihen «Solsberg Festival» und «Klassiksterne Rheinfelden» sowie die «Capella Gabetta» begründet. Erst im Herbst trat er die Nachfolge des Pianisten Francesco Piemontesi als künstlerischer Leiter der Musikwochen in Ascona an, und demnächst kommt noch Klosters Music hinzu.Für das Davos-Festival und dessen kreativen jungen Intendanten Marco Amherd birgt die neue Nachbarschaft Risiken und Chancen zugleich. Sie wird zum Risiko, wenn das Festival in Davos nicht beharrlich an seinem charakteristischen Profil festhält. Die Nähe birgt andererseits Chancen, wenn man Überschneidungen wie in diesem Jahr durch konstruktiven Austausch vermeidet und vielleicht sogar Synergieeffekte schaffen kann. Derzeit liegen zwischen Klosters und Davos künstlerisch noch Welten – das verdeutlichen die Festivals in dieser Saison.Bei Klosters Music werden alljährlich im Sommer Stars und Sternchen, Ensembles und Programme präsentiert, die man überall in der Klassikwelt erleben kann. In diesem Jahr lautete das Motto in Klosters «Ikonen». Damit waren «grosse Komponisten» gemeint, deren Musik «die Welt miteinander verbindet, Musik, die über die Jahrhunderte hinweg nachhallt und deren Vermächtnis bis zum heutigen Tag Bestand hat», schreibt der Intendant in der Broschüre. «Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Tschaikowsky stehen auch heute noch im Mittelpunkt unseres kulturellen Lebens», so David Whelton weiter. Sie fänden bei Musikliebhabern nach wie vor «grossen Anklang».Nüchtern betrachtet, ist das ein Passepartout, um in erster Linie grosse Namen aneinanderzureihen. Für die Bewohner der Region mag das reizvoll sein. Aber etliche Konzerte sind so oder ähnlich auch andernorts zu erleben, sogar innerhalb der Schweiz. Selbst András Schiff, der Klosters Music seit langem eng verbunden ist, spielt manche seiner Programme hier nicht exklusiv.Bei Klosters Music spielte Sir András Schiff zusammen mit der Pianistin Chloe Jiyeong Mun Werke von Franz Schubert für Klavier zu vier Händen.Benno HunzikerDas Festival in Davos ist nicht einfach eine Reihe unter vielen im sommerlichen Festivalreigen. Es ist eine Insel, der «Freigeist unter den Festivals», wie es Britta Allgöwer in ihrer Eröffnungsrede treffend formulierte. Die Schweizer Naturwissenschafterin ist seit 2020 Präsidentin der Academia Raetica in Davos. In Davos wird Kunst nicht mit Kulinarik verwechselt, sondern an der Zukunft des Musikbetriebs gearbeitet. Seit 1986 werden hier schwerpunktmässig Nachwuchstalente gefördert.Tatsächlich hat Haefliger mit «Davos Festival – Young Artists in Concert» seinerzeit eine in dieser Form immer noch singuläre Initiative ins Leben gerufen. Hier bekommen Künstler, Ensembles und nicht zuletzt Programmformate eine Bühne, die man nur in diesem Rahmen erleben kann. Viele Persönlichkeiten der heutigen Klassikwelt waren während ihrer Anfänge in Davos zu Gast. Wer im Klassikbetrieb bestehen kann, zeigt sich naturgemäss immer erst nach den ersten Erfahrungen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.Musizieren inmitten von Kunst: Die Matinee «Seelenruhe» fand im Davoser Kirchner-Museum statt.Walter DuerstWährend des Festivals vereinen sich die Jungtalente ausserdem zu freien Kammermusik-Ensembles. Welche Projekte den Weg ins Programm finden, darüber entscheidet Marco Amherd. Ein solches Laboratorium ist spannend, es inspiriert, birgt aber auch Risiken. Aber wer nie etwas riskiert, kann auch keine Wunder entstehen lassen – wie es zu Beginn des Festivals an der ersten Matinee «Seelenruhe» im Kirchner-Museum geschah. Da vereinten sich junge Streicher und Saxofonisten für ein Programm, das barocke Werke von Heinrich Ignaz Biber, Telemann und Bach sinnstiftend mit postmodernen Choralreflexionen von David Maslanka verzahnte.Singuläres LaboratoriumAuf die Idee muss man kommen, dafür braucht es sicher auch «Mut» – so jedenfalls lautet das Motto dieser Davoser Saison. Ein Schlüsselereignis dafür ist die Uraufführung der Kammeroper «Annemarie» für zwei Frauenstimmen und Ensemble der Komponistin Céline Fankhauser aus Bern und der Bündner Autorin Sarah Calörtscher. Das neue Werk rückt die Autorin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach in den Fokus. Sie war eine Pionierin des Reisetagebuchs und eine Rebellin. Die gebürtige Zürcherin war mit Klaus und Erika Mann befreundet, lebte offen homosexuell und wurde zur glühenden Antifaschistin. Sie stellte sich auch gegen ihre Eltern, die mit den Nationalsozialisten sympathisierten, und monierte scharf die neutrale Haltung der Schweiz.Unter der Leitung der Dirigentin Onna Stäheli verlebendigten Anna Gschwend und Salome Cavegn sowie das Kammerensemble die hörenswerte Musik von Céline Fankhauser, die sich selber nicht einordnen lassen möchte: changierend zwischen Neo-Romantik und Postmoderne, leicht gewürzt mit einigen geräuschhaften Klangaktionen. Im nächsten Jahr geht es weiter mit der Experimentierfreude in Davos, dann dreht sich alles um «Fortuna».Passend zum Artikel