«Wer einem unter 30-Jährigen eine IV-Rente bezahlt, hat ihn bereits aufgegeben»Die IV spricht jungen Menschen immer mehr Renten zu. Der Psychologe Niklas Baer ist überzeugt: Die Leute sind heute nicht kränker, werden aber länger und schneller krankgeschrieben. Und das hat Folgen.15.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEine Jugendliche vergräbt ihre Hände in ihrem Kapuzenpullover. Immer mehr junge Menschen mit psychischen Problemen beziehen eine IV-Rente.Annick Ramp / NZZNiklas Baer forscht seit Jahren zur Wiedereingliederung von IV-Empfängern und verfasste im Auftrag des Bundes auch eine Studie über die Situation von jungen Bezügern. Neben seiner Tätigkeit für Workmed, Zentrum Arbeit und psychische Gesundheit, das auch Wiedereingliederungen von IV-Klienten in den Arbeitsmarkt begleitet, bringt sich Baer seit Jahren immer wieder in kontroverse Diskussionen zur IV ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Herr Baer, der IV fehlt immer mehr Geld. Ist das Sozialwerk noch zu retten?Antwort: Der Zustand der IV ist alarmierend. Seit gut zehn Jahren verzeichnen wir eine erneute Zunahme des IV-Renten-Bestandes. Die IV-Renten haben sich bei den Jungen innerhalb von dreissig Jahren verfünffacht.Niklas BaerPDFrage: Der Bundesrat schlägt vor, junge Menschen noch stärker bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Zudem sollen die Lohnbeiträge erhöht werden. Sind das die richtigen Schlüsse?Antwort: Der Fokus auf die Jungen ist richtig. Aber zuerst sollten wir uns endlich fragen, warum die Zahl der Neurenten so stark ansteigt. Der Bundesrat sagt, weil die psychischen Erkrankungen zunähmen. Das finde ich mutig. Denn es ist völlig unklar, ob das tatsächlich so ist. Wir haben dazu in der Schweiz keine Daten.Frage: Ein Grossteil der Neurenten wird wegen psychischer Krankheiten gesprochen. Speziell betroffen sind 18- bis 24-jährige Personen. Weshalb?Antwort: Eigentlich sind es die 18- bis 29-jährigen Personen. Grundsätzlich muss man sagen: In der Schweiz wird immer früher abgeklärt, diagnostiziert und behandelt. Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, die psychologisch betreut werden, und das ist zunächst einmal ein klarer Fortschritt.Frage: Aber?Antwort: Mehr Behandlungen führen zu mehr Diagnosen. Etwa 9 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben innerhalb des vergangenen Jahres eine psychologische oder ärztliche Behandlung erhalten. 2015 waren es erst 5 Prozent. Es ist deshalb nur logisch, dass mehr Personen krankgeschrieben werden. Das Problem ist nur: Je mehr Personen krankgeschrieben werden, desto mehr werden bei der IV angemeldet, und desto wahrscheinlicher wird eine IV-Rente. Und wenn jemand eine IV-Rente erhält, wird für diese Person die Rückkehr in den Arbeitsmarkt unwahrscheinlich. Durch diese Psychologisierung der Gesellschaft heizt sich das System immer weiter an.Frage: Was meinen Sie mit einer Psychologisierung der Gesellschaft?Antwort: Wir wissen, dass etwa 30 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres einmal oder mehrmals eine diagnostizierbare psychische Störung haben. Das ist nicht neu. Neu ist, dass sie sich erfreulicherweise viel häufiger in Behandlung begeben – aber leider auch, dass der Anteil derjenigen steigt, die eine IV-Rente zugesprochen bekommen. Heute gehen die Leute auch bei Alltagsproblemen zum Arzt und werden schnell krankgeschrieben. Das finde ich schwierig.Frage: Jetzt übertreiben Sie aber. So einfach geht das doch nicht.Antwort: Leider ist das keine Übertreibung. Wenn ein Patient über längere Zeit einen Konflikt bei der Arbeit hat, der sich zuspitzt, dann geht es ihm logischerweise nicht gut. Er kann nicht schlafen, grübelt, ist frustriert und gekränkt. Es sind also durchaus bereits Symptome einer Depression vorhanden. Und viele können sich dann eine Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht mehr vorstellen.Frage: Sie sprechen vom Arbeitsplatz. Gilt dasselbe auch für junge Studenten?Antwort: Die wenigen vorhandenen Daten zeigen, dass bei den jungen Leuten auch dort die Absenzen zunehmen. Häufig gehen längere Krankheitsabsenzen und darauffolgende Ausbildungsabbrüche einer IV-Rente voraus. Sie sind ein Haupteingangstor in die IV, und deswegen ist bei Krankschreibungen Zurückhaltung geboten.Frage: Sind Konflikte bei der Arbeit oder in der Schule der häufigste Grund für Krankschreibungen?Antwort: Arbeitsplatzkonflikte sind mit 57 Prozent am häufigsten, vor Konflikten im familiären Umfeld mit langer Vorgeschichte.Frage: Rechtfertigen depressive Symptome die Krankschreibung etwa nicht?Antwort: Symptome oder Diagnosen sind an sich noch kein Grund für eine Krankschreibung. Sie ist erst angebracht, wenn Symptome und Krankheiten dazu führen, dass jemand seinen Job nicht mehr machen kann. Es kommt relativ schnell die Aussage: «Er hat halt ein Leiden, und deswegen kann er nicht arbeiten.» Das stört mich. Ein psychisches Leiden bedeutet nicht unbedingt, dass es unmöglich ist, zu arbeiten oder sich Mühe zu geben. Im Gegenteil: Es braucht sehr viel Anstrengung, um mit psychischen Problemen leben zu lernen. Ich stelle aber fest, dass die Leute immer schneller und oft lange krankgeschrieben sind. Ich frage mich deshalb: Ist das wirklich immer nötig?Frage: Offenbar lautet Ihre Antwort Nein.Antwort: Eine Krankschreibung kann entlastend sein, aber auch enormen Schaden anrichten. Ist ein Patient lange krankgeschrieben, verliert er die Stelle früher oder später. Wer krankgeschrieben ist, sitzt zu Hause, hat keine Aktivierung und fühlt sich oft schlechter. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer regressiven Gewöhnung an Inaktivität, das ist auch ein psychischer Schaden. Wir sprechen hier nicht von Faulheit, aber es ist extrem schwierig, solche Patienten wieder zu reaktivieren.Frage: Welche Rolle spielt Arbeit denn für die psychische Gesundheit?Antwort: Selbstverständlich kann die Arbeit Stress und sehr ernsthafte Belastungen auslösen. Allerdings schafft sie auch Zugehörigkeit zu einem Team und ermöglicht Erfolgserlebnisse. Die positiven Effekte der Arbeit werden heute leider massiv unterschätzt. Inzwischen ist die Vorstellung weit verbreitet: Arbeit bedeutet nur Stress, zu Hause kann man sich hingegen entspannen. In unserer täglichen Arbeit sehen wir aber, dass die Ursache von psychischen Problemen in der Hälfte aller Fälle nichts mit der Arbeit zu tun hat, sondern mit der Situation zu Hause.Frage: Haben Sie Belege für diese These?Antwort: Ja, einige. Vor einem Jahr hat Workmed eine Befragung veröffentlicht, an der 45 000 Lernende aus der ganzen Schweiz teilgenommen haben. 60 Prozent von ihnen gaben an, dass sie während ihrer Ausbildung bereits psychische Probleme hatten: Ess- oder Angststörungen, depressive Verstimmungen. Den Auslöser für die Probleme sehen die Lernenden etwa gleich häufig im privaten wie im Arbeitsumfeld. Gleichzeitig gaben 80 Prozent der Befragten an, dass ihnen die Ausbildung Spass mache. Viele berichteten, dass ihr Selbstvertrauen im Vergleich zu ihrer Schulzeit gestiegen sei, dass sie kritikfähiger geworden seien und sich sozial kompetenter fühlten.Frage: Was leiten Sie daraus genau ab?Antwort: Klammern wir die eher seltenen schweren Krankheiten aus, können wir sagen, dass es den Lernenden trotz psychischen Belastungen gutgeht. Die Arbeit trägt entscheidend dazu bei, dass sie ihre Probleme bewältigen können. Ich glaube sogar, die positiven Aspekte der Arbeit, wie zum Beispiel eine gute Stimmung am Arbeitsplatz und eine gute Integration im Team, haben einen grösseren Effekt auf die Bewältigung oder Genesung als eine vollständige Krankschreibung mit anschliessender Therapie.Frage: Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Stimmt die Atmosphäre auf der Arbeit nicht, wirkt sich das umso mehr auf die psychische Gesundheit aus.Antwort: Natürlich, und solche Fälle gibt es immer wieder. Ich sage bloss, für junge Menschen ist nicht allein das Klima zu Hause, sondern auch das auf der Arbeit entscheidend. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen. Überall werden mehr Behandlungsplätze gefordert. Dabei verfügt die Schweiz über die höchste Dichte an Psychiatern. Diese Angebote kann man weiter ausbauen, allerdings sollten wir mehr in die Unternehmen und Lehrbetriebe investieren.Frage: Das heisst, Sie fordern staatliche Unterstützung für private Firmen?Antwort: Ich fordere, dass anerkannt wird, wie positiv Arbeit für die psychische Gesundheit sein kann. Vielleicht können Subventionen für betriebliche Massnahmen zu einer Sensibilisierung bezüglich des Arbeitsklimas beitragen. In erster Linie müssen die Unternehmen aber selbst dafür sorgen. Wenn die Chefs bei Konflikten früher intervenierten, könnte man vieles frühzeitig entschärfen. Solche Konflikte entstehen nicht von heute auf morgen. Aber viele Führungskräfte haben Hemmungen, Probleme im Team anzusprechen.Frage: Schon mehrfach haben Sie ein Mindestalter von 30 Jahren für eine IV-Rente gefordert. Fehlt es Ihnen an Empathie?Antwort: Es braucht viel Empathie, um belastete Junge in schwierigen Situationen nicht aufzugeben, sondern ihnen etwas zuzutrauen. Wer einem unter 30-Jährigen eine IV-Rente bezahlt, ist nicht empathisch, sondern hat ihn bereits aufgegeben. Sie werden jahrzehntelang von dieser Geldleistung abhängig sein, keine sozialen Kontakte am Arbeitsplatz und weniger Erfolgserlebnisse haben. Das ist doch keine Perspektive. Es gibt Fälle, da ist bereits in diesem Alter klar, dass die Betroffenen nie arbeiten können. Da braucht es Ausnahmeregeln. Daneben gibt es aber sehr viele, die sich noch entwickeln können.Frage: Sollen also auch Menschen mit Schizophrenie oder einer Persönlichkeitsstörung keine Rente unter 30 bekommen?Antwort: Wie gesagt bestreite ich nicht, dass es Personen gibt, die arbeitsunfähig sind. Die Frage, ob jemand arbeitsfähig ist oder nicht, hängt aber nicht allein von der Diagnose ab. Es gibt Personen mit schweren Krankheiten wie Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen, die trotzdem arbeiten. Aber Arbeitsabläufe können für diese Personen anstrengender sein oder länger dauern.Frage: Das klingt so, als ob Sie ökonomische Interessen über die Gesundheit der Betroffenen stellen.Antwort: Ich bin für einen klaren Fokus auf die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Ich bezweifle, dass man damit viel Geld sparen wird. Zudem bin ich nicht Ökonom, sondern Psychologe. Ich kenne aus meinem Berufsalltag viele IV-Renten-Bezüger. Viele von ihnen vermissen soziale Kontakte oder isolieren sich. Sie schämen sich, mitten am Tag einkaufen zu gehen, wenn andere arbeiten. Sie vermeiden vorwurfsvolle Rückfragen von Bekannten und isolieren sich zunehmend. Meine Motivation ist, zu zeigen, dass das falsch ist und psychisch Kranke viel zu unserer Gesellschaft beitragen können. Und das Eintrittsbillett für diese Gesellschaft ist oft immer noch die Arbeit.Frage: Von Wiedereingliederung ist schon lange die Rede, der Bund hat bereits Hunderte Millionen Franken investiert. Warum steigt die Zahl der Renten trotzdem?Antwort: Bei der Wiedereingliederung sind sehr viele Personen involviert, doch die Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren muss besser werden. Macht ein wichtiger Akteur nicht mit, kann sie scheitern. Wenn beispielsweise eine IV-Stelle eine Integrationsmassnahme veranlasst, kommt es vor, dass die versicherte Person findet: «Das traue ich mir nicht zu.» Sie bespricht das mit ihrem Arzt und lässt sich krankschreiben. Die Integrationsmassnahme ist damit beendet.Frage: Was müsste sich in der Praxis bei den Krankschreibungen ändern?Antwort: Arbeitsfähigkeit ist sehr schwierig einzuschätzen. Wenn mehrere Psychiater eine Einschätzung über einen Patienten abgeben, gehen die Meinungen stark auseinander. Oft hängt die Einschätzung davon ab, was für eine Einstellung der jeweilige Arzt selbst gegenüber dem Thema Arbeit hat. Entweder man schult die Ärzte, oder sonst müsste man sich überlegen, ob die Krankschreibung ein speziell geschulter Arbeitsmediziner vornimmt.Frage: Angenommen, Sie wären Sozialminister: Wie sähe Ihre IV-Reform aus?Antwort: Das bin ich zum Glück nicht. Aber ich würde mit den Ärzten, Vertretern aus dem Bildungswesen, den Arbeitgebern, den Krankentaggeldversicherungen, der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe zusammensitzen. Es braucht zuerst eine Analyse, warum wir heute an diesem Punkt sind. Die genannten Entwicklungen sehen wir nun seit Jahrzehnten, aber uns fehlen Erklärungen. Dann braucht es eine gemeinsame Vorstellung davon, wohin man will, also fundierte Konzepte, wie man wirksam eingliedert. Und wie bereits gesagt würde ich eine Altersgrenze für IV-Renten einführen.Frage: Wird die anstehende IV-Reform etwas am System ändern?Antwort: Die IV ist nicht alleine verantwortlich. Sie ist ein Player, der zudem auch erst ins Spiel kommt, wenn die Leute schon eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich haben. Wir müssen die Entwicklungen besser verstehen und auch darüber diskutieren, ob wir uns das leisten wollen.Frage: Stellen Sie etwa die IV infrage?Antwort: Nein. Ich kritisiere aber ein einseitiges Verständnis von psychischer Gesundheit, die zunehmende Medikalisierung der Gesellschaft. Und damit verbunden auch, dass die Zahl der IV-Renten und der Absenzen steigt.Passend zum Artikel