Die KI-Vermessung der Menschheit: Wir und unsere 8,3 Milliarden DoppelgängerAn der ETH werden individuelle KI-Berater programmiert, die für uns eine Vorwahl bei Volksabstimmungen treffen könnten. Und amerikanische Forscher wollen digitale Zwillinge der gesamten Menschheit gebaut haben. Doch ein Kritiker mahnt: Wer uns perfekt simuliert, kann uns auch mühelos manipulieren.15.08.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZVielleicht muss sich in einigen Jahren niemand in der Schweiz mehr durch ein Abstimmungsbüchlein oder durch die Wahlwerbung der politischen Parteien kämpfen. Denn das übernimmt künftig die individuelle Politik-KI. Ob links oder rechts, ob FCZ-, Palästina- oder Töff-Fan – die KI kennt die eigenen politischen Überzeugungen und gesellschaftlichen Präferenzen bestens. Sie analysiert Informationen zu politischen Sachfragen, studiert Abstimmungs- und Parteitexte und leitet daraus ab, wie man an der Urne entscheiden könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch da hört das Ganze noch nicht auf. Das Heer von KI-Agenten würde in Proberunden ganze Volksabstimmungen simulieren. Dieses Update für die direkte Demokratie ist mehr als blosse Theorie. Im Zürcher Hochschulquartier arbeitet seit diesem Frühling ein fünfköpfiges Team aus Forschern und Doktoranden an einem entsprechenden KI-Berater und untersucht mögliche neue Abstimmungsabläufe.Hochgradig personalisierte KI-Agenten – oft auch digitale Zwillinge genannt – sind ein Hype in der Tech-Szene. Man füttert beispielsweise ein Sprachmodell mit allen erdenklichen Informationen einer Person, und es resultiert ein KI-Klon, der nicht nur die politische Entscheidfindung simuliert, sondern auch, wie man auf medizinische Therapien anspricht oder wie man auf eine Preiserhöhung seines Lieblingsgetränks reagiert.Es gibt Apps, die nicht weniger als einen «mind clone» von einem selber versprechen, der einen im Netz bei Konversationen oder Einkäufen vertritt. Und wer solche Doppelgänger von uns allen besitzt, kann ganze Gesellschaften simulieren. Man sei bereits dran, meldete erst vor wenigen Tagen ein Forscherteam aus den USA. Es habe 8,3 Milliarden KI-Agenten gebaut – so viele, wie Menschen auf der Erde leben.Smartvote auf SpeedIn Zürich will man nicht von digitalen Zwillingen sprechen, sondern von «personalisierten digitalen Abstimmungsberatern», wie es Hans Gersbach ausdrückt. Der Demokratieforscher steht hinter dem auf fünf Jahre angelegten Forschungsprojekt mit dem Namen «Trustworthy AI Voting Assistants and Supported Democracy». Gersbach ist Co-Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF) an der ETH.Er argumentiert mit der technischen Komplexität vieler Vorlagen und der grossen Informationsmenge: «Der KI-Berater soll die Stimmberechtigten bei der Informationsverarbeitung und der politischen Meinungsbildung unterstützen.»Gersbach betont, dass die Nutzung stets freiwillig bleiben müsse und das Projekt erst am Beginn der Entwicklung stehe. «Es geht um eine Annäherung an bestimmte politische Präferenzen, nicht um ein vollständiges digitales Abbild einer Person.» Und er spricht Risiken an: «Bei einem solchen System lassen sich Verzerrungen nicht vollständig ausschliessen. Unser Ziel ist, sie frühzeitig zu erkennen, transparent zu machen und so weit wie möglich zu begrenzen.»Während es digitale Wahl- und Abstimmungsempfehlungen schon lange gibt, tönt Gersbachs Vision eher wie Smartvote auf Speed. Denn der KI-Berater, an dem auch das AI Center der ETH beteiligt ist, soll nicht einfach ein Chatbot werden. In einem Projektbeschrieb ist vielmehr die Rede von einer «zweimaligen Stimmabgabe».In Runde eins würde der digitale Berater abstimmen, falls sein Nutzer dies wünscht. Das Resultat dieser landesweiten KI-Abstimmung würde dann veröffentlicht. Erst in Runde zwei stimmt der Mensch selber ab. Nur diese anschliessende, menschliche Stimme würde zählen. Die Forscher versprechen sich dadurch unter anderem mehr Partizipation und Reflexion. Gleichzeitig nehme man mögliche Risiken ernst – etwa neue Formen der Beeinflussung und der Verzerrung sowie Risiken beim Datenschutz.Aber wären die Stimmbürger in einer zweiten Runde tatsächlich noch frei in ihrer politischen Willensbildung, wenn der KI-Zwilling diesen Willen quasi vorweggenommen hat? Hier verweist Gersbach auf Umfragen, Politwerbung, Fake News und Lobbying: «Politische Willensbildung wird bereits heute von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Der digitale Berater könnte den Nutzerinnen und Nutzern helfen, ihre Präferenzen, Zielkonflikte und Unsicherheiten bewusster zu reflektieren und sich eine eigene Einschätzung zu einer Vorlage zu erarbeiten.»Willkommen in der MatrixDoch warum nur die Schweizer Demokratie simulieren, wenn man die ganze Welt haben kann? Kürzlich stellte ein amerikanisches Forscherteam von den Universitäten MIT und Harvard ein System vor, dessen Name den Anspruch verrät: «MatrAIx: Simulating the World with 8.3 Billion Persona Agents». Die Studie dazu befindet sich derzeit im Begutachtungsverfahren.Im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» bestätigen die beiden Hauptautoren Yuexing Hao und Xiaomin Li die erstaunliche Zahl: «Wir haben tatsächlich 8,3 Milliarden KI-Agenten gebaut.» Diese künstliche Weltbevölkerung soll in ihrer Verteilung nach Alter, Geschlecht, Herkunft und weiteren Merkmalen möglichst jener der echten Bevölkerung entsprechen und so simulieren, wie sie sich in bestimmten Situationen verhält.Dafür bedienten sich die Forscher soziodemografischer Datensätze, wie sie in der Schweiz auch der Bund zur Verfügung stellt. Hinzu kommen Marketingdaten und öffentlich zugängliche Quellen wie Wikipedia-Einträge. Derzeit sind die Daten erst für einen Teil der USA ausgereift.Persönlich identifizierbare Informationen wie Namen und Adressen seien nicht enthalten, betonen die Forscher. Es gehe ihnen vor allem darum, möglichst realistische Aussagen über Gruppen treffen zu können, sagt die Forscherin Yuexing Hao. Eine Firma kann mit den Millionen und Milliarden KI-Agenten simulieren, wie eine bestimmte Altersgruppe in einer ausgewählten Region auf ein Produkt oder eine Preisänderung reagiert. Eine Beispielfrage wäre: Wie preissensitiv sind junge Väter im Grossraum Zürich beim Windelkauf? Marktforschung wird so extrem kostengünstig und ist sofort verfügbar – es ist schlicht einfacher, unsere KI-Zwillinge zu befragen als uns selber.Wie viel von diesem Projekt ist selber Marketing? Momentan beschränkt sich MatrAIx noch auf Tests von digitalen Produkten und KI-Systemen. Den Grossteil ihrer Daten halten die Forscher zudem zurück, «aus Sicherheitsgründen», wie sie sagen. Noch sind die 8,3 Milliarden KI-Agenten auch keine wirklichen Doppelgänger. Doch die Richtung ist vorgezeichnet, und die Frage scheint nur noch: Ab welchem Zeitpunkt sind die Ebenbilder so akkurat, dass sie uns zumindest in manchen Bereichen tatsächlich simulieren?«Maximal manipulierbar»Seit über fünfzehn Jahren beschäftigt sich der ETH-Professor Dirk Helbing mit Gesellschaftssimulationen und digitalen Zwillingen. Und der Physiker, Soziologe und Zukunftsforscher ist über die Jahre immer kritischer geworden. MatrAIx sei für ihn von der Machart her nichts fundamental Neues, sagt Helbing. «Doch das Projekt zwingt nun alle, sich mit Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die viele bislang lieber verdrängt haben.»Helbings Misstrauen gilt weniger der Technik als ihrem Zweck. Wer einen Menschen digital hinreichend genau nachbilde, könne nicht nur analysieren, wie er auf einen Reiz reagiere – sondern gezielt austesten, welcher Preis, welche Werbung oder auch welche politische Botschaft am wirksamsten sei, um ein gewünschtes Resultat zu erreichen. «Durch den digitalen Zwilling wird der Mensch maximal manipulierbar.»Helbing sieht auch die Gefahr, dass ganz unterschiedliche Akteure digitale Zwillinge von uns nutzen, von Unternehmen bis zu Behörden oder feindlichen Regierungen. Er hat dafür den Begriff vom «Krieg um unsere Köpfe» geprägt. Es gehe ihm aber nicht darum, die Technologie zu verteufeln. «Entscheidend ist, wer kontrolliert, wie unsere Daten genutzt werden können. Wir müssen jetzt die Spielregeln ändern, damit wir nicht immer einflussreicheren Kräften ausgesetzt sind, über die wir keine Kontrolle mehr haben.»Ein digitales Abbild, fordert er, müsse grundsätzlich unter der Kontrolle jenes Menschen bleiben, den es darstelle. «Die Politik muss mit neuen Transparenzvorschriften und Einverständnisregeln darauf reagieren.»«Ein echter digitaler Klon, der auch Emotionen und individuelle Geschichten einschliesst, benötigt die Zustimmung des betroffenen Menschen», sagt die MatrAIx-Forscherin Yuexing Hao dazu. Dass dies schon in wenigen Jahren technisch machbar wäre, bezweifelt sie indes nicht. Es gehe dann nur noch um die ethische Frage, ob die Gesellschaft eine solche Simulation wirklich wolle.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Mensch und Maschine: Werden KI-Zwillinge unsere Gesellschaft manipulieren?
An der ETH werden individuelle KI-Berater programmiert, die für uns eine Vorwahl bei Volksabstimmungen treffen könnten. Und amerikanische Forscher wollen digitale Zwillinge der gesamten Menschheit gebaut haben. Doch ein Kritiker mahnt: Wer uns perfekt simuliert, kann uns auch mühelos manipulieren.









