Tugay Sarac war früher Salafist. Heute ist er Deutschlands erster und einziger Diversity-Koordinator einer MoscheeDer 29-Jährige hielt Homosexualität als Jugendlicher für eine Sünde. Heute will er junge Muslime vom Gegenteil überzeugen. Seine Methode: Widerspruch.Tugay Sarac im Gebetsraum der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin.Tugay Sarac hat einen Beruf, den es nur einmal in Deutschland gibt: Er ist LGBTQ-Koordinator einer Moschee. Der 29-Jährige leitet die «Anlaufstelle Islam und Diversity» der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. An einem Morgen im August steht der junge Mann mit den dunklen Locken in Socken auf dem flauschigen weissen Teppich im Gebetsraum. An der Wand hinter ihm hängen zwei riesige Regenbogenfahnen. Auf einem Tisch mit einer blau-weiss karierten Decke liegen Stapel von Stickern, auf denen der Satz steht: «Liebe ist halal.» Schwul und Muslim zu sein, das passt für Sarac zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Moschee wurde 2017 von seiner Tante gegründet, der Frauenrechtlerin Seyran Ates. Sie steht für einen progressiven Islam, der mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sein soll. Männer und Frauen beten Seite an Seite, mit oder ohne Kopftuch. Im vergangenen Jahr hat Sarac hier seinen Mann geheiratet. Die Moschee ist damit ein Unikum in Deutschland.Doch noch vor wenigen Jahren wäre ein Ort wie dieser für Sarac Sünde gewesen. Als Jugendlicher war er Salafist. Wenn man ihn fragt, was er damals über Homosexualität dachte, nennt er nur negative Adjektive: widerlich, pervers, sündhaft. Er dachte, wenn er nur gläubig genug sei und oft genug bete, werde Gott ihn heterosexuell machen.«Ich kann beides sein. Muslim und schwul»Er fastete ausserhalb des Ramadans, trug einen langen Bart und verweigerte Frauen den Handschlag. In der Oberstufe setzte er sich dafür ein, dass seine Schule einen islamischen Gebetsraum einrichtete. Doch Gott erhörte seine Gebete nicht. Sarac wurde daher immer strenger mit sich. Bis er schliesslich sogar darüber nachdachte, sich als «Märtyrer» einer islamistischen Gruppe im Ausland anzuschliessen.Sarac geriet in eine tiefe Sinnkrise. «Alle Prediger hatten mir gesagt, dass Gott nie Nein zu einem Bittgebet sage. Aber nichts passierte. Da dachte ich: Offensichtlich hört mir niemand zu», so erinnert er sich. Enttäuscht wandte er sich von seinem Glauben ab.Sarac hatte Glück, dass ausgerechnet seine Tante in jenen Jahren eine liberale Moschee gründete. 2017 hörte er dort den Vortrag eines Imams, der ihm die Augen öffnete. Dieser legte dar, dass der Koran Homosexualität keineswegs verbiete. «Das war für mich der Moment, in dem ich begriff: Ich kann beides sein. Muslim und schwul», sagt Sarac.Die Moschee steht für einen progressiven Islam.Morddrohungen und AnschlagspläneDoch dafür, dass Sarac heute so lebt, wie er will, zahlt er einen hohen Preis. Wer öffentlich sagt, Muslime könnten schwul, lesbisch oder queer sein, macht sich Feinde, besonders in der eigenen Religion.Sarac bekommt regelmässig Morddrohungen. Sie kommen über die E-Mail-Adresse der Moschee oder über die sozialen Plattformen. Die Absender beschreiben detailliert, wie sie ihn töten wollen und dass sie hoffen, dass er in der Hölle schmoren wird.Es bleibt jedoch nicht bei Worten. Die Moschee steht seit ihrer Gründung im Visier von Islamisten. In Internetforen wird sie «Ort der Teufelsanbetung» genannt. Aus Sicherheitsgründen musste die Moschee schon einmal kurzzeitig schliessen. Die Drohungen waren zu konkret geworden.Für Tugay Sarac passt Muslim und schwul sein zusammen.Berlin ist für Homosexuelle nicht sicherDie Islamisten, die Muslime wie Sarac verachten, sind keine Radikalen aus fernen Ländern. Sie leben mitten in Deutschland, in der Nähe der Moschee.Berlin-Moabit, das Viertel, in dem sie liegt, war einst ein Arbeiterkiez. Heute hat die Gegend den höchsten Ausländeranteil in der deutschen Hauptstadt. Sarac deutet mit einer Hand in Richtung der Regenbogenflaggen. Dort liege die Moschee, in die Anis Amri gegangen sei, sagt er. Der Islamist raste 2016 mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötete dreizehn Menschen. Dann zeigt Sarac in die entgegengesetzte Richtung. Dort sei die Schule, die Abdul B. besucht habe, der Attentäter vom CSD.Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel sagte im vergangenen Jahr, es gebe Orte in der deutschen Hauptstadt, an denen Juden und Homosexuelle nicht sicher seien. Das hielten viele für eine Ohnmachtserklärung. Wenn man Sarac fragt, ob er solche Orte nennen könne, schüttelt er den Kopf. Es gebe nicht die eine problematische Strasse, das eine homophobe Viertel. «In Berlin ist man als schwuler Mann nirgendwo sicher», sagt er. Und eine Sache möchte er ebenfalls festhalten. Er sehe in Berlin für sich eine grössere Gefahr, von Islamisten angegriffen zu werden, als von Rechtsradikalen. Islamisten gebe es in Berlin überall.«Es gibt queere Muslime, es gibt muslimische Frauen, und alle dürfen frei sein», sagt Tugay Sarac.«Liebe ist halal», lautet der Slogan einer Kampagne der Moschee.Nur maskiert auf die StrasseDas hat Folgen für seinen Alltag. Sarac passt in der Öffentlichkeit sein Verhalten an, damit man ihm nicht ansieht, dass er schwul ist. «Mein Mann und ich laufen nie Hand in Hand in der Stadt», sagt er. Höchstwahrscheinlich würden sie nicht geschlagen, lautet seine trockene Kalkulation. «Aber wir haben auch keine Lust, uns blöden Kommentaren auszusetzen.»Es gab auch schon Zeiten, in denen Sarac nur maskiert auf die Strasse ging. Das war 2021. Die Moschee hatte gerade eine Plakatkampagne gestartet. Saracs Gesicht hing in der ganzen Stadt. Daneben stand der Satz von den Stickern: «Liebe ist halal.» Damals kamen besonders viele Drohungen. Sarac ging deshalb nur noch mit Maske und Kappe vor die Tür. Damit sei man in der Corona-Pandemie zum Glück nicht weiter aufgefallen, sagt er.Dass homophobe Ansichten unter jungen Muslimen verbreitet sind, erlebt Sarac auch bei seiner Arbeit. Regelmässig gibt er an Schulen Workshops zu Toleranz, Frauenrechten, Queer-Sein und Islam. Sarac versucht, über persönliche Schilderungen begreifbar zu machen, was es heisst, als schwuler Mann diskriminiert zu werden, den jungen Menschen Empathie zu vermitteln.Der Fehler, nicht über Islamismus zu sprechenNicht alle seien intolerant oder hasserfüllt, sagt Sarac. Aber in jeder Klasse gebe es zwischen zehn und vierzig Prozent, so schätzt er, die schwer erreichbar seien. Ihm und seinen Kollegen werde dann vorgeworfen, sie zögen den Islam in den Schmutz und beleidigten Gott. Manche sprechen ihnen ab, richtige Muslime zu sein. Andere unterstellen ihnen gar, dass sie den Islam von innen heraus zerstören wollten. «Wir hatten Workshops, da haben Schüler gesagt, es sei schon richtig gewesen, was Hitler mit den Homosexuellen gemacht habe», erzählt er nüchtern.Angst vor Konfrontation sei im Umgang mit Islamismus der falsche Weg, findet Tugay Sarac.Für Sarac ist klar, weshalb solche Ansichten so weit verbreitet sind. «Das ist das Ergebnis davon, dass wir nicht über Islamismus sprechen wollen», sagt er. Wenn diese Menschen nicht gespiegelt bekämen, dass ihre Ansichten homophob und menschenverachtend seien, ermutige es sie, weiterzumachen.Hinter dem Schweigen der deutschen Gesellschaft vermutet Sarac eine Art Beschützer-Rassismus. Muslime würden von manchen wie Teddybären gesehen, die beschützt werden müssten, nicht aber als Mitbürger auf Augenhöhe. Deswegen würden sie schlichtweg nicht ernst genommen, wenn sie sich homophob äusserten. Diese Perspektive müsse sich ändern, sagt Sarac: «Muslime sind gleichberechtigt. Deshalb haben sie auch die gleiche Verantwortung wie alle Bürger, sich an das Grundgesetz zu halten.»Ähnliche Erfahrungen hat Sarac früher selbst gemacht. In seiner Schulzeit habe es nur eine einzige Lehrerin gegeben, die ihm Contra gegeben habe, wenn er radikale Aussagen von sich gegeben habe. Sarac hat die Frau allerdings nicht negativ in Erinnerung, im Gegenteil: Sie sei seine Lieblingslehrerin gewesen. «Sie hat mir widersprochen, ist aber offen geblieben fürs Gespräch. Das ist es, was wir brauchen: Widerspruch, aber in einer respektvollen Art und Weise.» Die Angst vor Konfrontation sei der falsche Weg, zeigt sich Sarac überzeugt.Dieses Prinzip versucht er heute selbst vorzuleben. «Eigentlich machen wir gar nichts Wildes», sagt er. «Es gibt queere Muslime, es gibt muslimische Frauen, und alle dürfen frei sein.»Passend zum Artikel