Am Samstagnachmittag beginnt es im Hürtgenwald zu regnen. Und, was für die Einsatzkräfte noch wichtiger ist: Dabei weht kaum Wind. Denn Winde sind seit dem Ausbruch des Feuers in der Eifel im Westen Nordrhein-Westfalens eine große Herausforderung. „Wir haben hier unwegsames Gelände und wechselnde Winde, sodass das Feuer teilweise in unterschiedliche Richtungen gelaufen ist“, sagt Patrick Harzheim. Er ist Kreisbrandmeister aus Merzenich und hat am Mittag die Einsatzleitung vor Ort übernommen.In einem zum Besprechungsraum umfunktionierten Klassenraum der Sekundarschule Nordeifel im Stadtteil Kleinhau steht Harzheim vor einem Fernseher mit einer Präsentation. Der Feuerwehrmann erklärt Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und der Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne), wie hier rund anderthalbtausend Einsatzkräfte gegen den größten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens kämpfen.Treffen sich zur Lagebesprechung: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (3.v.l., CDU), Ralf Nolten (2.v.l., CDU), Landrat vom Kreis Düren, und Nordrhein-Westfalens Vize-Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne)dpaDie Einsatzleitung für die Luftaufklärung sitzt nebenan, wo sonst die Klasse 9d unterrichtet wird. Das Technische Hilfswerk hat sein Lagezentrum nebenan vor dem Rathaus aufgebaut, auf Tafeln werden Wetterdaten, Tanklogistik und der Personaleinsatz geplant. Nur ein paar Meter holen Freiwillige Hühner aus Käfigen, die aus dem Brandgebiet gerettet wurden.„Der erste Schritt war, die Menschen zu retten“Sehr früh geräumt wurde die Hürtgenwalder Ortschaft Gey mit rund 1800 Einwohnern, dort sind die Häuser fast in den Wald hineingebaut. „Der erste Schritt war, die Menschen zu retten und dann das Hab und Gut zu verteidigen, da sind wir gerade auf einem gutem Weg“, sagt Feuerwehr-Einsatzleiter Harzheim.Derzeit geht es vor allem an drei Stellen darum, das Feuer unter Kontrolle zu halten. Im Westen Richtung Wehebachtalsperre wird eine Straße verteidigt. „Wir müssen um jeden Preis verhindern, dass das Feuer auf die andere Seite springt, denn da geht es bergab“, sagt Harzheim. Im Süden grenzt die Bundesstraße B399, dort geht es hangaufwärts, das ist leichter zu kontrollieren. Und im Osten liegt die Ortschaft Gey, wo langsam leichte Hoffnung aufkeimt, dass die Bewohner bald in ihre Häuser zurückkehren können.Auf 300 Hektar brennt es im Hürtgenwald, was einer Fläche von gut 420 Fußballfeldern entspricht. Es gebe „relativ viele Bodenfeuer und Glutnester im kompletten Bereich“, sagt der Feuerwehr-Einsatzleiter Harzheim. Gelöscht werde das auch in vier bis fünf Tagen noch nicht sein, viel wichtiger sei aber, die Ausbreitung zu verhindern.Löschhubschrauber, Räumpanzer und Wasserwerfen sind im EinsatzZehn Löschhubschrauber werfen Wasser ab, die Bundeswehr hat mit Räumpanzern Schneisen auf Felder gezogen, die Polizei hat aktuell noch fünf Wasserwerfer im Einsatz. Auch Landwirte helfen mit Wasserfässern. „Wir sind hier mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften unterwegs. Ich möchte allen danken, dass wir das Personal als auch das Material einsetzen können“, sagt Landrat Ralf Nolten (CDU). Ausgebrochen ist der Brand am Donnerstagnachmittag, in der vergangenen Nacht hat sich die Lage stabilisiert.Draußen, vor dem Rathaus, dankt auch Ministerpräsident Hendrik Wüst den Einsatzkräften, die von Feuerwehr, über das Deutsche Rote Kreuz bis zum THW reichen. Mit seinem Parteifreund, Bundeskanzler Friedrich Merz, sei er mehrfach in Kontakt gewesen, auch dadurch sei schnell schweres Gerät auf Bundesebene mobilisiert worden, die lokale Feuerwehren vor Ort nicht zur Verfügung hätten. „Wir haben mit Menschen zu tun, die um ihre Heimat bangen und die um ihr Hab und Gut bangen“, sagt Wüst. Bisher sei kein Haus – und noch wichtiger – kein Mensch zu Schaden gekommen.„Das geht nur, wenn ganz viele Menschen mit einem großen Herz große Taten vollbringen“, sagt Wüst. „Das ist typisch für unser Land. Die Solidarität und Nächstenliebe in praktische Arbeit umzusetzen, passiert hier in sehr beeindruckender Art und Weise.“Größer als alle Brände in NRW in den vergangenen fünf Jahren zusammenDer Ministerpräsident nutzt seinen Besuch an diesem Samstag aber auch, um ein größeres Bild zu zeichnen. So erlebe Nordrhein-Westfalen zwar zum ersten Mal ein Feuer in dieser Größe. „Aber wir erleben nicht zum ersten Mal Extremwetterlagen. Das hat auch etwas mit Klimawandel zu tun, das wird keiner ernsthaft mehr leugnen“, sagt Wüst.Vor einigen Wochen sei die große Hitze das Thema gewesen, jetzt die große Trockenheit. Nach der Flutkatastrophe vor fünf Jahren seien im Land 200 Millionen Euro in Katastrophenschutz investiert worden. „Eins ist klar: Wir werden in Zukunft häufiger mit Extremwetterereignissen ganz unterschiedlicher Art zu tun haben. Insofern sind Klimafolgenanpassung und Klimaschutz weiter auf der Agenda“, sagt der Ministerpräsident. „Natürlich ist das schwierig in Einklang zu bringen mit wirtschaftlichen Fragen in einer wirtschaftlich extrem schwierigen Zeit. Aber die Aufgabe bleibt.“Wüsts Koalitionspartnerin im Landtag, die stellvertretende Ministerpräsidentin Neubaur von den Grünen, weist darauf hin, dass der aktuelle Waldbrand eine Fläche hat, wie alle Brände in NRW aus den vergangenen fünf Jahren zusammen. Es ist gleichwohl nicht der einzige Brand aktuell in Deutschland, es ist nicht einmal das einzige Feuer im bevölkerungsreichsten Bundesland. Extremwetterereignisse würden Gefahren bergen für Wirtschaft und Menschen, sagt Neubaur. „Deshalb ist kein Klimaschutz die falsche Antwort. Klimaschutz ist Menschenschutz.“Viele Freiwillige unter den EinsatzkräftenAngesichts der anhaltenden Trockenheit appellieren auch die Politiker an die Bevölkerung, Wälder möglichst nicht zu betreten. Wüst bittet um „absolute Umsicht“, keine Zigerettenstummel wegzuwerfen, kein Glas liegen zu lassen oder das Auto nicht auf trockenem Boden zu parken. „Jeder ist jetzt gefordert, mit aufzupassen.“„Danke für euren Einsatz“: Anwohner danken den Rettungskräften mit Schildern.dpaIn den Ortschaften rund um das Feuer hängen viele Schilder, auf denen Anwohner den Einsatzkräften danken. Landrat Nolten betont angesichts der anderthalbtausend Helfer die große Zahl der Ehrenamtlichen. Vielleicht inspiriere das auch andere, sich zu engagieren, ob beim THW, der Feuerwehr, einer Hilfsorganisation oder auch bei der Bundeswehr. „Wir können diese Schlagkraft nur an den Tag legen, wenn wir uns alle auch ein Stück in der Pflicht sehen, unseren Beitrag zu leisten“, sagt Nolten.
Waldbrand in der Eifel: "Müssen verhindern, dass das Feuer auf die andere Seite springt"
Im Hürtgenwald sind rund 1500 Menschen im Einsatz gegen das größte Feuer in der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Ministerpräsident Hendrik Wüst verweist deutlich auf den Klimawandel.











