Der andere BlickWohliger Grusel: Die Androhung von Zwangsmassnahmen gegen eine AfD-Regierung ist beste Wahlwerbung für die ParteiSeit Tagen spekulieren Amtsträger darüber, wie man eine von der Partei geführte Landesregierung disziplinieren könnte. Hat man in Deutschland wirklich so wenig aus der Wahl von Donald Trump gelernt?20.08.2026, 17.51 Uhr3 LeseminutenDer Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, im Juli bei einer Wahlkampfveranstaltung in Magdeburg.Christian Schroedter / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Morten Freidel, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist verständlich, dass sich Amtsträger in Deutschland auf eine mögliche Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt vorbereiten. Dazu gehört auch, sich für den Fall zu wappnen, dass die Partei rechtsstaatliche Verfahren missachtet und gar auszuhebeln versucht. Alles andere wäre unprofessionell.Für diese Professionalität wäre es allerdings wesentlich, über Extremszenarien nur hinter verschlossenen Türen zu reden. Im Falle der AfD verhält es sich genau umgekehrt: Seit Tagen diskutieren Politiker freimütig über Straf- und Zwangsmassnahmen gegen eine von ihr geführte Landesregierung, obwohl es bis jetzt keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie die Demokratie missachten will. Alles beruht auf der Hermeneutik des Verdachts.Soeben erst regte der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz von den Grünen an, Sachsen-Anhalt im äussersten Fall Gelder zu kürzen, die über den Länderfinanzausgleich in das Bundesland fliessen. Sollte eine AfD-Regierung ähnlich wie Viktor Orban Druck auf die Justiz, die Presse oder Bildungseinrichtungen ausüben, dürfe man «die Hände nicht einfach in den Schoss legen», sagte er.Ein wohliger GruselViel weiter ging der Polizeigewerkschafter Sven Hüber, früher ausgerechnet Politoffizier bei den Grenztruppen der DDR. Er forderte Polizisten auf, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten, die er indirekt mit Verfassungsfeinden gleichsetzte. Schon seine Sprache irritierte. Die mögliche Übernahme der Amtsgeschäfte bezeichnete er durchweg als «Machtergreifung». Es folgte ein so ausgiebiger Exkurs über das Widerstandsrecht, dass sich der Eindruck aufdrängte, hier empfinde einer wohligen Grusel.Der Text verriet am Ende mehr über die autoritären Vorstellungen des Mannes als über die AfD. Davon sollte sich Deutschland nicht leiten lassen, bei aller berechtigten Vorsicht gegenüber den Rechtspopulisten.Die öffentliche Zurschaustellung politischer Disziplinarmassnahmen zeigt aber noch mehr. Sie belegt, wie strategisch blind viele noch immer mit der AfD umgehen und wie wenig sie die tieferliegenden Gründe für ihren Aufstieg verstanden haben. Seit Jahren weisen Soziologen auf eine immer grösser werdende kulturelle Repräsentationslücke hin. Das Milieu klassischer Arbeiter und einfacher Berufe wird von den bisherigen Parteien kaum noch vertreten. Nicht einmal mehr von der SPD. In der Partei gibt es fast nur noch Akademiker.Anders bei der AfD. Gerade in Sachsen-Anhalt wartet sie mehr als jede andere Partei mit Kandidaten auf, die selbst in einfachen Berufen arbeiten, ähnlich wie viele ihrer Wähler. Wenn sie dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ihre Stimme geben, tun sie das nicht nur deshalb, weil sie mit der derzeitigen Politik unzufrieden sind und sich eine andere wünschen. Viele tun es auch, weil sie den Eindruck haben, Ulrich Siegmund sei wie sie. Einer von ihnen.Völlig verschiedene WeltenDas erklärt, warum die Vetternwirtschaftsaffäre so an der Partei abtropfen konnte. Warum der «Spiegel» Siegmund auf der Titelseite als «gefährlichsten Mann Deutschlands» bezeichnen kann und seine Wähler sich das Heft von ihm signieren lassen. Kritiker und Befürworter der AfD leben in völlig verschiedenen Welten.All das gab es schon einmal, vor genau zehn Jahren, bei der ersten Wahl von Donald Trump. Hollywood und die Wall Street waren gegen den Mann. Die Warnungen aus den Metropolen hätten schriller kaum sein können. Geschadet hat es ihm nicht, im Gegenteil. Hat man in Deutschland wirklich so wenig daraus gelernt?Wer in einer solchen Lage über Zwangsmassnahmen gegen eine AfD-Regierung spekuliert, der erreicht vielleicht, dass woke Akademiker bei der Lektüre «Richtig so!» rufen. Aber auch, dass Wähler in den östlichen Bundesländern denken: «Jetzt erst recht!»Er vertieft eine Kluft, bei der man ohnehin kaum noch den Boden erkennen kann. Er gibt Ostdeutschen das Gefühl, dass sie von westlichen Politikern nur so lange toleriert werden, wie sie sich nicht unbotmässig verhalten. Mit anderen Worten: Er macht beste Wahlwerbung für die AfD.Passend zum Artikel