Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Die 40 Dax-Konzerne haben im zweiten Quartal so hohe Gewinne eingefahren wie in diesem Zeitraum nie zuvor – doch in der Industrie werden jeden Monat mehr als zehntausend Arbeitsplätze gestrichen; VW, Mercedes und Co. beschäftigen gar so wenige Menschen wie vor zwanzig Jahren. Werden also die Leute vor die Tür gesetzt, um die Gewinne hochzutreiben?So ist es nicht. Die hohen Gewinne erwirtschaften Unternehmen wie Rheinmetall, Siemens Energy und RWE, die entweder von der Rüstungsoffensive oder dem mit einem hohen Strombedarf einhergehenden KI-Boom in den USA profitieren. Die Autoindustrie und viele Maschinenbauer machen geringere Gewinne und sind für den größten Teil des Jobabbaus verantwortlich. Der Dax besteht zudem nicht nur aus Industrieunternehmen, SAP, Allianz und Telekom lassen grüßen.Es gibt keine flächendeckende DeindustrialisierungAus der scheinbaren Widersprüchlichkeit – Rekordgewinne und Jobabbau – lässt sich dennoch einiges lernen: Es gibt keine flächendeckende Deindustrialisierung. Was es gibt, sind Schlüsselbranchen, mit denen es bergab geht, und andere, kleinere Branchen, die wachsen. Dieser Strukturwandel verlangt viel ab: Die Beschäftigten müssen sich buchstäblich bewegen, bereit sein, für einen neuen Job umzuziehen und neue Dinge zu lernen. Die Unternehmen müssen gemeinsam mit ihren Sozialpartnern nach fairen Lösungen für diejenigen suchen, die sie nicht mehr benötigen. Und der Staat muss bereit sein, diesen Strukturwandel zuzulassen und sein Geld – vor allem die Forschungsförderung – dahin zu lenken, wo junge, innovative Unternehmen Neues erschaffen. Im letztgenannten Punkt sind Deutschland und Europa bemerkenswert schlecht: Es wird zwar viel Forschungsgeld verteilt, aber vor allem in Unternehmen, die nicht skalieren, zeigten jüngst internationale Forscher.Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Industrie insgesamt nur noch wenige Menschen neu einstellt. Dieser Trend begann, lange bevor die Künstliche Intelligenz viele Tätigkeiten infrage gestellt hat. An Reformen, die den Standort attraktiver machen und den Unternehmen Planungssicherheit geben, führt daher nichts vorbei. Die Bundesregierung muss nach der Sommerpause beweisen, dass sie es ernst damit meint.