Trotz Irankrieg und dauernden Zollstreitigkeiten mit den Vereinigten Staaten haben einige der größten deutschen Unternehmen zuletzt Rekordgewinne erwirtschaftet. Laut einer Auswertung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY haben die 40 im Dax gelisteten Unternehmen im zweiten Quartal zusammengerechnet Betriebsgewinne vor Zinsen und Steuern (EBIT) in Höhe von 52,6 Milliarden Euro erwirtschaftet, das waren mit sieben Milliarden Euro fast 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. So hoch lag die Summe laut den Wirtschaftsprüfern noch nie in einem zweiten Quartal. Der Wert liegt rund zehn Prozent über dem bisherigen Höchstwert im Jahr 2024.Doch hinter den glänzenden Zahlen verbirgt sich ein diffuses Bild. Insgesamt konnten 29 Unternehmen ihren Gewinn steigern, elf aber mussten Gewinneinbußen hinnehmen, darunter drei der vier im Dax notierten Automobilhersteller. Getragen wird das Wachstum laut den Wirtschaftsprüfern maßgeblich von einigen wenigen Branchen, die derzeit von „außergewöhnlichen Sonderkonjunkturen“ profitieren.Dazu zählt etwa die Rüstungsindustrie. So verbuchte Rheinmetall mit einem Plus von rund 69 Prozent das mit Abstand stärkste Umsatzwachstum, der Rüstungskonzern konnte dafür auch kräftig Personal einstellen: Innerhalb eines Jahres legte die Zahl der Mitarbeiter um fast ein Viertel zu.„Das Wachstum findet in erster Linie im Ausland statt“Aufwärts ging es zudem für Unternehmen, die vom weltweiten Boom der KI-Rechenzentren profitieren, etwa weil sie Gasturbinen, Kühltechnik und vieles andere liefern können. Gute Geschäfte melden auch Chemieunternehmen, die nach Einschätzung der Wirtschaftsprüfer durch Versorgungsengpässe im Zuge der Spannungen im Nahen Osten die Preise anheben konnten. Die höchsten operativen Quartalsgewinne im Dax meldeten keine Industrieunternehmen, sondern die Allianz mit 4,9 Milliarden Euro und die Deutsche Telekom mit 6,9 Milliarden Euro, ein Großteil zum Gewinn trägt dabei die amerikanische Tochtergesellschaft T-Mobile US bei.Die Lage in weiten Teilen der deutschen Industrie bleibt aber fragil: „Wer nur auf die Rekordsummen schaut, könnte meinen, die Krise sei überstanden – aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt EY-Deutschlandchef Henrik Ahlers, die Nachfrage am Heimatstandort Deutschland bleibe schwach: „Das Gewinn- und Umsatzwachstum findet in erster Linie im Ausland statt.“Stellen abgebaut werden derzeit vor allem in der deutschen Autoindustrie. Allein von Juli 2025 bis Juli 2026 gingen dort mehr als 42.000 Stellen verloren – das sind knapp sechs Prozent. Bei den Zulieferern fallen die Sparprogramme noch rigoroser aus als bei den großen Autoherstellern. Laut den Statistikern in Wiesbaden arbeiteten am 30. Juni 2026 noch 691.500 Menschen in der deutschen Leitbranche – so wenig wie noch nie seit 2005.„Wir müssen uns trauen, den Strukturwandel zuzulassen“Die Unternehmen der Automobilbranche konnten im zweiten Quartal zwar ihre Umsätze stabilisieren, der Stellenabbau dürfte aber weitergehen, so zumindest planen es die Konzerne. BMW hat kürzlich den Abbau von 8000 Stellen angekündigt, im VW-Konzern wird um deutlich höhere Zahlen gerungen, Bosch will weltweit bis zu 22.000 Stellen streichen, bei ZF sind es 14.000 in Deutschland. „Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und eines zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen“, heißt es in der Analyse von EY.Auch in anderen Branchen gehen Arbeitsplätze verloren, aber in einem geringeren Tempo. Im Maschinenbau – gemessen an der Beschäftigungszahl der größte Industriezweig in Deutschland – sank die Zahl der Beschäftigten binnen eines Jahres um 2,7 Prozent, in der chemischen Industrie um 3,6 Prozent und in der Herstellung von Metallerzeugnissen um 3,8 Prozent.„Die Zahlen zeigen, mit ‌welcher Wucht der China-Schock die deutsche Industrie trifft“, sagte der Chefvolkswirt ‌der Hamburg Commercial Bank, Cyrus de la Rubia, der Nachrichtenagentur Reuters. Der Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen habe in kürzester Zeit massiv an Intensität gewonnen.Ob sich in den Zahlen zum Stellenabbau schon das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz widerspiegelt, ist umstritten. Laut Enzo Weber, Arbeitsmarktökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB), ist das Aufkommen der KI auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht das größte Problem. Problematischer als der Wegfall mancher Stellen sei, dass derzeit kaum neue Arbeitsplätze entstünden. Während der Finanzkrise 2009 und der Pandemie seien zeitweise noch mehr Stellen gestrichen worden, aber das Problem habe damals mit Kurzarbeitergeld überstanden werden können. Nun aber befinde sich die deutsche Industrie in einer Erneuerungskrise, sagte Weber kürzlich der F.A.Z.Der Ökonom Oliver Falck, der das Ifo-Zentrum für Innovationsökonomik und digitale Transformation leitet, sieht in dem Stellenabbau und den Rekordgewinnen keinen fundamentalen Widerspruch. In der Rüstung, aber auch im Energiebereich trieben Sondereffekte die Gewinne. Auf der anderen Seite würden in der Industrie aber wenige neue Stellen geschaffen. „Man hat den Eindruck, dass viele Betriebe unglaublich zögern, weil sie verunsichert sind“, sagt Falck. Technologische, geopolitische und politische Unsicherheit würden die Unternehmen bremsen. Damit wieder mehr neue Jobs entstehen, fordert er, der Staat solle seine Forschungsförderung gezielt auf Hightech-Branchen und Start-ups konzentrieren, statt das Geld in etablierte Branchen wie die Auto- und Chemieindustrie zu lenken, in denen keine großen Innovationssprünge zu erwarten seien. „Wir müssen uns trauen, den Strukturwandel zuzulassen“, sagt Falck.