Die Schweiz kehrt zu UKW zurück. Die SRG, der öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter der Schweiz, verbreitet ab Herbst seine Radioprogramme auch wieder über die Ultrakurzwelle, und die Privaten schalten es nicht ab. Das hatte die Bundesversammlung der Eidgenossen Ende 2025 mit knapper Mehrheit beschlossen. Diese Meldung belebt die Debatte in Deutschland über einen verbindlichen Abschalttermin für diese über 75 Jahre alte Technologie erneut.Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) stellte, vor allem um zu sparen, die UKW-Verbreitung Ende 2024 ein. 2026 sollten die privaten Sender folgen. Den jährlichen Aufwand bezifferte die SRG mit 16 Millionen Euro. Die Wiederinbetriebnahme soll sechs Millionen Euro kosten.Das Ende des klassischen Verbreitungsweges führte, wie das Bundesamt für Kommunikation der Schweiz (BAKOM) der F.A.Z. sagte, zu einer „Umverteilung der Radiohörer in der Schweiz“. SRG-Radioprogramme hätten Hörer verloren und die Privatradios, darunter reine Digitalradios und ausländische Sender, von der Abschaltung profitiert. Der beitragsfinanzierte Rundfunk büßte innerhalb eines Jahres 500.000 Hörer ein. Der Marktanteil ausländischer Radios erhöhte sich von vier auf fünf Prozent.In Deutschland existiert bisher kein einheitlicher AbschaltterminAnstatt sich ein DAB+-Gerät für den digitalen Radioempfang zu kaufen, wechselten die Bürger auf Programme, die weiter traditionell übertragen werden. Die Mehrheit der Funkkonzessionen der Privatradios sei noch bis Ende 2026 gültig, die Freigabe der Frequenzen sei am 1. Juli in Kraft getreten, sagte ein Sprecher des BAKOM der F.A.Z. Nach wie vor bleibe jedoch DAB+, im Gegensatz zu Deutschland, der Hauptweg der Radioverbreitung in der Schweiz. Wer über UKW senden wolle, müsse seine Programme auch über DAB+ anbieten.In Deutschland existiert bisher kein einheitlicher Abschalttermin für die Ultrakurzwelle, und dabei wird es wohl auch bleiben. Als einziges Bundesland hat Schleswig-Holstein das Ende der terrestrischen Radioverbreitung auf 2031 festgesetzt.„Für die Landesregierung war und ist die Digitalisierung des Hörfunks eine Gemeinschaftsaufgabe. So verfolgen alle Beteiligten in Schleswig-Holstein das gemeinsame Ziel, den kostenintensiven Parallelbetrieb von UKW und DAB+ schrittweise bis 2031 zu beenden und vollständig auf DAB+ sowie IP-Empfang umzustellen“, begründet Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei des Bundeslandes, diesen Schritt. Damit entstünde eine effizientere, langfristig wirtschaftlichere und technologisch zukunftsfähige Infrastruktur. Zudem böte DAB+ ein wesentlich breiteres Programmangebot als UKW. Das stärke die Medienvielfalt und den Hörfunk als verlässliches Medium mit modernen Datendiensten, wie einer künftig integrierten Warnfunktion, sagt Schrödter.Starke Rolle von UKW im Vergleich zu anderen EmpfangsoptionenSeit 2019 bewertet die Beitragskommission KEF die technische Mehrfachverbreitung des Hörfunks sehr kritisch und fordert ein Ende von UKW für 2029, erkannte die Verbreitungskosten für UKW allerdings bis 2032 an. Dabei wäre das Einsparpotential beträchtlich. Die Finanzexperten sehen es bei 100 Millionen Euro auf vier Jahre. Zudem fielen bei der ARD ab 2029 zusätzliche Kosten von bis zu 60 Millionen Euro für UKW-Sendetechnik an. Im Frühjahr bekräftigte das KEF-Mitglied Kay Barthel die Kritik der Experten gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“. Die doppelte Verbreitung - UKW und DAB+ -, die fast 15 Jahre andauere, sei finanziell nicht mehr zu rechtfertigen.Doch sowohl die privaten Radios als auch die öffentlich-rechtlichen Sender verweisen auf die nach wie vor dominierende Rolle von UKW. Die genaue Verteilung der Hörer lässt sich aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden schwer beziffern: In allen Altersgruppen nutzen rund drei Viertel täglich lineares Audio. Davon entfallen auf die Nutzung über UKW zirka 70 Prozent, DAB+ folgt mit gut 20 Prozent, und knapp neun Prozent entfallen auf Internetradios.„UKW ist nach wie vor der mit Abstand meistgenutzte Übertragungsweg mit der größten wirtschaftlichen Relevanz für die allermeisten Privatradios in Deutschland“, sagt Marco Maier, Fachbereichsvorsitzender des Verbands Privater Medien (Vaunet) und Geschäftsführer der Mediengruppe FFH, der F.A.Z. UKW sei die „Basis für hohe lineare Reichweite“ und mache privates Radio zu einem „zentralen Träger der demokratischen Öffentlichkeit“. Maier findet: Solange sich das Gros der Privatradios aus den Werbeeinnahmen, die mittels der UKW-Reichweite erzielt werden, refinanzieren muss, stelle sich diese Frage nicht: „Die privaten Anbieter müssen als Unternehmen eigenständige wirtschaftliche Entscheidungen treffen können, auf welchem Verbreitungsweg sie ihre Hörerinnen und Hörer erreichen und wie lange sie dabei UKW nutzen wollen.“Der Ausbau des DAB+-Netzes geht in Deutschland langsam voranJan Weyrauch, Vorsitzender der Audioprogrammkonferenz der ARD, pflichtet dem privaten Konkurrenten im Gespräch mit der F.A.Z. grundsätzlich bei: „Wir unternehmen erhebliche Anstrengungen zum Ausbau des DAB+-Netzes und auch zur Bewerbung von DAB+. Allerdings sind wesentliche Rahmenbedingungen für einen UKW-Ausstieg der ARD aktuell nicht gegeben, insbesondere für die Forderung, aufgegebene UKW-Frequenzen nicht neu zu vergeben.“ Zugleich stelle man fest, dass die Nutzung von UKW weiterhin hoch sei. Die ARD müsse anerkennen: „Um unseren Auftrag zu erfüllen, jeden und jede in Deutschland zu versorgen, können wir derzeit nicht auf UKW verzichten.“ Zudem fordert Weyrauch „klare medienpolitische Vorgaben für ein bundesweites Umstiegsszenario, welches alle Radioanbieter umfasst, also auch die Privaten“. Dieses liege bis heute, außer in Schleswig-Holstein, nicht vor, und er könne auch nicht erkennen, „dass es da eine einheitliche Linie gibt“.Der Ausbau des DAB+-Netzes geht in Deutschland langsamer voran als prognostiziert. Obwohl es Pflicht ist, dass alle neuen Pkw mit DAB+ ausgerüstet sind, werden oft nicht die notwendigen Reichweiten erreicht, sodass nur sehr zurückhaltend in digitale Netze investiert wird. Die 16 Radioprogramme, die die ARD ab 2027 laut Reformstaatsvertrag einstellen muss, sind fast ausschließlich digitale Sender.Angesichts dieser Entwicklung drücken auch die Landesmedienanstalten nicht aufs Tempo. „Insgesamt zeichnet sich ab, dass der Umstieg auf DAB+ beziehungsweise die Aufgabe von UKW ein kontinuierlicher Prozess ist, den insbesondere das Deutschlandradio, aber auch andere öffentlich-rechtliche und private Stationen in einigen Regionen bereits begonnen haben. Allein seit Mitte 2025 wurden rund 50 UKW-Sendeanlagen in Deutschland eingestellt“, sagt Thorsten Schmiege, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Medienanstalten, gegenüber der F.A.Z.. Hilfreich, so Schmiege, wäre die Verständigung zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zum Beispiel auf entsprechende Wegmarken für einen Wechsel.Für Dirk Schrödter ist die Sache indes klar: „Ich finde, ein bundesweit einheitlicher Ausstiegstermin ist inzwischen nicht mehr entscheidend. Wenn alle auf einen anderen warten, passiert gar nichts.“ Das sei aber die „schlechteste aller Varianten – und somit keine Option“. Man sehe ohnehin, dass die Entwicklung hin zu DAB+ in vielen Ländern „deutlich an Fahrt aufgenommen hat – auch ohne einen solchen festen Termin“. Deshalb gibt sich Schrödter optimistisch: „Das Medium Radio schafft den Sprung ins Digitale. UKW ist ein Auslaufmodell – und wird es auch bleiben. Nicht nur in Schleswig-Holstein.“Neben DAB+ mit 13 Millionen täglichen Nutzern entwickelt sich das Webradio mit knapp sechs Millionen Nutzern als Alternative. Allerdings sind Streamingangebote teurer als die anderen Verbreitungswege und führen auch bei der ARD zu höheren Kosten. Die KEF geht davon aus, dass der Aufwand für On-demand-Angebote bei öffentlich-rechtlichen Anstalten, einschließlich Webradios, von 2025 bis 2028 von 134 auf 218 Millionen Euro steigt.Es wird der Medienpolitik oft vorgeworfen, nicht schnell genug zu reagieren und zu lange zu warten. Bei der Radioverbreitung war es anscheinend richtig, nicht vorschnell zu entscheiden. Schließlich sollten die Hörer über einen Technologiewechsel befinden und nicht die Politik. Welche Folgen ein vorschnelles Agieren mit sich bringen kann, zeigt das Beispiel der Schweiz. Allerdings darf die Veränderung des Nutzerverhaltens nicht als Vorwand für einen höheren Beitragsbedarf bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten herhalten.
UKW wird fürs Radio noch gebraucht, sagen private wie öffentlich-rechtliche Sender
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz, die SRG, verbreitet sein Radio wieder über UKW. In Deutschland drängt die Gebührenkommission darauf, UKW aus Kostengründen abzuschalten. Ist das eine gute Idee?








