Pro ArtikelDeutschland hat seine Bunker aufgegeben – und es gibt kein Zurück. Wie aber können sich 80 Millionen Menschen vor Drohnen, Raketen und Bomben schützen?Die Schweiz pflegt ihre Schutzräume, Deutschland hielt sie für obsolet. Ein Atombunker aus dem Kalten Krieg macht deutlich, wie schwierig der Bevölkerungsschutz ist und warum die alten Konzepte kaum wiederzubeleben sind. Ein Augenschein.Armin Arbeiter, Berlin15.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDer Atomschutzbunker Pankstrasse.Berliner Unterwelten e. V.Eine junge Frau sprintet rasch die Treppen der U-Bahn-Station Pankstrasse in Berlin hinab. Wohl, um rechtzeitig ihren Zug zu erwischen. In der Ecke sitzt ein Obdachloser, bittet um Almosen. Die meisten Passanten beachten ihn nicht, blicken auf ihre Smartphones, während sie den Gang zum Bahnsteig entlangschlendern. Jeder von ihnen steigt achtlos über eine Metallplatte, die quer über dem Gang liegt und auch links und rechts die Wände verdeckt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die wenigsten dürften wissen, dass sich dahinter die Einlassungen für ein dickes Schiebetor aus Stahlbeton befinden, das zu Zeiten des Kalten Kriegs im Ernstfall den gesamten Gang versperrt hätte. Innert kürzester Zeit wäre die Station zu einem Atomschutzbunker für fast 3400 Menschen geworden. Bis zu zwei Wochen lang hätten diese dort autark versorgt werden können. Alle Eingänge, auch die Gleise, wären durch solche Türen versiegelt worden.Reiner Janick öffnet eine Türe an der Wand, knapp vor den bedeckten Einlassungen für das Schiebetor. Dahinter befindet sich ein Raum, an dessen Ende eine schwere Panzertüre angebracht ist. «Das wäre die Eingangsschleuse für die Schutzsuchenden gewesen», sagt er.Janick gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Berliner Unterwelten und ist heute dessen stellvertretender Vorsitzender für Forschung. Seit seiner Gründung 1997 untersucht und dokumentiert der Verein das unterirdische Berlin, erhält historische Anlagen und macht sie, soweit möglich, durch Führungen und Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich. Dazu gehört auch der Atomschutzbunker Pankstrasse.Im Ernstfall hätte man Familien getrenntIn der Mitte des Raumes befinden sich ein weisses Gitter und ein Metalltor mit abgerundeten Kanten. «Das ist die sogenannte Personendosieranlage für die Schutzsuchenden», sagt Janick. In dem Moment, in dem die Kapazitätsgrenze an aufzunehmenden Menschen in der Schleuse erreicht worden wäre, hätte ein Pförtner das weisse hydraulische Tor geschlossen. Die Abrundungen, so Janick, seien angebracht worden, um niemanden ernsthaft zu verletzen.Dennoch: Im Ernstfall hätte man in Kauf genommen, durch die Schleuse Familien zu zerreissen. Selbst die Gegensprechanlage wäre gekappt worden, «um den Pförtnern den psychischen Druck zu ersparen». Wer zu spät gekommen wäre, hätte schlichtweg keinen Platz mehr bekommen.Eine schockierende Vorstellung. Doch sie führt zu der Frage, die sich vor Jahrzehnten stellte und deren Bedeutung heute wieder stetig zunimmt: Wie schützt ein Staat mehr als 80 Millionen Menschen vor Raketen, Drohnen und Bomben?Vor neunzehn Jahren gab Deutschland sein Schutzraumkonzept auf. 2007 gab es deutschlandweit noch rund 2000 öffentliche Schutzräume mit etwa 1,6 Millionen Plätzen, also für etwa 2 Prozent aller Deutschen. Von diesen Schutzräumen ist heute kein einziger einsatzbereit.Anders sieht es in der Schweiz aus: Mit 370 000 Schutzräumen für 9 Millionen Menschen hat sie mehr Plätze, als es Schweizer gibt. Möglich wurde das durch eine über Jahrzehnte durchgehaltene Schutzraumpolitik und eine gesetzliche Baupflicht.Deutschland setzte auf EigenverantwortungIn Deutschland hingegen gab es im Kalten Krieg lediglich für einen kleinen Teil der Bevölkerung Plätze in öffentlichen Schutzräumen. Eine grossflächige Evakuierung der Städte galt ebenfalls nicht als realistische Alternative: Weil Westdeutschland selbst zum Kriegsschauplatz geworden wäre und Flüchtlingsströme militärische Bewegungen behindert hätten, setzte sich die sogenannte «Stay-at-Home-Doktrin» durch.Die Bevölkerung sollte möglichst in der Nähe ihres Wohnorts Schutz suchen. So gab es etwa steuerliche Erleichterungen, wenn man beim Hausbau im Keller eine eigene Bunkeranlage errichtete.Ob die Küchen in den privaten Bunkern auch so spartanisch waren wie jene im Atomschutzbunker Pankstrasse? Die Edelstahlflächen, Kochstellen und Ausgabebereiche sind auf ihre Funktion reduziert. Die Bunkerinsassen hätten selbst gekocht – zumal es ihnen eine Struktur im Alltag gebracht hätte.Selbst das Geschirr in der Küche ist Teil des Systems: Gelbe und rote Kunststoffschüsseln stehen in einem Kästchen. Die unterschiedlichen Farben sollten Gruppen kennzeichnen und verhindern, dass sich Tausende Menschen gleichzeitig durch die engen Gänge zur Essensausgabe drängten. Über Lautsprecher hätte man aufgerufen, wer an der Reihe war. Eine klar strukturierte Planung also.Küche im Atomschutzbunker.Berliner Unterwelten e. V.Allerdings zeigt sich in der Küche, dass auch der umsichtigste Planer Fehler macht: Die schmucklosen weissen Hängeschränke sind zwar zwanzigfach an der Wand verschraubt, untereinander jedoch kaum. Bei einer massiven Erschütterung wären wohl nur die Rückseiten der Schränke an der Wand geblieben, der Rest wäre zerstört worden. Viel Schaden hätten die Trümmer allerdings kaum angerichtet.Man wollte offensichtlich an möglichst alles denken, um die Bevölkerung selbst bei einem nuklearen Angriff zu schützen.Für eine Modernisierung wären Milliarden nötigHeute arbeitet die deutsche Regierung an einem neuen Konzept. Die Grundidee: Schutz möglichst dort, wo sich die Menschen ohnehin befinden – zu Hause, am Arbeitsplatz, in Kellern, Tiefgaragen, U-Bahnhöfen oder anderen öffentlichen Gebäuden.Geeignete Orte sollen erfasst und zumindest teilweise über die Warn-App «Nina» auffindbar gemacht werden. Die Sicherheit, wie sie durch die Schutzräume bis 2007 geboten werden sollte, werden diese noch zu erfassenden Zufluchtsorte nicht geben. Sie werden weder «atombombensicher» noch für zwei Wochen autark sein.Norbert Gebbeken, Professor an der Universität der Bundeswehr München und seit Jahren mit baulichem Bevölkerungsschutz beschäftigt, hält es für unrealistisch, die alten Schutzräume zu modernisieren. Wollte man heute flächendeckend auch nur einen Minimalstandard schaffen, veranschlagt er Kosten von 200 bis 800 Milliarden Euro. Und selbst wenn das Geld vorhanden wäre, fehlten Fachkräfte und Baukapazitäten. Es würde Jahrzehnte dauern, bis alles fertig wäre, sagt er.Für wie viele Menschen aber soll das neue Schutzraumkonzept Schutz bieten – und wer entscheidet im Ernstfall, wer draussen bleiben muss? Darauf gibt es bis jetzt keine abschliessende Antwort. Zwar nannte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe vergangenes Jahr zunächst eine Million Schutzplätze als Ziel, eine verbindliche Quote wurde aber nicht festgelegt.Gang durch den Bunker.Berliner Unterwelten e. V.Im Kalten Krieg setzte Deutschland ausser auf renovierte ältere Bunker auf sogenannte Mehrzweckanlagen: Tiefgaragen oder U-Bahnhöfe wurden so gebaut, dass sie im Ernstfall als Schutzräume dienen konnten. Der Atomschutzbunker Pankstrasse zählte zu Letzteren. Vier Jahre dauerten die Bauarbeiten, 1977 wurden die U-Bahn-Station und der Bunker eröffnet. Schon am Bahnsteig wird deutlich, wie ganzheitlich die Planer damals dachten: Im Alarmfall wären zwei U-Bahn-Züge in der Station stehengeblieben. Sie hätten zusätzliche Sitz- und Aufenthaltsplätze geboten.Erst danach wären die gasdichten Tore in den Tunneln geschlossen worden. Auf dem Bahnsteig hätten zudem Hunderte vierstöckige Betten aufgebaut werden können. Nach wie vor finden sich an den Wänden Einbuchtungen mit Rohren. Exakt dort, wo sich die Türen der Züge geöffnet hätten. Durch die Rohre hätte frische Luft zirkulieren können. Frischluft im nuklearen Ernstfall?Janick öffnet eine weitere Türe am belebten Bahnsteig. Er führt durch einen grün gestrichenen Gang, der von kaltem Neonlicht erleuchtet wird. Wäre es dunkel, würden gelbe Linien an den Wänden leuchten und Orientierung geben.Die Planer versuchten, an alles zu denkenHinter einer dicken Stahltüre erstreckt sich die Lunge der Bunkeranlage: Armdicke und teilweise mannshohe Metallrohre verlaufen an den Wänden und der Decke. Ventile, Motoren und Druckmesser lassen den Raum wie den Maschinenraum eines Schiffes wirken. Über Lüftungstürme auf der Pankstrasse wäre damals Aussenluft angesaugt und je nach Gefahrenlage gefiltert worden. Sandfilter sollten Staub und radioaktiv belastete Partikel zurückhalten, weitere Filterstufen Schadstoffe aus der Luft entfernen.Zugleich sollte im Bunker leichter Überdruck herrschen: Durch Ritzen und andere Undichtigkeiten sollte so Luft nach aussen strömen, statt kontaminierte Luft eindringen zu lassen. Selbst an die Wucht einer Detonation war gedacht worden: Teile der technischen Anlagen stehen auf grossen Federn. Für die Türe zum benachbarten Filterraum liegen bis heute Bleibetonsteine für eine zusätzliche Abschirmung bereit. Dort wäre die Luft im Falle eines Einsatzes nuklearer, chemischer oder biologischer Kampfstoffe noch zusätzlich durch Aktivkohlefilter gepresst worden.Auch bei der Wasserversorgung versuchten die Planer, an alles zu denken: In einem Raum einige Etagen tiefer stehen Tanks, Pumpen, Leitungen, Druckbehälter. Technik, die eher an ein kleines kommunales Wasserwerk als an einen U-Bahnhof erinnert. Zwei eigene Tiefbrunnen reichen rund 110 Meter in den Berliner Untergrund. Sie sollten Nutzwasser liefern, etwa für Toiletten, das Wäschewaschen und die Kühlung technischer Anlagen. 120 000 Liter Trinkwasser könnten nach wie vor in den grossen Tanks gespeichert werden. Das entspricht etwa 2,5 Litern pro Person und Tag für zwei Wochen.Wassertank für die Bunkerinsassen.Berliner Unterwelten e. V.Doch selbst ein Schutzraum nach hohem Standard kann einen Direkttreffer moderner Präzisionswaffen nicht zu hundert Prozent überstehen. Professor Gebbeken verweist auf Erfahrungen aus der Ukraine und Israel. Laut seinen Auswertungen entsteht ein grosser Teil der Gefahr für Zivilisten nicht durch den unmittelbaren Treffer selbst, sondern durch sekundäre Waffenwirkungen: berstendes Glas, Türen, Fassadenteile und Trümmer, die von einer Druckwelle durch Räume geschleudert werden.Daraus folgt für ihn eine gute Nachricht: Auch ein gewöhnliches Gebäude könne Schutz bieten. Je mehr massive Bausubstanz zwischen Mensch und Explosion liege, desto höher sei der Schutz. Gebbeken spricht deshalb bewusst von «schützenden Räumen» anstatt von Schutzräumen.Technisch werden sie mit alten Atomschutzbunkern kaum vergleichbar sein: Gasdichte und vollständiger Schutz vor chemischen, biologischen oder radioaktiven Stoffen sind nicht als Standard vorgesehen. Im Vordergrund steht der Schutz vor Splittern, Trümmern und Druckwellen. Ebenso wenig sollen die Räume für zwei Wochen autark sein. Vorgesehen ist eher ein Aufenthalt von einigen Stunden bis über Nacht.Doch was kann überhaupt als «schützender Raum» deklariert werden? Das ist nach wie vor unklar.Gebbeken fordert eine deutschlandweit einheitliche Checkliste. Für jeden Raum liesse sich dann zumindest grob bestimmen, gegen welche Waffenwirkungen er Schutz bietet. Ein erster Entwurf liege zwar im Innenministerium und im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe vor, doch die eigentliche Arbeit kommt nach seiner Darstellung bis jetzt nicht voran.Spitäler de facto ungeschütztUnd Gebbeken hat einen weiteren Kritikpunkt. Die Planungen für den Ernstfall gingen vor allem von körperlich fitten Menschen aus. Intensivpatienten, Pflegebedürftige oder Menschen mit Behinderungen blieben aussen vor. Vor allem in den Spitälern. Diese seien mittlerweile zwar besser auf Cyberangriffe und Stromausfälle vorbereitet, aber nicht darauf, dass Drohnen oder Raketen ihre Gebäude träfen. Intensivstationen liegen teilweise in oberen Geschossen hinter grossen Fensterflächen.Ein umfassendes deutsches Schutzkonzept müsste laut Gebbeken in diesem Bereich deutlich mehr Geld einsetzen. Spitäler und andere kritische Einrichtungen benötigten höhere bauliche Standards. Bei Neubauten sollten geschützte Bereiche gleich mitgeplant werden.Schlaflose Nächte im BunkerModernen baulichen Standards würden die Schlafräume im Atomschutzbunker Pankstrasse wohl nicht genügen: 80 Personen hätten in einem Schlafraum Platz, zwei Steckdosen sind darin installiert. Vier Betten liegen übereinander, dicht an dicht. Die Liegeflächen bestehen aus Kunststoff, die Gestelle aus Metall. Hier habe man bei der Planung einige Dinge vernachlässigt, sagt Janick und rüttelt leicht an der nackten Leiter, die bis zur vierten Etage des Stockbettes führt. Metall scheppert auf Metall.Man stelle sich vor, sagt Janick, wie oft jemand auf die Toilette müsse und wie laut das Klappern dabei wäre. Gespräche, Husten, Kinderweinen und die Durchsagen aus den Lautsprechern hätten regelmässig den Raum erfüllt. Ruhe wäre kaum eingekehrt.Dennoch kämen immer wieder Anfragen dazu, ob sein Verein nicht Plätze im Atomschutzbunker reservieren könne, sagt Janick. Grundsätzlich würde man die Räume in Notsituationen bereitstellen, völlig funktionsfähig ist die Anlage allerdings nicht mehr. Dafür wäre viel Geld nötig, um etwa Dichtungen auszutauschen. Der Behindertenaufzug in der U-Bahn-Station beraubt den Bunker seiner Widerstandskraft bei etwaigen Explosionen. Ein «schützender Raum» wäre er heutzutage aber immer noch.«Leuchtturmprojekt» im ZivilschutzDer Zweck seines Vereins sei es, so Janick, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken, ihr aufzuzeigen, was einmal möglich gewesen sei. Und darauf aufmerksam zu machen, dass in puncto Bevölkerungsschutz viel zu tun sei. Dafür hat der Verein auch seine Satzung geändert, um selbst im Zivilschutz tätig werden zu können. In zwei anderen von ihm betreuten Anlagen bereitet er inzwischen Schutzplätze für Krisenfälle vor. Dafür wurden unter anderem Klappstühle und Wasserkanister angeschafft.Janick, der in Westberlin aufwuchs, hat auch nach dem Kalten Krieg stets eine gut gefüllte Vorratskammer mit allem, was man für vierzehn Tage braucht. «Das ging in Fleisch und Blut über», sagt er. Heute dächten jedoch die wenigsten daran.Er öffnet die Tür, die wieder zu den Bahnsteigen führt. Ein Zug hält, Menschen drängen hinaus, andere hinein. Unweigerlich entsteht das Bild der weissen Personendosieranlage an der Eingangsschleuse der Bunkeranlage, wenige Meter von ihnen entfernt. Sie hätte sich vor ihren Augen geschlossen, wären sie im Ernstfall zu spät gewesen.Passend zum Artikel
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