In der Zeitung gilt das Diktat der Aktualität. Etwas passiert, es wird berichtet, es gibt Newsticker, Liveblogs, ein wenig später kommen die Analysen, Kommentare. Es findet statt, was man eine Debatte nennt, bestenfalls. Und dann passiert schon wieder das nächste. Eigentlich wäre, ginge man nach der Medienlogik, jetzt der falsche Zeitpunkt, über den Anschlag auf den Berliner CSD vor drei Wochen zu schreiben. Alles wurde schon gesagt, manch Kluges, viel Dummes. Irgendwann fängt das Gesagte an, sich zu wiederholen, das Kluge wie das Dumme. Die Leute wollen endlich wieder etwas anderes hören. Man kann es ihnen nicht verübeln.Als der Berliner Abdul Ballout einen weißen Kleinbus in die Menschenmenge um den CSD steuerte, gegen einen Baum fuhr, ausstieg, mit seiner Machete auf Passanten losging, versuchte ich gerade, zu Fuß mit meiner Freundin die Alpen zu überqueren. Ich ging früh schlafen, und am nächsten Morgen sah ich die vielen Nachrichten auf meinem Handy, ob ich in Ordnung sei. Natürlich war ich in Ordnung, ich hatte nur einen verdammten Muskelkater. Und dann fing ich selbst an, diese Nachrichten zu verschicken, an all die Freunde und Bekannten, die da waren oder gewesen sein könnten. Alle antworteten. Alle waren in Ordnung. Gleichzeitig war natürlich nichts in Ordnung.Der CSD in Berlin war kein zufälliges ZielIn Ordnung war eigentlich schon seit einer Weile nichts mehr. Ich dachte an den CSD vor drei Jahren in Wien, wo ich mit einer Freundin war und es noch am selben Abend hieß, der österreichische Staatsschutz hätte drei Verdächtige festgenommen, IS-Sympathisanten, bei denen Säbel, Axt, Gaspistolen und Messer sichergestellt worden waren – offenbar konnte in letzter Minute ein Anschlag auf den CSD verhindert werden. Ich dachte auch an den islamistischen Messerangriff auf das schwule Paar im Jahr 2020 in Dresden, an Thomas L., der damals getötet wurde, und Oliver L., der lebensgefährlich verletzt wurde. An die vielen IS-Videos, in denen sich Schwule von Hausdächern stürzen. An Iran, wo Homosexuelle an Baukränen gehängt werden. An die queeren Flüchtlinge, die gesondert untergebracht werden mussten, weil sie in den Gemeinschaftsunterkünften nicht sicher waren. Und daran, dass „Gegen die Regenbogenideologie“ vor dem 7. Oktober eines der Hauptthemen, wenn nicht das Thema überhaupt von islamistischen Accounts auf Instagram und Tiktok gewesen war.Als Reaktion auf den Anschlag auf den CSD am 27. Juli 2026 wurde das Brandenburger Tor in Regenbogenfarben illuminiert.dpaDer CSD Berlin war kein zufälliges Ziel, so viel ist klar. Ein Angriff auf uns alle, wie es sofort hieß, war er also nicht, außer man versteht unter „uns alle“ die freie, offene Gesellschaft. Aber von Politikern, die vor ein paar Jahren noch von Homosexuellen als „schriller Minderheit“ sprachen, die sich damals vehement gegen die Ehe für alle stellten und kürzlich gegen das Hissen der Regenbogenflagge auf dem Reichstag mit der Begründung, der Bundestag sei kein „Zirkuszelt“, will ich solches Herumgefloskel nicht hören.Denn wer die freie, offene Gesellschaft meint, sollte sich voll und ganz zu ihr bekennen. Und während ich noch bedauerte, dass Klöckner nach dem Anschlag Trauerbeflaggung auf halbmast anordnete, jedoch auf dem Reichstag nur die Deutschlandflagge und nicht auch die Regenbogenflagge zu sehen war, hatten sich in meiner Timeline schon jene Stimmen gesammelt, die davor warnten, den Anschlag zu instrumentalisieren.
Anschlag auf CSD: Das Motiv war Islamismus
Warum schaffen es diejenigen, die beim CSD-Anschlag in Berlin den Begriff „Islamismus“ umgehen, bei rechtsextremen Anschlägen, den Rechtsextremismus klar zu benennen?






