Rennen mit Gesa Krause können unglaublich zermürbend sein für ihre Gegnerinnen, vor allem solche wie am Donnerstagabend. Ständig läuft Krause abwartend neben- oder im Windschatten hinterher, taktiert, wartet auf den richtigen Moment. Es sind die Cleverness und Erfahrung einer mehrmaligen Europameisterin, die die inzwischen 34-Jährige durch die Runden tragen. Am Ende des 3000-Meter-Hindernis-Laufs von Birmingham zog Krause dann wie üblich ihren Spurt an, kurz nach dem tückischen Wassergraben, und gewann zum dritten Mal EM-Gold. Bronze sicherte sich Krauses Vereinskollegen Olivia Gürth, hinter der Französin Alice Finot.Als Viertplatzierte kam völlig durchnässt die dritte Deutsche Lea Meyer ins Ziel, die lange Zeit die Führungsarbeit übernommen hatte, dann aber in den Wassergraben gefallen war. Und während Krause von ihrem Lebensgefährten ihre dreijährige Tochter Lola in Empfang nahm und den Triumph genoss, riss sich Meyer wutenbrannt die Startnummer vom Leib, stapfte Richtung TV-Stationen und gab, nicht mal eine Minute nach ihrem Zieleinlauf, ein bemerkenswertes Interview im ZDF: „Wie soll es mir gehen? Scheiße. Ich behaupte trotzdem, ich bin die beste Hindernis-Läuferin Europas mit Alice. Definitiv, einhundert Prozent. Ich finde, ich hätte die Medaille verdient. Nichtsdestotrotz, so ein Sturz darf nicht passieren, das ist dämlich“, sagte Meyer.Folgenschwerer Sturz: Lea Meyer landet im Wassergraben. Julian Finney/Getty ImagesSo weit, so verständlich. Man konnte dies noch als emotional-trotzige Reaktion auf ihren Sturz deuten und nachvollziehen, die 28-Jährige war gerade heftig ins Nass geflogen, ihre Nase hatte rote Kratzer. Doch dann setzte sie auch noch eine fiese Spitze gegen die Siegerin Krause, deren fehlende Führungsarbeit sie kritisierte: „Es ist einem ja bewusst, Gesa wird keinen Meter was machen, die sitzt das aus und rennt dann hinten raus.“ Und weiter: „Heute haben die besten Wettkämpferinnen gewonnen, aber spätestens in L.A. stehe ich als deutsche Rekordhalterin da. Die beiden da vorne sind deutlich älter als ich und Olivia hat es auch verdient, mehr habe ich nicht zu sagen.“ Den nationalen Rekord hält übrigens Krause seit genau zehn Jahren.Da wurde schon ein gewaltiger Graben deutlich, vor allem zwischen Meyer und Krause, die offenbar nicht die allerinnigste Freundschaft pflegen.Es ist ja immer schwierig, sich mit all den Emotionen, dem Adrenalin, das in einem steckt, direkt nach einem derart missglückten Schluss eines Wettkampfs, in dem man aussichtsreich vorne gelegen hatte, zu positionieren. Es gab aber schon Athleten, denen sind die Worte dann nicht so entglitten. Der Ton war jedenfalls gesetzt, und Krause machte in ihrem Interview einfach in dem Stil weiter, in dem sie jede Sekunde ihres Rennens bewältigt hatte: extrem professionell, bedacht, überlegt: „Erstmal tut es mir unfassbar leid, dass sie gestürzt ist, ich war selbst schon in der gleichen Situation und das wünscht man keinem, das ist einfach scheiße“, sagte Krause: „Und wer die Führungsarbeit macht – man entscheidet sich ja selbst dazu. Ich bin einfach nicht so der Frontläufer. Ich würde jetzt nicht sagen, dass es jetzt meine Schuld ist.“ Viel besser kann man nicht antworten, es war der perfekte Konter, sie ließ alles abperlen.Ein Duo, das sich über Gold und Bronze freut: Gesa Krause und Olivia Gürth. Leah Kohring/Beautiful Sports International/ImagoMeyer ruderte noch in der Nacht zurück. Sie entschuldigte sich auf ihrer Instagram-Seite in einem längeren Statement, nannte ihre Wortwahl „nicht passend, unprofessionell und unsportlich“ und Krause eine „Inspiration für mich und andere zu glauben, dass Zeiten Richtung neun Minuten überhaupt möglich sind“. Schon zuvor hatte sich Meyer, je länger sie durch die Mixed-Zone gelaufen war, mehr und mehr beruhigt und alle Schuld an dem fatalen Sturz auf sich genommen. Umso bitterer: Bereits bei der Weltmeisterschaften 2022 in Eugene war Meyer in den Wassergraben gestürzt, Krause traf es bei der WM 2025 in Tokio.Aber Meyers Vorwurf, ihr Interview, all das überlagerte trotzdem vieles an diesem Abend, und das dürfte ihr auch Krause übel nehmen: Dass dieser goldene Donnerstag doch einen schweren Makel hatte durch ein paar Frust-Sätze, die Meyer im Nachhinein besser später ihrer Familie oder der besten Freundin gesagt hätte, die aber einfach so aus ihr herausgesprudelt waren.Krause hatte ja nicht nur in jeglicher Hinsicht ein fantastisches Rennen abgeliefert, der EM-Titel zeigte ihr auch, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter auch als Mutter weiterhin europäische Spitze ist. „Ich liebäugele mit der WM im nächsten Jahr, mit den Olympischen Spielen in zwei Jahren, so schnell kriegt man mich von der Bahn nicht weg“, sagte sie: „Aber heute ist ein goldener Tag, und den möchte ich gebührend feiern und genießen.“Währenddessen saß Meyer in der Nacht an ihrem Instagram-Post, es dürften keine sehr angenehmen Stunden für sie gewesen sein, sie überlegte sich aber die richtigen Worte. Und vielleicht zieht sie auch renntaktisch und technisch vor der WM 2027 und L.A. 2028 einige Lehren aus diesem faszinierenden Rennen, in dem sich auf und neben der Bahn massive Gräben auftaten.