Punks, Sputnik, Jugendliche im Shoppingcenter – die SRG macht alte Sendungen besser zugänglichDas Schweizer Fernsehen stellt 650 000 alte Ton- und Videoaufnahmen auf ein Rechercheportal. Das Archiv bietet eine Reise in die ganz alltägliche Vergangenheit des Landes.Hannes Boos15.08.2026, 18.15 Uhr4 LeseminutenEs ist das Jahr 1987, die Stadt Biel ist im Aufschwung. «Das Geschäftsleben floriert, die Leute haben wieder Geld im Sack», erzählt der Reporter in der Sendung «DRS aktuell». Doch die Verkäufer haben ein Problem: die Punks, die auf der Kirchentreppe mitten in der Altstadt gerne ihr Bier trinken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gruppe junger Männer bleibt friedlich. Die Montur der Punks sei aber «nicht gerade vertrauenerweckend», sagt die Stimme des Fernsehmoderators aus dem Off. Die Kamera zoomt auf schwarze Schuhe, an denen sich metallene Ketten befinden. Ein Bieler Ladenbesitzer sagt: «Wir haben einen Haufen älterer Frauen als Kunden, die sich nicht mehr in die Stadt getrauen.» Der Anwohnerverein fordert, die Kirchentreppe mit einem Gatter oder einer Sprinkleranlage auszurüsten.«Piuh, piuh, piuh»Der Beitrag zu den Bieler Punks ist eines von 650 000 Ton- und Filmdokumenten, die die SRG letzten Donnerstag frei einsehbar auf die Website der Rechercheplattform Memobase gestellt hat. Die Bestände seien über Archivdatenbanken oder regionale Player schon vorher abrufbar gewesen, schreibt die SRG auf Anfrage. Bei Memobase seien die Aufnahmen nun aber im «zentralen Zugangsportal zum audiovisuellen Kulturerbe der Schweiz» versammelt.Indem die SRG die alten Sendungen aus den Archiven von SRF und RTS einfacher recherchierbar macht, komme sie dem gesetzlichen Auftrag nach, ihre Archivbestände für die Öffentlichkeit aufzubereiten, heisst es in der Medienmitteilung. Die Fernseh- und Radiobeiträge der SRG würden seit dem frühen 20. Jahrhundert die gesellschaftliche, kulturelle und politische Entwicklung des Landes «auf einzigartige Weise» dokumentieren.Dass dies nicht zu hoch gegriffen ist, zeigt sich beim Durchstöbern des Rechercheportals. Das Schweizer Radio sendet seit 1923 täglich. Das Schweizer Fernsehen strahlt seine Sendungen seit 1953 aus, wenn auch anfangs nur an fünf Abenden pro Woche. Jedes grosse Ereignis der jüngeren nationalen und internationalen Geschichte fand bei SF oder DRS in Ton und Bild seinen Widerhall, oft in mehrfacher Ausführung: als News-Geschichte, Interview, Trickfilm, Reportage.«Piuh, piuh, piuh», klingt es etwa am 5. Oktober 1957 im «Echo der Zeit» zu Beginn der Radiosendung. Es ist das Signal, das der am Vortag von der Sowjetunion in die Erdumlaufbahn geschossene Sputnik-Satellit auf Kurzwellenfrequenz aussendet. Die Sowjetunion schien mit dem künstlichen Erdtrabanten eine technologische und womöglich ideologische Überlegenheit zu demonstrieren.Den Sputnik-Schock lässt sich das Schweizer Radio überraschend wenig anmerken: Als Allererstes interviewt der Moderator – in gewohnt professioneller «Echo»-Manier – einen Physiker, der die wissenschaftlichen Möglichkeiten des Satelliten lobt. Erst der Amerika-Korrespondent beendet den Beitrag mit einer politischen Note: «Der 4. Oktober wird in den Annalen der Menschheitsgeschichte in Rot verzeichnet stehen.»Spreitenbach, 1979Freilich sind es weniger die monumentalen Begebenheiten, die den Reiz des SRG-Archivs ausmachen. Faszinierender sind die intimen Alltagsgeschichten, die sich so lebendig in keinem Geschichtsbuch finden. Sie handeln von Hippies, die 1967 mit blumengeschmückten Autos durch die Schweiz fahren, von Anti-AKW-Demonstranten in den siebziger Jahren, von Mädchen, die in Bern für eine Jugendzeitung auf einer Schreibmaschine tippen.Wo sind diese Menschen jetzt, die da ins Mikrofon gesprochen haben? Erinnern sie sich noch an ihre Fernsehauftritte? Leben sie noch? Oder werden diese Aufnahmen nun von ihren Kindern und Enkeln entdeckt? Geblieben sind die Kulissen von damals: Zürich, Biel, Gösgen. Als junger Schweizer alte SRF-Sendungen zu schauen, fühlt sich an, wie ein Fotoalbum mit eigenen Babybildern durchzublättern: Alles wirkt seltsam vertraut und nostalgisch, obwohl man sich an diese Zeit selbst nicht erinnern kann.Da ist etwa der Fernsehbeitrag von «Blickpunkt», der die Jugendszene von 1979 im Einkaufszentrum Tivoli in Spreitenbach porträtiert. Die Kamera zeigt Jugendliche in Regenjacken, die auf Rolltreppen laufen, ein schwarzgekleidetes Mädchen raucht im Gebäude eine Zigarette. Ob sie viel im Tivoli herumhängen, fragt die Reporterin. Ein junger Mann mit Pelzmantel und Ohrring antwortet: «Schaurig viel.»Auch zwei Mädchen erklären, oft ins Shoppingcenter zu kommen – immer wenn kein Badi-Wetter ist. «Das ist Spreitenbach», sagt ein Mädchen zur Erklärung. Die Jugendlichen geben nach eigenen Angaben «viel Geld» aus, kaufen hier ihre Schallplatten. Im Migros-Restaurant treffen sie ihre Kollegen – im Vor-Smartphone-Zeitalter ist es wichtig zu wissen, wo die Gleichaltrigen zu finden sind. Ob sie im Tivoli auch «einen Freund aufreissen» möchte, fragt die Reporterin eine Jugendliche. Sie lacht verschämt. «Nein, dafür gehe ich in die Disco.»SRF stellt die These auf, der «Konsumpalast» habe sich für eine Generation von «Schlüsselkindern» und «Fremdarbeiterkindern» zu einer «zweiten Heimat» entwickelt. Es ist eine Welt der Jugendlichen, die nach eigenen Regeln funktioniert – punkto Freizeit, Freundschaft, Liebe –, die für Erwachsene unverständlich ist. Und: in der die Kinder das Geld ihrer Eltern verprassen.Gibt es eine Parallele zum Internet? Oder ist das Tivoli als physischer Treffpunkt das Gegenteil der sozialen Netzwerke, die die Jungen heute zur Vereinsamung verführen? Das Verweilen im SRG-Archiv dürfte beide Lager bestätigen: Jene, die finden, dass sich alles unaufhörlich verändert. Und jene, die glauben, dass die entscheidenden Dinge im Leben grundsätzlich die gleichen bleiben.Passend zum Artikel
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