Die Parteien sind sich der Reichweite des Fernsehens bewusst und führen oft einen Kampf um Sendeplätze. Besonders im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern: Dort soll die Ministerpräsidentin die CDU und die Linkspartei aus TV-Duellen gedrängt haben.20.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie vorgezogene Bundestagswahl 2005 gewann Angela Merkel gegen den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder.GettyFrühere deutsche Regierungschefs empfanden TV-Duelle als unwürdig. Der christlichdemokratische Kanzler Kurt-Georg Kiesinger monierte 1969, er wolle sich «nicht auf ein Stühlchen setzen und warten, bis ihm das Wort erteilt wird». Ähnlich sah es mehr als zehn Jahre später Helmut Kohl und lehnte solche TV-Formate immer ab. Er erklärte sich lediglich zu sogenannten Elefantenrunden bereit, stundenlangen TV-Debatten mit den Spitzenkandidaten der Parteien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erst 2002 gab es in Deutschland das erste TV-Duell bei einer Bundestagswahl. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder war sich der Wirkung der Massenmedien bewusst und überzeugt, sie für seine Zwecke nutzen zu können. Sein CSU-Herausforderer Edmund Stoiber, der die Umfragen lange anführte, willigte notgedrungen ein. An zwei Abenden sahen mehr als 30 Millionen Menschen den TV-Zweikampf. Am Ende gewann Schröder die Bundestagswahl, aber denkbar knapp. Womöglich waren seine besseren Sympathiewerte beim TV-Duell dafür entscheidend.Trotz X, Instagram und Tiktok gelten TV-Formate für Wahlkämpfer immer noch als Königsdisziplin. Der Kommunikationswissenschafter Marcus Maurer von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist der Meinung: «Wahlkämpfe werden nicht in den sozialen Netzwerken entschieden.» Er verweist darauf, dass in Umfragen immer noch doppelt so viele Menschen angeben, dass sie für politische Informationen das Fernsehen statt sozialer Netzwerke nutzen. Selbst diejenigen, die sich über soziale Netzwerke informierten, nutzten dort überwiegend die klassischen Nachrichtenangebote, sagt Maurer.Dennoch ist klar, dass der Aufstieg der AfD in Deutschland ohne die sozialen Netzwerke wohl kaum so rasant verlaufen wäre. Die Rechtsaussenpartei versteht es meisterhaft, Tiktok und Instagram für sich zu nutzen und dort ihre Botschaften zu platzieren. Die Videoclips oder Posts kommen nicht nur bei jungen Wählern an, sondern auch bei Menschen, die sich von den klassischen Medien abgewandt haben.Schwesig kann in Duell Amtsbonus ausspielenTrotzdem drängen Wahlkämpfer nach wie vor ins Fernsehen und streiten über die Teilnahme an TV-Runden. Dieses Mal gibt es im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern Ärger. Hier wird der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von den Christlichdemokraten vorgeworfen, ungebührlich Einfluss auf die Zusammensetzung der TV-Duelle vor der Landtagswahl am 20. September genommen zu haben. Zunächst sollen die Spitzenkandidaten von SPD, AfD, CDU und Linkspartei dazu eingeladen gewesen sein.Doch plötzlich entschieden sich RTL/NTV und der öffentlichrechtliche NDR um. Die CDU und die Linkspartei wurden wieder ausgeladen.Mehrere Medien haben berichtet, die Sozialdemokratin Schwesig habe auf einem Duell mit dem AfD-Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm bestanden. Die SPD weist die Vorwürfe solch einer Einflussnahme weit von sich. Laut dem «Spiegel» gibt es jedoch Zweifel an dieser Darstellung, vor allem weil Chatnachrichten vorliegen.Unbestritten ist aber der Vorteil, den Schwesig bei einem direkten Aufeinandertreffen mit dem AfD-Kandidaten hat.Analysen vorheriger TV-Duelle haben ergeben, dass in solchen Formaten weniger der Angriff auf den politischen Gegner überwiegt, sondern das Eigenlob. Konfrontatives Verhalten wird von den Zuschauern weniger honoriert. Somit kann Schwesig, die in Mecklenburg-Vorpommern schon seit rund neun Jahren regiert, ihren Amtsbonus ausspielen und alle Wohltaten ihrer Regierungszeit aufzählen.AfD bekommt mehr mediale ReichweiteAber auch die AfD darf sich über die mediale Aufmerksamkeit freuen. «Die AfD hat den irrsinnigen Vorteil, dass sie in einem Zweikampf mitmachen darf. Das ist für die Partei ein Geschenk», sagt Maurer. Zu Duellen mit AfD-Spitzenkandidaten vor Wahlen kam es bislang kaum.Umfragen sehen die AfD mit 36 Prozent deutlich als stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern. Die SPD folgt mit 29 Prozent. Die Linke kommt auf 11, die CDU auf 10 Prozent.Derzeit regiert Schwesig zusammen mit der Linkspartei. Selbst wenn der Ministerpräsidentin eine Aufholjagd gelingt, wird sie auch in der nächsten Regierung Koalitionspartner brauchen – die ihre als dreist empfundene TV-Ausladung sicherlich nicht so schnell vergessen dürften.Zuschauer ändern nach TV-Duell WahlentscheidungDer Reiz der TV-Duelle besteht für den Zuschauer nicht in den einstudierten Sätzen der Kandidaten, sondern im Risiko. Wer verspricht sich, wer verliert den roten Faden, oder wer redet Unsinn? Bislang hatte zwar jedes TV-Duell in Deutschland seine Besonderheit, grosse Ausrutscher wie bei dem denkwürdigen Aufeinandertreffen von Joe Biden und Donald Trump im amerikanischen Wahlkampf im Sommer 2024 gab es nicht. Nach dem verpatzten Duell war klar, dass Biden die Wahl verlieren würde.Experten wie der Kommunikationswissenschafter Jürgen Maier versuchen seit mehr als zwei Jahrzehnten, den Einfluss von TV-Formaten auf das Wahlverhalten wissenschaftlich zu ermitteln.«Grundsätzlich wissen wir, dass alle Kandidaten profitieren, die in einer TV-Debatte mitmachen. So verzeichnen alle Kandidaten Sympathiegewinne, insbesondere die Herausforderer, die noch nicht so bekannt sind», sagt Maier, der an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Landau lehrt.Es sei mitnichten so, dass die Zuschauer sich vor den Fernseher setzten und sagten, das hätten sie alles schon gewusst. «15 bis 20 Prozent der Menschen, die ein TV-Duell gesehen haben, ändern danach ihre Entscheidung, wen sie wählen wollen», sagt Maier. «Wenn Menschen schon wissen, wie sie abstimmen wollen, werden sie womöglich in ihrer Meinung bestärkt. Das ist auch wichtig.»Einen messbaren Effekt hat der Wissenschafter bei der Mobilisierung der Wähler nach TV-Debatten ausgemacht. Die Menschen seien danach motivierter, sich mit dem Wahlkampf zu beschäftigen, und gingen mit grösserer Wahrscheinlichkeit wählen.Nicht zu kompliziert, aber auch nicht zu allgemeinDiese Forschungsergebnisse treffen sowohl auf Bundestags- als auch auf Landtagswahlen zu. Zumal sich auf Länderebene schon ab 1997 die Spitzenkandidaten regelmässig in TV-Duellen gegenüberstehen.Gestik und Mimik sind in den TV-Duellen wichtig, auch ob ein Kandidat sympathisch rüberkommt. «Die Menschen treffen ihre Entscheidung aber aufgrund dessen, was gesagt wird. Dabei spielen nicht so sehr Detailfragen aus dem politischen Programm die entscheidende Rolle, sondern allgemeine Werte», sagt der Kommunikationswissenschafter Maurer.Am besten kommen laut Experten allgemein gehaltene Aussagen an wie: «Ich bin für ein gerechtes Steuersystem» oder «Ich will Familien mehr entlasten.» Aber Vorsicht: Es geht zwar um Allgemeinplätze, die aber nicht zu oberflächlich oder gar langweilig sein dürfen. Das würden die Wähler bestrafen.Experten sind sich auch einig, dass vieles von der Debatte nach der Debatte abhängt. Mehrheitlich schauen die Zuschauer mit Freunden oder dem Lebenspartner den politischen Schlagabtausch an und sitzen dabei sicherlich nicht stumm nebeneinander. Man unterhält sich und revidiert möglicherweise seine eigene politische Meinung. In den sozialen Netzwerken werden die Aussagen der Spitzenkandidaten zeitgleich im «Second Screen» kommentiert. So steigt nochmals die Reichweite.Merkel fing mit Schlusswort Wähler einAngela Merkel liess in ihrer sechzehnjährigen Kanzlerzeit so manches TV-Duell über sich ergehen, die Zuschauer konnten zuweilen geradezu ihren Widerwillen erkennen. Als besonders langweilig galt das Format 2009 mit dem damaligen SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier. «Yes, wie gähn», titelte die «Bild»-Zeitung danach.Vier Jahre später spielte Merkel gegen Peer Steinbrück im TV-Duell gnadenlos ihren Amtsbonus aus. Die Kanzlerin war sich auch der Bedeutung des Schlusswortes bewusst, das jedem Kandidaten gewährt wird und eine direkte Ansprache an die Wähler ist. Merkel sagte einfach: «Sie kennen mich. Wir haben vier gute Jahre miteinander verbracht.» Sie gewann mit ihrem besten erzielten Wahlergebnis von 41,5 Prozent.Passend zum Artikel