„Regenbogenstern, mach keinen Quatsch!“, schreibt Mathildas Mutter auf Instagram. Mathilda ist eines der 17 Kinder, deren Kuscheltiere in der Stadtbibliothek im schwäbischen Nördlingen übernachten durften. Und Regenbogenstern, das ist ihr kleines Stoff-Zebra. Für zwei Euro durfte es in der Nacht auf Mittwoch zusammen mit Knopfi, Pippi, Müsli, Hoppelschiff und vielen mehr durch die Bibliothek streifen. Zmelissa wurde in den dunklen Rückgabestand gesetzt, Ludo ist das Geländer heruntergerutscht und Eulin die Eule durfte in der gruseligen Krimi-Abteilung der Erwachsenen mit Taschenlampe lesen.„Eulin, hoffentlich träumst du nicht schlecht, wenn du Krimis liest“, kommentiert eine Mutter für ihr Kind. Kurz darauf: „Ruft ihr an, wenn sie schlecht träumt, möchte Jonah gern wissen?“ Ganz nebenbei wurden die Kuscheltiere an dem Abend nämlich auch noch zu flauschigen Influencern, #kuscheltierübernachtung. Damit die Kinder vor dem Einschlafen mit ihren Eltern noch schnell auf Social Media nachschauen können, was ihre Lieblingskuscheltiere so treiben. Und dabei, ganz unbemerkt, ihre städtische Bücherei ein bisschen besser kennenlernen.Die Ausleihen bei Kindern und Jugendlichen waren während Corona deutlich zurückgegangen, darauf müssen Stabüchereien mit neuen Angeboten reagieren. Stadtbibliothek NördlingenMathilda und Jonas Schäfer haben der Stadtbibliothek Nördlingen eine Nacht ihr Kuscheltier überlassen. Stadtbibliothek NördlingenHinter der Aktion steckt Emilia Görtz, sie arbeitet seit vier Jahren in der Nördlinger Bücherei. In einem Webinar zu Veranstaltungen in Bibliotheken hörte eine Kollegin von ihr von Kuscheltierübernachtungen; das wollten sie unbedingt auch nach Nördlingen bringen. Ursprünglich stammt die Idee aus einer kleinen Stadtbücherei in Baden-Württemberg. „Die Bibliothek ist ein Ort für alle“, sagt Görtz. Da müsse es neben Lesungen eben auch Angebote für die ganz Kleinen geben. Für Kinder ab der zweiten Klasse bieten sie über den Sommer einen Leseclub an.Die Ausleihen bei Kindern und Jugendlichen waren während Corona deutlich zurückgegangen, 2020 sanken sie in Nördlingen auf einen Tiefstand von knapp 24 000. Seitdem erlebt die Stadtbibliothek aber einen Aufschwung: Vergangenes Jahr wurden 37 000 Kinder- und Jugendausleihen verzeichnet. Mehr noch als vor der Pandemie. In der Bibliothek würden sie trotzdem eine strukturelle Veränderung merken: Mehr als ein Viertel der Kinder- und Jugendausleihen seien mittlerweile Tonies, also kleine Hörspielfiguren. Die Kuscheltiere halten auf Social Media aber trotzdem noch Bücher in den Pfoten.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.„Hoffentlich erlebst du, Leopardi, noch was Spannendes“, steht unter einem Post. Dem Steckbrief, den sein junger Besitzer vorher abgegeben hat, ist zu entnehmen: Leopardi erzählt gute Witze, baut gute Höhlen und fängt gut Fliegen. Ein so vielseitig begabter Leopard kann sich natürlich selbst zurechtfinden; da glaubt man sofort, wenn Görtz erzählt, dass die meisten Kinder bei der Abgabe gar nicht aufgeregt waren. „Wir haben auch extra gesagt: Bitte nicht die Lieblingskuscheltiere abgeben“, erzählt Görtz, „dann gibt es beim Einschlafen zu Hause kein Drama.“Am Mittwochmorgen sitzen die Kuscheltiere dann bei einem mit KI errichteten Frühstück inmitten der Bücherregale. Zähne putzen auf dem Besucher-WC im Anschluss nicht vergessen: Alles fein säuberlich auf Instagram dokumentiert. Beim Abholen kriegen die Kinder dann noch einen Brief von ihren flauschigen Freunden mit. Regenbogenstern und Hoppelschiff scheinen zwischen all den Büchern über Nacht nämlich auch das Schreiben gelernt zu haben: „Ich schreibe dir diesen Brief kurz vor unserem Frühstück. Wir sind alle ausgeschlafen und haben einen Bärenhunger.“ Eine Lücke in der Dokumentation gibt es aber: „Was gab es denn zum Abendessen?“, fragt ein Kind beim Abholen besorgt.