Wer liest, lernt auch kritisch denken: Warum das Lesen am Anfang der Aufklärung stand und was wir verlieren, wenn wir es verlernenEin Viertel der deutschen Schülerinnen und Schüler kann nur ungenügend lesen. Mit dem Schreiben ist es nicht besser. Es gäbe einfache Mittel, um das zu ändern.Christine Brinck15.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenLesen und Schreiben, die grossen Errungenschaften der Menschheit, sind der Schlüssel zum Verständnis der Welt. Bild: National Library of China in Peking.Song Jiaru / GettyJohn Adams, später zweiter Präsident der USA, notierte anno 1765 im puritanischen Neuengland: «Ein Amerikaner, der nicht lesen oder schreiben kann, ist eine so seltene Erscheinung wie ein Komet oder ein Erdbeben.» Das ist lange her. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa ist die Zahl der Nichtleser in den letzten zwanzig Jahren stetig gestiegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Grund für die Lesefreudigkeit auf beiden Seiten des Atlantiks war die Bibel. Sie war oft das einzige Buch im Haus, aber sie wurde täglich vom Kind bis zum Greis gelesen und gelernt. Das «Buch der Bücher» wird hier wie dort kaum mehr gelesen. Lesen und Schreiben, die grossen Errungenschaften der Menschheit, waren stets unabdingbare Kulturtechniken, der Schlüssel zum Verständnis der Welt. Doch Teenager und Studenten wollen nicht mehr lesen, auch nicht zum Vergnügen.Fast die Hälfte der EU-Bürger schafft nicht einmal ein einziges Buch im Jahr. In den USA, so die Statistik, liest einer von zehn nur ein Buch in einem ganzen Jahrzehnt. Es nützt nichts, dass standardisierte Tests zeigen, dass Kinder, die täglich lesen, dramatisch bessere Ergebnisse einfahren als die lesefaulen Kids. Warum? Die Antwort ist längst bekannt. Die schlechten Testergebnisse im Lesen korrelieren mit der Länge der Zeit, die sie am Bildschirm verbringen.Wer bloss scannt und scrollt, stolpert bei einem geschriebenen Text. Der Niedergang des Lesens begann freilich nicht erst gestern. Sondern Anfang der 2000er Jahre, als das Smartphone in immer mehr Kinderhände geriet. Professoren, ob an der Uni Münster oder Michigan, klagen über Studenten, denen zehn Seiten Lesestoff schon zu viel seien, zwanzig erst recht. Achtzig Seiten pro Kurs pro Woche gehörten ins Fabelland der sechziger Jahre. Auch an Universitäten.Das betrifft vor allem die Geisteswissenschaften: Literatur, Philosophie, Geschichte. Ohne Textstudium geht in solchen Fächern nichts. Wenn Menschen aufhören zu lesen, verlieren sie auch die Fähigkeit, den Sinn des Lebens und der Welt zu verstehen. Diese Fähigkeit entstand vor 5000 Jahren, als in Mesopotamien die Keilschrift erfunden wurde, um Buch zu führen, Rechnungen auszustellen. Auf grossen Steinblöcken wurde im Kodex Hammurabi das Straf-, Zivil- und Handelsrecht eingemeisselt.Die ersten GlobalistenÜberall im babylonischen Reich wurden diese Stelen aufgestellt. Die wenigsten konnten lesen und schreiben, aber die, die es konnten, hatten schon im Altertum einen wirtschaftlichen Vorteil. Die Juden im alten Rom konnten schreiben und lesen. Diese Fertigkeit ermöglichte selbst Menschen aus niederen Schichten, gut dotierte Jobs als Schreiber zu kriegen.Die italienische Historikerin Anna Foa notiert in ihrem Buch «The Jews of Italy: The First Thousand Years», wie wichtig die Kunst des Schreibens für das Fortkommen war: «In einer Welt, die lesen und schreiben nicht für wichtig hielt, wurden die Juden selbst für Fürsten und Herrscher unersetzbar.» Juden waren die ersten Globalisten, sie sprachen die lokalen Sprachen, kommunizierten aber mit der weltweiten Diaspora auf Aramäisch oder Hebräisch.Das war ihr Alleinstellungsmerkmal und garantierte der Minorität mit eingeschränkten Rechten das Überleben wirtschaftlich wie intellektuell. Schreiber waren kostbar, und sie schufen Kostbares. Ein handgeschriebenes Buch mit Illustration konnte so teuer sein wie ein Haus. So kostete ein einziges Gebetbuch für den Bischof von Westminster 208 Tagessätze an Schreiberlohn.Das war im Jahr 1383. Keine 70 Jahre später revolutionierte Johannes Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks die Buchproduktion. Das war eine ähnliche Medienrevolution wie die Erfindung des Internets. Alles, was in den ersten 3500 Jahren aufgeschrieben wurde, stand unter der Kontrolle der Herrschenden – und ihrer Schreiber. Das änderte sich radikal, als Flugschriften, Almanache und Pamphlete plötzlich nur ein paar Pfennige kosteten und rasch verbreitet werden konnten.Ohne die Bibel in Volkes Hand hätte sich der Protestantismus wohl nicht durchgesetzt. Auch der Beginn der Demokratisierung wurde durch die Alphabetisierung wesentlich beschleunigt. Luthers Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache war auch da ein entscheidender Schritt. Denn mit dem Lesen ging auch das eigenständige Denken einher. Das hatten die Herrschenden zwar nicht gewollt, aber es war unausweichlich.Digital lesen ist andersDie Unterscheidung zwischen Märchen, Legenden und Mythen einerseits und der Geschichte des Volkes, der Welt anderseits wurde möglich. Und überprüfbar. Dass sich immer breitere Kreise über die Welt ins Bild setzen konnten, schuf Raum für Skepsis und Zweifel. Wo es Zugang zu Büchern gibt, hat der Staat nicht mehr die alleinige Kontrolle über die Darstellung der Geschichte. Wer aber vertieftes Lesen aufgibt, fällt schnell auf Mythen, Lügen und Fake News herein.Wer liest, ist ganz für sich, auch wenn es ringsum hektisch zugeht: Wie hier an der University at Albany im Bundesstaat New York.Paul Buckowski / GettyStudenten, die zwanzig Seiten Lesestoff als Zumutung empfinden, sind ein Symptom für den Rückgang des Lesens und Schreibens. Ein Viertel der Viertklässler in Deutschland hat ein ungenügendes Leseverständnis. Mit dem Schreiben ist es nicht besser. Die Daueralarmierung durch die Screens, die Häppchen, in die KI-Tools die Bücher zerlegen, die Videoclips, die das Internet konstant ausspuckt – sie zersetzen die Konzentration, die zum Lesen nötig ist.Dies ist allerdings nicht einfach der Faulheit der Schüler und Studenten geschuldet. Sondern der Tatsache, dass Schule und Universität ihnen gar nicht die Chance geben, die Lesefähigkeit früh aufzubauen. Es werden etwa kaum noch Diktate geschrieben, die einst zum Kanon der Grundschule gehörten, und es wird kaum mehr vorgelesen.Die Dauerpräsenz von Smartphones, Pads und Laptops verdrängt das Buch, in dem geblättert und gelesen wird, das man anschaut und wieder von vorne beginnt. Und das man vor allem gut im Gedächtnis speichert, besser als Texte, die man auf dem Flimmerbild liest. Forscher der Universität von Valencia fanden heraus, dass beim Lesen gedruckter Texte das Verständnis deutlich besser ist als beim digitalen Lesen. Das hängt damit zusammen, dass man digital anders liest. Aber auch damit, dass für digitale Medien geschriebene Texte eine andere Qualität haben, wie der Leiter der Untersuchung vermutet, Ladislao Salmerón.Vier Wochen ohne InternetSie seien mehr im Plauderton gehalten, sagt Salmerón, Syntax und Argumente seien eher unterkomplex. «Die Einstellung zum Lesen» sei bei digitalen Texten, so Salmerón, oberflächlicher als bei gedrucktem Text. Scanning sei verbreiteter, der Leser «taucht nicht tief in die Geschichte ein oder begreift die komplexen Beziehungen in einem Text nicht ganz».Doch wer nicht mit Verständnis lesen kann, wird kaum vertieft denken. Die New Yorker Mutter, die ihrer dreizehnjährigen Tochter hundert Dollar zahlte, damit sie endlich ein ganzes Buch liest, hat gut investiert. Selbst wenn der Teenager das Geld anschliessend für Kosmetikartikel ausgab. Das nächste Buch soll das Kind ohne Bezahlung gelesen haben, erzählt die Mutter.Mut macht auch ein Beispiel aus Texas. Nach der Verbannung der Smartphones aus den Schulen wurden in einem Schulbezirk von Dallas 200 000 Bücher mehr ausgeliehen als im Vorjahr. Es gibt heroische Beispiele von Universitäten und Schulen, die sich dem Verlust des Lesens entgegenstemmen. Was passiert, wenn Studenten ihr Smartphone für vier Wochen abgeben, hat Colleen Kinder, Yale-Professorin für Creative Writing, beschrieben.Sie hielt einen vierwöchigen Kurs ab, der komplett offline war. Kein Google, keine Videos, kein Texting. Kinder leitet den Kurs seit 2017. Sie stellt fest, dass es leichter geworden sei, den Studenten den elektronischen Verzicht abzuverlangen. Einst musste sie sogar die SIM-Karten einsammeln. Letzten Sommer gaben die Teilnehmer ihre Handys ohne Murren ab. Die Fortschritte in der Qualität des Geschriebenen zwischen Woche eins und Woche vier seien bemerkenswert, sagt sie.Studenten, die sonst alle zehn Minuten nach ihrem Phone griffen, konnten zum eigenen Erstaunen sechs Stunden allein in einem Zimmer sitzen, nachdenken und schreiben. Ein Student habe fünfzehn Essays in den vier Wochen geschrieben, sagt die Professorin. Auch die Abende verliefen anders. Statt sich auf Instagram oder Tiktok zu tummeln, spielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Tischtennis, schauten die Sterne an oder schrieben Briefe.McClays Experiment«Offline gehen», sagt Colleen Kinder, «könnte die Säule eines ganzen College-Programms sein. Warum nicht einen Platz für Studenten schaffen, die ausschalten wollen?» Kinder behauptet: «Wir schulden es den heutigen Studenten, internetfreie Räume, Programme, vielleicht sogar einen ganzen Campus zu schaffen für diejenigen, die mit weniger Ablenkungen lernen wollen.»Dafür müssten die Schul- und Unileitungen allerdings die Kriterien schärfer formulieren. Im Jahr 1941 bot W. H. Auden an der Universität von Michigan einen Kurs mit dem Titel «Schicksal und das Individuum in der europäischen Literatur» an. Voraussetzung: 6000 Seiten Lesestoff (!) in einem Semester: Aischylos, Sophokles, Horaz, Augustin, Dante, Shakespeare, Pascal, Racine, Blake, Goethe, Baudelaire, Dostojewski, Melville, Rilke, Kafka, neun Opernlibretti – alles in einem Semester.Jahrzehnte später tauchte die einschüchternde Liste wieder auf. Schliesslich wagte der Historiker Wilfried M. McClay ein Experiment an seinem Hillsdale College in Michigan. Er offerierte Audens Kurs zusammen mit zwei Kollegen, verteilt auf zwei Semester, und nahm lediglich ein paar wenige Romane, Erzählungen oder Opernlibretti aus dem Literaturkanon. Wer würde 77 Jahre nach Audens Parforceritt so einen Kurs belegen wollen?Kaum konnten die Studenten sich einschreiben, war McClays Kurs schon überbucht. In den folgenden Jahren mussten regelmässig Bewerber abgewiesen werden. Im ersten Jahr kreierten die Studenten sogar ein T-Shirt mit dem Aufdruck «I survived the Auden Course».Wer mit Sinn und Verstand und Vergnügen liest, wer ein Buch nicht nach zehn Minuten weglegt, weil der Screen schon wieder Ablenkung heischt, wird auch selbständig denken und seinen Kopf für den Rest seines Lebens besser möblieren können. Die andauernde Beliebtheit des Auden-Kurses sollte denen zu denken geben, die demnächst «Faust» in einfacher Sprache unterrichten wollen. Die Geisteswissenschaften sind nicht am Ende, wenn ihre Vermittler mit Leidenschaft für ganze Texte statt kurzer Auszüge eintreten. Lesen ist der Schlüssel zum eigenen Denken, egal ob Platons «Höhlengleichnis», Shakespeares «Romeo und Julia» oder Maurice Sendaks «Wo die wilden Kerle wohnen».Passend zum Artikel