Fünf Jahre nach der Machtergreifung der Taliban wird in Deutschland über Afghanistan fast nur noch im Zusammenhang mit Abschiebungen gesprochen. Die Bundesregierung nutzt das Land als Exempel, um ihre Wende in der Migrationspolitik sichtbar zu machen und Härte zu zeigen. Menschenrechtler behaupten, den Betroffenen drohten in Kabul Folter und Tod. Eine sachliche Diskussion über die Realitäten vor Ort findet nicht statt.Auch deshalb nicht, weil die Bundesregierung gar kein eigenes Lagebild hat. Die deutsche Botschaft in Kabul ist seit fünf Jahren geschlossen. Die staatlichen Entwicklungsorganisationen sind nicht mehr vor Ort. Allzu oft verlässt man sich auf die Aussagen von Afghanen, die in Deutschland leben. Immer mal wieder wird in Berlin über ein mögliches Verbindungsbüro in Kabul gesprochen, das keine diplomatische Anerkennung der Taliban-Herrschaft bedeuten würde. Aus Sorge vor allgemeiner Empörung geschieht das aber nur hinter verschlossenen Türen.Dabei kann man am Delegationsbüro der Europäischen Union sehen, wie wichtig eine Präsenz vor Ort wäre. Es hilft, aktuelle Entwicklungen zeitnah einzuschätzen, effektiver humanitäre Hilfe zu leisten und die Taliban an ihre internationalen Verpflichtungen zu erinnern. Nicht zuletzt hilft es, Frauen zu unterstützen, über die viel gesprochen, aber für die zu wenig getan wird. Die Schweiz hat 2024 den Anfang gemacht und wieder ein humanitäres Verbindungsbüro in Kabul eröffnet. Aus ihren Erfahrungen könnte man lernen.Taliban in Berlin sind ein Problem. Aber was ist die Alternative?In anderer Hinsicht ist die Bundesregierung schon vorangegangen. Sie hat sich die Kooperation der Taliban bei Abschiebungen dadurch erkauft, dass sie „Konsularbeamten“ des islamistischen Regime die Kontrolle über Afghanistans diplomatische Vertretungen in Deutschland überlassen hat. Das kann man unappetitlich finden. Aber was ist die Alternative?Die Taliban kontrollieren das gesamte Territorium des Landes. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Es gibt keine ernstzunehmende Widerstandsbewegung, die ihnen die Macht streitig machen könnte. Soll man ein Land mit 45 Millionen Einwohnern einfach als leeren Fleck auf der Landkarte behandeln?Damit würde man weder den Afghanen gerecht, die unter einer permanenten Krise leiden. Noch wäre es außenpolitisch sinnvoll. Das rohstoffreiche Land liegt in einer strategisch bedeutenden Nachbarschaft. Russland, China, Iran und Indien nutzen das Vakuum in Afghanistan, um ihren Einfluss auszubauen. Auch wenn Deutschland in der Region kein relevanter Akteur ist, sollte es nicht ganz blind für diese Entwicklungen sein. Wohin das Wegschauen ansonsten führen kann, haben die Terroranschläge vom 11. September 2001 und deren Folgen gezeigt.Für viele Afghanen, die vor den Taliban geflohen sind, mag die Vorstellung, dass ihre Peiniger jetzt aus der Botschaft heraus Demonstrationen in Deutschland beobachten, unerträglich sein. Die Gefahr, dass Angehörige in Afghanistan unter Druck gesetzt werden, ist real. Das gilt genauso für Länder wie Iran, Russland oder China. Für mindestens ebenso viele Afghanen in Deutschland dürfte es wichtig sein, dass sie gültige Pässe für Familienbesuche in der Heimat bekommen können. Das geht nur mit den Taliban.Sechs Millionen Afghanen wurden aus Iran und Pakistan abgeschobenViele Kritiker wären vermutlich überrascht, wenn sie wüssten, wie viele Mitarbeiter der gestürzten Republikregierung noch in den Ministerien der islamistischen Herrscher tätig sind. Damit soll die frauenverachtende, repressive Politik der Taliban nicht verharmlost werden. Aber es ist nötig, den Blick für Spielräume zu schärfen, die es gibt. Auch wenn sie klein sind.Man würde sich wünschen, dass die Not der afghanischen Bevölkerung genauso viel Aufmerksamkeit in Deutschland bekäme wie die Anwesenheit der Taliban-Beamten. Wenn man schon über Migration spricht, sollte man auch erwähnen, dass seit Ende 2023 sechs Millionen Afghanen aus Iran und Pakistan abgeschoben wurden. Kein Land der Welt könnte eine so hohe Zahl an Rückkehrern bewältigen.Das fällt zusammen mit einem rasanten Rückgang der humanitären Hilfe. 2022 stellten internationale Geber nach UN-Angaben noch 2,86 Milliarden Euro bereit. Für dieses Jahr sind bislang nur 390 Millionen Euro zugesagt. Die Folge: Fast jedes zehnte afghanische Kind unter fünf Jahren ist von akuter Mangelernährung betroffen.Die Verantwortung dafür tragen die Taliban. Sie sind im Begriff, eine große Chance zu verspielen. Nach jahrelangen Kämpfen herrscht kein Krieg mehr in Afghanistan. Das könnte Entwicklungspotentiale freisetzen. Doch der Herrscher in Kandahar besteht darauf, das Land mit seinen vormodernen Vorstellungen in den Ruin zu treiben. Die afghanische Bevölkerung ist längst viel weiter. Manche Taliban-Funktionäre auch. Ob sie irgendwann einen Wandel erzwingen können, ist ungewiss.
Fünf Jahre Taliban: Berlin sollte in Kabul präsent sein
Deutschland braucht wieder eine Präsenz in Afghanistan. Um die strategisch wichtige Region im Blick zu haben und Frauen zu helfen, statt nur über sie zu reden.












