Jeder dritte Afghane leidet Hunger, der Iran-Krieg hat die Krise noch verschärftEine jahrelange Dürre, der Mangel an Arbeit und die verbreitete Armut sind einige Gründe für die Hungerkrise. Doch auch die Schliessung der Grenze zu Pakistan und die Rückkehr von Millionen Flüchtlingen aus den Nachbarländern tragen dazu bei.15.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie jahrelange Dürre in Afghanistan hat die Landwirtschaft hart getroffen. Auf den Märkten sind die Preise stark angestiegen, viele Afghanen können ihre Familien kaum mehr ernähren.Elke Scholiers / GettyAfghanistan ist Krieg, Armut und Hunger gewohnt, doch so schlimm wie heute war die Lage noch selten. Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht steckt das Land in einer tiefen wirtschaftlichen und humanitären Krise. Jeder Dritte leidet an Hunger, gegen Winter dürfte sich die Lage noch verschärfen. Knapp 14 Millionen Einwohner sind laut dem Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen unterernährt. Die Organisation erwartet, dass dieses Jahr 3,7 Millionen Kinder und 1,2 Millionen schwangere und stillende Frauen von akuter Mangelernährung betroffen sein werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gründe für die Hungerkrise in Afghanistan sind vielfältig. Wie so oft ist das Problem nicht in erster Linie, dass es nichts zu essen mehr gibt, sondern dass die Knappheit die Preise so hoch getrieben hat, dass die Armen sich die Lebensmittel nicht mehr leisten können – und in Afghanistan ist die Mehrheit der Bevölkerung arm. Seit der Rückkehr der Taliban nach Kabul im August 2021 steckt die Wirtschaft in einer tiefen Krise, es gibt kaum Jobs, Millionen sind ohne festes Einkommen. Rund zwei Drittel der 46 Millionen Einwohner leben in Armut.Eine Ärztin untersucht ein unterernährtes Mädchen in einem Zentrum des Welternährungsprogramms. Kinder sind besonders vom Hunger bedroht.Sayed Hassib / Reuters«Es gibt Essen auf den Märkten. Das Angebot an Obst und Gemüse ist da, es gibt auch Getreide und Reis», sagt John Aylieff, der Direktor des WFP für Afghanistan. «Doch die Leute haben einfach kein Geld, es zu kaufen. Laut unseren Studien kann man als Arbeiter mit Glück zwei Tage pro Woche informelle Arbeit finden. Das bringt einem ein paar Dollar, doch das reicht nicht, um eine Familie richtig zu ernähren.» Viele Afghanen lebten heute von Brot und Tee.Erschwert wird die Lage dadurch, dass Pakistan und Iran seit 2023 über sechs Millionen afghanische Flüchtlinge und Arbeitsmigranten zur Rückkehr in ihre Heimat gezwungen haben. Ihre Rückkehr habe den Druck auf dem Arbeitsmarkt verstärkt, sagt Aylieff. Zugleich fehle vielen Familien nun das Geld, das die Arbeitsmigranten zuvor aus den Nachbarländern nach Hause überwiesen hatten. Nach Jahren der Krise hätten die wenigsten Ersparnisse, auf die sie zurückgreifen könnten.Die jahrelange Dürre hat den Bauern schwer zugesetztEin Grund für die hohen Lebensmittelpreise ist die jahrelange Dürre in Afghanistan – eine der schlimmsten seit Menschengedenken. Entlang der Flüsse werden die Felder bewässert, doch ein Grossteil der Getreidefelder im Land ist auf Regen angewiesen. Hinzu kommt eine Reihe von Naturkatastrophen, die viele Felder zerstört und die Bauern hart getroffen haben. So wurde Afghanistan vergangenes Jahr von zwei schweren Erdbeben erschüttert, Sturzregen sorgte zudem in mehreren Regionen für Erdrutsche und Überschwemmungen.Die Taliban haben 2022 den Anbau von Mohn und die Produktion von Opium verboten und setzen dieses Verbot rigoros durch. Viele Bauern haben damit eine wichtige Einkommensquelle verloren. Auf den Flächen, auf denen sie früher Mohn angebaut haben, könnten sie im Prinzip nun Getreide anpflanzen. Doch laut dem Forscher David Mansfield, der seit Jahren die Entwicklung des Mohnanbaus in Afghanistan dokumentiert, lohnt sich dies für viele Bauern nicht.Viele Bauern ziehen es vor, ihre Felder brach liegen zu lassen, als dort Getreide anzupflanzen, das ihnen kaum Geld bringt. Laut Mansfield ist während der Dürre 2025 die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Afghanistan gegenüber 2023 um 26 Prozent zurückgegangen. Es wurden also trotz dem Mohnanbauverbot weniger Felder bestellt als zuvor, und der Ertrag dieser Felder ist wegen der Trockenheit geringer als früher. Kleinere Ernten bedeuten wiederum höhere Preise.Ein Lichtblick ist, dass dieses Jahr deutlich mehr Regen gefallen ist als in den Vorjahren. «Eine gute Ernte wird die Preise auf den Märkten stabilisieren. Das ist eine gute Nachricht», sagt der WFP-Landesdirektor Aylieff. Dies werde aber nicht reichen, um Lebensmittel wieder für alle zugänglich zu machen. Für die Ärmeren seien die Preise noch immer zu hoch und eine ausgewogene Ernährung unerreichbar.Die Grenze nach Pakistan ist seit zehn Monaten geschlossenLebensmittel sind auch deshalb so teuer, weil der Import stark beeinträchtigt ist. Seit Oktober 2025 ist Afghanistans Grenze zu Pakistan geschlossen. Der Nachbar wirft den Taliban vor, islamistische Rebellen in Pakistan zu unterstützen. Seit Oktober fliegt Pakistan daher Luftangriffe auf Lager der Aufständischen in Afghanistan. Wegen der Grenzschliessung können Afghanistans Bauern seit zehn Monaten kein Obst und Gemüse mehr exportieren, zugleich gelangen pakistanische Lebensmittel nicht mehr auf afghanische Märkte.Die afghanischen Händler haben deshalb zunächst mehr Waren aus Zentralasien und Iran importiert. Der Iran-Krieg und die Schliessung der Strasse von Hormuz haben jedoch auch die Handelsroute über Iran durcheinandergebracht. Die Transportwege sind heute länger und die Kosten höher als früher, zumal auch der Preis für Treibstoff wegen des Kriegs gestiegen ist. Auch Hilfsorganisationen wie das WFP haben grosse Mühe, Hilfsgüter ins Land zu bekommen.Schon nach der Rückkehr der Taliban 2021 erlebte Afghanistan eine schwere Hungerkrise. Doch damals gab es mehr internationale Hilfe.APWie Aylieff erzählt, war wegen der Schliessung der pakistanischen Grenze im Oktober Spezialnahrung für eine Million unterernährte afghanische Kinder in Pakistan gestrandet. Sie hätten dann versucht, die Nahrung über Dubai und den iranischen Hafen Bandar Abbas nach Afghanistan zu bringen. Der Iran-Krieg habe aber auch diese Route blockiert. Letztlich hätten sie den Grossteil der Fracht auf dem Landweg über die Türkei, Georgien und Turkmenistan fahren müssen.Die Hilfsorganisationen können wenig tun in der KriseHeute müsse das WFP mehr als dreimal so viel für den Transport seiner Hilfsgüter ausgeben, sagt Aylieff – Geld, das an anderer Stelle fehlt. Für seine Arbeit ist das WFP auf Spenden angewiesen, doch die USA und andere Geldgeber haben ihre Zahlungen teilweise drastisch reduziert. Anders als bei der letzten Krise 2021 fehlt Hilfsorganisationen wie dem WFP das Geld, um zu helfen. «Wir müssen heute sechs von sieben unterernährten Frauen und Kindern an unseren Zentren abweisen, weil wir schlicht kein Geld haben, um sie zu versorgen», sagt Aylieff.Der Brite, der seit 2001 immer wieder in Afghanistan gearbeitet und das Land dabei ins Herz geschlossen hat, hat diese Woche mehrere WFP-Projekte im Norden Afghanistans besucht. Dabei habe er einen Vater getroffen, der mit seinen vier unterernährten Kindern in ein Zentrum gekommen war, um Hilfe zu erhalten, erzählt Aylieff. Sein jüngster Sohn war bereits so geschwächt, dass er eigentlich dringend in eine Klinik in einer anderen Stadt hätte gebracht werden müssen.«Dem Vater blieb die Wahl, das wenige Geld, das er hatte, auszugeben, um seinen schwer kranken Sohn in die Klinik zu fahren, oder mit dem Geld Essen für seine drei anderen Kinder zu kaufen», sagt Aylieff. Er habe sich dann entschieden, seine anderen Kinder zu retten und den Jüngsten sterben zu lassen. «Kein Vater sollte jemals diese Entscheidung treffen müssen», sagt Aylieff. Wenn es nicht rasch mehr Hilfe gibt, werden aber noch viele Afghanen vor solche Entscheidungen gestellt.Passend zum Artikel