Der Wahlkampf hat noch nicht einmal richtig begonnen, schon diskutiert Frankreich darüber, wie mit ausländischer Einflussnahme auf die Präsidentenwahl im kommenden Jahr umzugehen ist. Die französischen Behörden verdächtigen Russland der Wahleinmischung, nachdem in den vergangenen Wochen drei Politiker Ziel von Desinformationskampagnen geworden sind: neben Gabriel Attal und Édouard Philippe, die für die Partei des Amtsinhabers Emmanuel Macron, Renaissance, kandidieren, auch der linke EU-Parlamentsabgeordnete und wahrscheinliche Kandidat für die Präsidentenwahl Raphaël Glucksmann.Russische Desinformationskampagnen treffen meist Kandidaten der Mitte, die der Ukraine zur Seite und Russland reserviert gegenüberstehen. Dass es dieses Mal auch den linksorientierten Glucksmann getroffen hat, ist trotzdem nicht überraschend. Glucksmann ist ein prominenter Kritiker der russischen Regierung, nahm 2013 am Majdan-Aufstand in Kiew teil und war von 2008 bis 2012 Berater des früheren georgischen Staatspräsidenten Michail Saakaschwili. Damit ist er geradezu ein natürliches Ziel hybrider russischer Angriffe.Glucksmann machte die Kampagne gegen ihn in der vergangenen Woche selbst öffentlich. „Die russischen Sicherheitsdienste haben ihre Operationen zur Destabilisierung des Wahlkampfs für 2027 begonnen“, schrieb er in einem Post auf der Plattform X. Mittel der Desinformationskampagne seien ein Social-Media-Clip und ein Artikel gewesen, der auf einer Website veröffentlicht wurde, die das bekannte linke Nachrichtenportal „Blast“ imitierte. In den Beiträgen sei behauptet worden, Glucksmanns Partnerin Léa Salamé, eine bekannte Moderatorin der französischen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit, habe andere Journalisten zu bestechen versucht, damit diese positiv über Glucksmanns mögliche Kandidatur berichten.Angriff ging vom Netzwerk „Storm-1516“ ausGlucksmann schrieb weiter, er sei vom Generalsekretariat für Verteidigung und Nationale Sicherheit (SGDSN) darüber informiert worden, dass es sich um einen Angriff des prorussischen Netzwerks „Storm-1516“ handelte. Die Gruppe, die dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet wird, wurde unter anderem für Gerüchte um mögliche Anschläge bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris und mehrere Fakes im vergangenen Bundestagswahlkampf verantwortlich gemacht.Doch bisher ist der Einfluss solcher Desinformationskampagnen in Frankreich nicht besonders groß, denn die Reichweite der gefälschten Inhalte ist meist gering. Viginum zufolge, der seit 2021 existierenden französischen Regierungsbehörde zur Abwehr ausländischer digitaler Einmischung und Desinformation, die dem SGDSN unterstellt ist, wurden die Desinformationskampagnen gegen die drei Politiker nur einige Tausend bis Zehntausend Mal aufgerufen, bevor sie entdeckt und offline genommen wurden – dies geschah innerhalb weniger Stunden.Auch deshalb dreht sich die Debatte in der französischen Öffentlichkeit gerade vor allem darum, wie viel Aufmerksamkeit man Desinformationskampagnen überhaupt schenken soll. Maxime Audinet, Spezialist für russische Politik und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für strategische Forschung der Militärhochschule in Frankreich, warnte im Sender TV5 vor einer „Überreaktion“ auf derartige Kampagnen, die ihr Ziel nur näher rücken würde: die Destabilisierung demokratischer Systeme durch die Illegitimierung ihrer grundlegenden Instrumente, etwa dem der Wahl.Doch es sei, da sind sich viele französische Journalisten und Fachleute einig, auch immer ein Vehikel der positiven Aufmerksamkeitserregung und eine Möglichkeit für Kandidaten, sich öffentlichkeitswirksam zu positionieren – und der eigenen Persönlichkeit Bedeutung zu verschaffen.Attal macht Kampagne öffentlich – entgegen der EmpfehlungLaut der Tageszeitung „Le Monde“ empfahl Viginum Präsidentschaftskandidaten, sich nicht öffentlich zu den Inhalten von Desinformationskampagnen gegen sie zu äußern, um den Kampagnen keine weitere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die gefälschten Berichte, die über Édouard Philippe und Gabriel Attal in Umlauf gebracht wurden, drehten sich um deren Gesundheitszustand. Während Philippe öffentlich nicht darauf reagierte, wusste Attal, so wie schon Glucksmann, die Kampagne jedoch für sich zu nutzen.Der ehemalige Premierminister führt schon in diesem Sommer einen engagierten Wahlkampf, mitten im Urlaubsmonat August – im Gegensatz zu seinem in den Umfragen führenden, direkten Rivalen Philippe. Dieser hatte sich drei Wochen freigenommen, was Attal nicht unkommentiert ließ. „Ja, ich habe mich tatsächlich entschieden, meinen Sommer mit den Franzosen zu verbringen. Denn ich bin der Überzeugung, dass man als Präsidentschaftskandidat, der um die Stimmen der Franzosen wirbt, keinen Urlaub machen darf“, erklärte der Vorsitzende von Renaissance im Radiosender RTL.Und nun scheint Attal die Desinformationskampagne nutzen zu wollen, um den Vorsprung Philippes aufzuholen. Attal war erst kürzlich in die Kritik geraten, nachdem er der Zeitung „Le Journal du dimanche“ (JDD) ein großes Interview gegeben hatte. Das Medium steht nicht nur wegen seines Inhabers, des rechtsextremen Medienmoguls Vincent Bolloré, in der Kritik, sondern ist auch wegen seiner kremlfreundlichen Berichterstattung bekannt. Die Ende Juli aus Frankreich ausgewiesene RT-France-Chefin Xenia Fedorova trat regelmäßig in Bollorés Sendern und Zeitungen auf. Attal zierte das Cover der Zeitung nur wenige Tage später, in einer Ausgabe, in der mehrere Artikel zur Verteidigung Fedorovas veröffentlicht wurden.Mit der russischen Desinformationskampagne gegen ihn konnte Attal sich wieder in Position bringen – an der Seite der Ukraine und gegen Russland. Nachdem er von den Behörden informiert worden war, prangerte er im Sender BFM TV die „Einmischung Russlands“ an – und kritisierte Marine Le Pens Rassemblement National. Kampagnen wie diese seien dafür da, Le Pen und ihre Partei zu stärken, so Attal, das Rassemblement habe schließlich schon immer Russland unterstützt.Marine Le Pen äußerte sich öffentlich nicht zu den hybriden Angriffen auf ihre Konkurrenten – im Gegensatz zu Glucksmanns linkem Rivalen Jean-Luc Mélenchon (La France insoumise), der die Gunst der Stunde nutzte, um Vorwürfe der Kremlnähe mit Russland-Kritik zu entkräften.
Wahl in Frankreich: Russische Desinformation als Wahlkampfvorteil
Vor dem offiziellen Wahlkampfbeginn warnen französische Behörden vor russischer Desinformation. Einige Kandidaten nutzen die hybriden Angriffe jedoch auch zur Profilierung.












