Rolex und Spiele: Kultur nur noch für Reiche?Fussball, Konzerte, Theater: Kulturelle Grossereignisse sind für den Normalverbraucher fast unerschwinglich geworden. Das schadet uns allen.28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenZutritt nur für Menschen wie mich: Das US-Model Claire Wildey posiert am diesjährigen Coachella-Musikfestival in Kalifornien.Brianna Bryson / GettyBei mir hat es ja im Zürcher Volkshaus angefangen. Bei BAP, dieser Kölschrock-Band, deren Songs ich alle noch heute mitsingen kann – wenn das denn jemand wollte. Sogar eine Saite vom «Major», dem Leadgitarristen, hatte ich mir ergattert und an die Wand meines Jugendzimmers gehängt. Zwischen all die Plakate von den unzähligen Konzerten, die ich schon gesehen hatte. BAP, das war für mich Anti-Establishment, Frieden, Abrüstung, Aufbruch, Freiheit. Woran man halt so glaubt, wenn man jung ist. Hoffentlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und dann kam der 27. Februar 1991. Die «X für ’e U»-Tour. Ich war schon früh da, natürlich, im grossen Saal des Volkshauses. Und als ich reinkam, was hing da über der Bühne? Eine riesige Werbung für die «Camel Collection», mit der der amerikanische Zigarettenmulti eine Modemarke lancierte, um das drohende Verbot für Tabakwerbung zu umgehen. Und alle meine Glaubenssätze fielen in sich zusammen. BAP macht gemeinsame Sache mit einer Firma, die mit Süchtigen ihre Milliarden verdient?Wolfgang Niedecken, nimmermüder Gründer von BAP, hat die Werbung, mit der sich die Band ein grösseres Marketingbudget erkaufte, später als Fehler bezeichnet. Sähe sich der Mann heute bei seinesgleichen um, er spräche wohl von einer Jugendsünde. Die Kommerzialisierung der Kulturbranche ist daran, sich zu einer totalen auszuweiten, um nicht zu sagen: zu einer totalitären. Gerade im Spitzenbereich werden kulturelle Ereignisse langsam, aber sicher zu einem exklusiven Vergnügen für diejenigen, die nicht aufs Geld schauen müssen.Wie sich Bruce Springsteen gütlich tutDass der Weltfussballverband (Fifa), personifiziert durch Gianni Infantino, vom Gewinn im Dienste der eigenen Machtmaximierung getrieben ist, das ist wahrlich nichts Neues. Aber die Ticketpreise an der laufenden, aufgeblähten Weltmeisterschaft, sie schlagen alles, was man je gesehen hat. Für den Final verlangen Wiederverkäufer bis zu einer Million Dollar für ein einziges Ticket. Einer will gar 11,5 Millionen haben, für einen Platz in den hinteren Rängen. Die Fifa, die selbst Plattformen für den Wiederverkauf betreibt, verdient 15 Prozent an jedem Ticket, das einen neuen Käufer findet. Macht doch bei einer Million Dollar ein ganz schönes Sümmchen. Das Resultat: Die Menschen im Stadion sind vor allem von weisser Hautfarbe. Weil sie es sich leisten können. Die Idee des Fussballs, eines wichtigen gesellschaftlichen Ventils, sie war einmal eine andere.Aber die Fifa hat nur von anderen aus der Eventbranche gelernt. Ein so prominentes wie schlechtes Beispiel ist ausgerechnet Bruce Springsteen, den seine Anhänger, seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse in New Jersey wegen, gerne «a man of the people for the people» nennen und der einmal gesagt hat: «Niemand gewinnt, wenn nicht alle gewinnen.»Diesen Frühling absolvierte der «Boss» seine «The Land of Hope and American Dreams»-Tour, deren Sinn und Zweck er so beschrieb: «Verteidigung Amerikas – der amerikanischen Demokratie, der amerikanischen Freiheit, unserer amerikanischen Verfassung und unseres heiligen amerikanischen Traums – die alle von unserem Möchtegern-König angegriffen werden.» Bei all dem Pathos gegen die Politik von Trump ging etwas fast vergessen. Der Sänger, dessen Vermögen auf 1,2 Milliarden Dollar geschätzt wird, hat sich während seiner Widerstandstournee gütlich getan. Wer dem Mann, der von vielen seiner Fans schon lange heiliggesprochen worden ist, so nah wie möglich sein wollte, bezahlte für ein reguläres Ticket vorne an der Bühne über 3000 Dollar. Normale Stehplätze kosteten über 800 Dollar.Künstlergagen verdoppeltSogar im Theater sieht man übertriebene Entwicklungen. Die Superstars der Schauspielkunst, die immer häufiger von der nicht mehr so einträglichen Leinwand hinab auf die Bretter steigen, wollen fürstlich entlöhnt werden. Für das Broadway-Debüt von George Clooney im Theaterstück «Good Night and Good Luck» vergangenes Jahr bezahlten die Menschen um die 1000 Dollar pro Sitzplatz. Im Londoner West End, wo Cate Blanchett ab Ende August die «Electra» geben wird (mit Nina Hoss als Hedda), drohen auf den Wiederverkaufs-Sites ähnliche Preise.Nun könnte man sagen, im angelsächsischen Raum, da spinnen sie halt. Aber auch in unseren Breitengraden sind Konzerte zu einem erklecklichen Budgetposten geworden. Dieses Wochenende findet das St. Gallen Open Air statt. Kostete der 3-Tages-Pass im Jahr 2000 noch 129 Franken, so sind es jetzt 275 Franken. Und beim Gurtenfestival, das Mitte Juli stattfindet, ist der Preis für den 4-Tages-Pass innerhalb von zehn Jahren von 250 Franken auf 367 Franken gestiegen. Und das bei abnehmendem Angebot, spielen die grossen Stars doch fast keine Festivals mehr. Stadiontouren sind einträglicher. Für junge Menschen ist so ein Festival fast nicht mehr zu bezahlen. Wenn sie das Geld trotzdem zusammenkratzen, fehlt es für den Besuch anderer Kulturveranstaltungen.Die Veranstalter begründen diese exorbitanten Preise mit allgemein gestiegenen Kosten, der unsicheren Weltlage und dem grassierenden Fachkräftemangel, am meisten aber schlügen die Gagen der Superstars zu Buche. Sie haben sich, so hört man aus der Branche, seit Corona verdoppelt. Man kann das nur zum Teil nachvollziehen. Natürlich ist mit der Musik allein nicht mehr viel zu verdienen. Spotify zahlt lächerlich, also muss man zu den Menschen. Aber muss man sie gleich ausnehmen?Kultur nur noch auf dem BildschirmManche mögen sagen, ihnen sei das alles einerlei. Es handle sich doch sowieso bei dem meisten um seichten Mainstream, auf den sie gerne verzichteten. Sie irren sich. Weil sie in ihrer elitären Herablassung die gesellschaftliche Kraft solcher Grossereignisse unterschätzen. Das ist der Kulturort, der Menschen aus verschiedenen Welten zusammenbringen sollte, ein Ort der gegenseitigen Verständigung und auch Selbstvergewisserung. Und daran sollten so viele wie möglich teilhaben dürfen.Wenn nun aber die Besten nur noch einer erlauchten Klasse zugänglich sind, scheffeln ein paar wenige zwar viel Geld, verraten aber das, was sie in der Regel predigen: den Zusammenhalt der Gesellschaft. Der aktuelle Slogan der Fifa, die als Verein in der Schweiz das Privileg reduzierter Steuersätze geniesst, lautet: «Fussball verbindet die Welt.» Selten so gelacht. Die meisten verbinden sich bloss noch vor dem Bildschirm. Da kann man die Fussball-WM gratis schauen. Noch.Ohne zynisch klingen zu wollen: Schon die Herrscher im alten Rom wussten, dass das Volk Brot und Spiele will. Weil sie Angst hatten, ebendieses Volk würde ohne diese Ventilfunktion aufbegehren. Solche Verhältnisse kann sich niemand zurückwünschen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel