Wenn die Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham vorbei sind, dann wird dieser Donnerstag als Abend der Deutschen in Erinnerung bleiben. Als Abend, an dem die Hindernisläuferinnen Gesa Krause und Olivia Gürth Gold und Bronze gewannen, während ihre Teamkollegin Lea Meyer unglücklich in den Wassergraben fiel und Vierte wurde. Als Abend, an dem der Diskuswerfer Henrik Janssen mit einer Weite von fast 70 Metern Bronze holte. Aber auch und vor allem als Abend der Zehnkämpfer: Leo Neugebauer, der auf den letzten 50 der abschließenden 1500 Meter kaum noch laufen konnte, ist neuer Europameister mit 8611 Punkten, nur 38 Punkte dahinter freute sich Niklas Kaul nach seiner Aufholjagd über Silber. „Auf den letzten 50 Metern haben die Beine ein bisschen aufgegeben“, sagte Neugebauer: „Das hat sehr an Tokio erinnert. Aber dieses Mal konnte ich ein bisschen früher aufstehen.“In Tokio war Neugebauer 2025 Weltmeister geworden, musste aber nach der letzten Disziplin völlig entkräftet im Rollstuhl von der Laufbahn abtransportiert werden. Diesmal erging es ihm nur unwesentlich besser, 18 Sekunden nach Kaul stürzte er sich mit letzter Kraft ins Ziel, blieb dort liegen, rappelte sich auf – und legte sich wieder hin. Im Wissen darum, gerade seinen allerersten EM-Titel gewonnen zu haben. Auch der laufstarke Kaul war nicht mehr frisch nach einem zehrenden Wettkampf bei 35 Grad, sondern „nach 500 Metern ganz schön blau. Der Vormittag hat schon ganz schön Körner gekostet“.Erschöpft wie nach dem WM-Titel 2025, diesmal aber ohne Rollstuhlbedarf: Zehnkämpfer Leo Neugebauer bleibt nach den 1500 Metern noch eine Weile auf der Bahn liegen. Maja Hitij/Getty ImagesImmerhin erlebte Kaul an jenem Vormittag, weil er in der anderen Gruppe sprang, nicht das Drama, von dem Neugebauer in seiner Stabhochsprung-Gruppe betroffen war. Wie einige andere Zehnkämpfer hatte Neugebauer vermeintlich die Höhe von 4,80 Meter überquert – bis das Kampfgericht feststellte, dass es nicht die richtige Höhe eingestellt hatte. Statt auf 4,80 Meter hatte es die Latte nur auf 4,70 Meter gelegt. Die überquerten Höhen wurden annulliert, sieben Springer mussten ihren Versuch über 4,80 Meter wiederholen. „Absolute Wettkampfverzerrung meiner Meinung nach“, schimpfte Mehrkampf-Bundestrainer Jörg Roos im ZDF.Fast hätte Niklas Kaul mit seiner neuen Lockerheit Leo Neugebauer besiegtDoch dann stimmte wieder etwas nicht: Der Abstand der Ständer war nun falsch eingestellt. „Das war echt verrückt, was alles falsch lief. Vor allem steht man da unten, alle streiten sich und am Ende von diesem Tumult musst du noch fokussiert bleiben und die Höhe schaffen. So etwas habe ich im Stabhochsprung noch nie erlebt“, schimpfte Neugebauer, der die 4,80 Meter dann dreimal riss. Bei einem seiner Sprünge verletzte er sich auch noch leicht an der Wade. Nach einem erfolgreichen Protest durfte er aber einen weiteren Versuch unternahmen – und übersprang die Höhe nach insgesamt fünf (!) Versuchen. „Ich habe das Gefühl, dass ich schon hätte höher springen können, wenn alles glatter gelaufen wäre, das hat schon Kraft gekostet“, sagte Neugebauer bedient.„Ich habe die Silbermedaille gewonnen, explizite Betonung auf gewonnen“, sagt Niklas Kaul (re.) über seinen zweiten Platz bei der EM. Amadeus Gräber (Mitte) komplettierte das starke deutsche Ergebnis als Achter. Jan Papenfuss/Eibner Pressefoto/ImagoKaul betrachtete das Chaos von nebenan, wo er mit seiner Gruppe auf einer zweiten Stabhochsprung-Anlage sprang, und war später ebenfalls fassungslos: „Das darf nicht passieren bei Europameisterschaften, vielleicht bei Kreismeisterschaften“, sagte er in der ARD. Punkt für Punkt kämpfte er sich an Neugebauer heran, auch wenn er in seiner Paradedisziplin, dem Speerwurf, wegen einer Schlüsselbeinblessur unter seinen Möglichkeiten blieb.Danach trat er auf den 1500 Metern die Flucht nach vorne an, doch der Abstand, der zwischen ihm und Neugebauer immer größer wurde, reichte am Ende knapp nicht zu Gold, was Kaul aber überhaupt nicht bedauerte: „Ich habe die Silbermedaille gewonnen, explizite Betonung auf gewonnen.“ Der Welt- und Europameister war bei den Olympischen Spielen in Paris an einem Tiefpunkt angelangt, „es hat dort überhaupt nicht funktioniert, ich bin der olympischen Medaille verkrampft hinterhergerannt und total auf die Nase geflogen“. Danach änderte er seine Herangehensweise, Kaul genießt den Wettkampf jetzt mehr.Und er hätte Neugebauer mit seiner neuen Lockerheit fast besiegt. Am Ende frotzelte Kaul noch in Richtung Neugebauer: „Der musste auch ein bisschen laufen und war ein bisschen platt danach. Das hat mich gefreut.“ Das starke Zehnkampfergebnis komplettierte der 21-jährige Amadeus Gräber als Achter.Am Ende des Abend verriet Diskuswerfer Janssen noch ein kleines Geheimnis. Zwar erzählte er nicht, in welche Bar die Deutschen an ihrem goldenen Abend in Birmingham noch einkehren wollten. Aber eines wusste er schon – wer die Zeche zahlt: „Neugebauer hat gesagt, er gibt einen aus.“