Rätsel um Syriens Nuklearmaterial: Welche Absicht verfolgte das Asad-Regime?Offiziell hatte Syrien nie ein Atomprogramm. Jetzt meldet die Regierung in Damaskus den Fund von mehreren Tonnen Nuklearmaterial – und kooperiert mit der Internationalen Atomenergiebehörde.20.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKernreaktor oder nicht? Israel bombardierte diese Anlage in Syrien im September 2007, weil es befürchtete, dass dort Plutonium produziert werden könne.das DigitalGlobe / GettyAls Israel vor fast zwanzig Jahren eine Anlage im Nordosten Syriens bombardierte, war die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) alles andere als erfreut. Denn die Einrichtung wurde in der Nacht auf den 6. September 2007 zerstört, noch bevor internationale Inspektoren sie untersuchen konnten. Nach Einschätzung des israelischen Geheimdienstes handelte es sich dabei um einen beinahe fertigen Kernreaktor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Ausserdem reiste er zu einem weiteren, bisher geheim gehaltenen Ort, an dem das Asad-Regime offenbar mehrere Tonnen Nuklearmaterial gelagert hatte. Die syrische Regierung hatte den Fund am 17. Juli der IAEA gemeldet.«Diese Entdeckung verstärkt die seit langem bestehenden Bedenken hinsichtlich der Intransparenz der nuklearen Aktivitäten des früheren Regimes», sagt Ammar Kahf, der Leiter der Denkfabrik Omran mit Sitz in Damaskus, auf Anfrage der NZZ. «Wir sollten jedoch keine voreiligen Schlüsse darüber ziehen, was das Material tatsächlich beweist. Gerade deshalb hat Syrien es offengelegt und die betreffenden Standorte für Überprüfungen durch die IAEA zugänglich gemacht.»Damaskus setzt auf Transparenz und KooperationMit diesem Schritt vollzieht Damaskus einen Kurswechsel. Syrien ist seit 1970 ein Vertragsstaat des Atomwaffensperrvertrags und hat sich zur Nichtverbreitung von Atomwaffen verpflichtet. Anders als das Asad-Regime setzt die Regierung unter Ahmed al-Sharaa auf Transparenz und eine Zusammenarbeit mit der IAEA.An einer gemeinsamen Medienkonferenz in Damaskus dankte Grossi dem syrischen Aussenminister Asaad al-Shaibani für die «proaktive Zusammenarbeit». Diese trage dazu bei, dass nukleare Aktivitäten in Syrien nicht länger mit Atomwaffen in Verbindung gebracht würden, sondern mit Energie, Nahrung und Gesundheit.Wollen künftig zusammenarbeiten: Syriens Aussenminister Asaad al-Shaibani (rechts) und der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) Rafael Grossi in Damaskus.Mohamed al Rifai / EPAShaibani betonte, dass das Nuklearmaterial zunächst in Syrien bleiben, aber vollständig den Kontroll- und Sicherungsmassnahmen der IAEA unterstellt werden solle. Laut Grossi soll das Material vollständig erfasst und in das internationale Safeguards-System aufgenommen werden. Das Kontroll- und Verifikationssystem für Nuklearmaterial der IAEA soll sicherstellen, dass Staaten nukleare Anlagen nur für die von ihnen angegebenen friedlichen Zwecke verwenden und nicht heimlich nukleares Material für Kernwaffen abzweigen.«Jede künftige Nutzung sollte ausschliesslich friedlichen Zwecken dienen und gemeinsam mit der IAEA im Rahmen der umfassenderen energiepolitischen Entwicklungsprioritäten Syriens festgelegt werden», sagt der Syrien-Experte Kahf. Grundsätzlich steht die Regierung Sharaa der friedlichen Nutzung von Nukleartechnologie offen gegenüber. Sharaa sagte bereits 2025, dass Syrien künftig auch Kernenergie zur Energiegewinnung prüfen wolle.Wofür war das Material vorgesehen?Was langfristig mit dem entdeckten Nuklearmaterial geschehen soll, ist bisher nicht bekannt. Nach Medienberichten handelt es sich dabei um Uran, das womöglich seit mehr als zwei Jahrzehnten gelagert wurde. Unklar ist, wie stark es angereichert ist und wofür es vorgesehen war. Ob es künftig genutzt, dauerhaft eingelagert oder aus dem Land gebracht wird, ist ebenfalls offen.Nach Einschätzung des Syrien-Experten Kahf ist die Kooperation mit der IAEA von zentraler Bedeutung für das Land: «Syrien kann seine Souveränität und nationale Verfügungsgewalt wahren und zugleich durch die anerkannte multilaterale Institution, die für nukleare Sicherungsmassnahmen zuständig ist, seine vollständige Regelkonformität, Transparenz und verantwortungsvolle internationale Haltung unter Beweis stellen.»2011 war die IAEA in einem Untersuchungsbericht zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der von Israel bombardierten Anlage in al-Kibar um einen geheimen Reaktor gehandelt habe, der Ähnlichkeiten mit einem Reaktor in Nordkorea aufweise. Diese Vermutungen konnte die IAEA aber unter anderem wegen des Krieges in Syrien nicht überprüfen. Nun haben Syrien und die IAEA konkrete Schritte vereinbart, um die noch offenen Fragen zu den nuklearen Aktivitäten des früheren Regimes zu klären.Passend zum Artikel
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