„Springt, es ist warm“, sagt der Guide und deutet auf das tiefblaue Wasser einen Meter unter uns. Wir trauen uns, und eiskaltes Wasser strömt in unsere muffigen Neoprenanzüge. Manche schütteln sich vor Kälte, andere nur lachend den Kopf. Unser Guide grinst. Er hat uns hereingelegt, aber wir hätten ja auch ahnen könne, dass der Fluss an tiefen Stellen eine andere Temperatur haben würde als an der seichten Stelle, in der wir hineingeglitten waren. Nach einigen Zügen robben wir uns aus dem Wasser und klettern über die großen grauen Steine weiter den Fluss hinunter. Die Karabiner an den Gurten um unsere Hüfte herum klackern, unsere mit Wasser gefüllten Schuhe seufzen bei jedem Schritt. Die grünen Hänge rechts und links werden immer steiler und das Rauschen des Wassers lauter, je näher wir der Schlucht kommen.An der ersten Klippe befestigten die Guides ein neongelbes Seil an einem Ring in der Felswand. Wir stellen uns in einer Reihe auf, rücken den Helm zurecht. Nach hinten lehnen, Beine anwinkeln, Seil gut festhalten, und los geht’s. Nach und nach verschwinden die Teilnehmer unserer Reisegruppe unter den Rufen derer, die bereits unten angelangt sind, hinter der Kante in der Tiefe. Erst die Mutigen, dann die weniger Mutigen, bis nur noch die Ängstlichen oben übrig blieben. Ihre Blicke wandern hin und her, manche kommen aus dem nervösen Plappern nicht mehr heraus, andere pressen nur die Lippen zusammen. An ihren zusammengezogenen Augenbrauen ist abzulesen, dass sie sich gerade fragen: Warum zur Hölle habe ich mich dem Gruppenzwang gebeugt und mich zu dieser Aktion überreden lassen, anstatt auf mein Bauchgefühl zu hören?Ein Urlaub in der Fremde mit (noch) FremdenVier Tage vorher in einem Hotel mitten in der verschlafenen Altstadt von Viana do Castelo, einer Küstenstadt im Norden von Portugal, in der die meisten Touristen wandernde Pilger sind, sind wir noch Fremde. Erwartungsvoll sitzen wir im Kreis und blicken zu dem Mann, der gerade eine Landkarte auf dem Boden ausbreitete. Er kommt aus Deutschland, trägt kurze Hosen, ein Fußballshirt und eine braune Kette mit einer Kaurimuschel um den Hals. Für die nächste Woche ist er unser Reiseleiter. Auf der Karte zeigt er uns die Route: Drei Tage an der Küste, dann geht es nach Braga, dann zum Wandern im Peneda-Gerês-Nationalpark und zum Schluss nach Porto.Mit Plan: Der Reiseleiter stellt am ersten Tag die Route vor.Caroline BeckerAbgesehen von dem Reiseleiter besteht die deutschsprachige Reisegruppe aus drei Männern und zehn Frauen zwischen 25 und 42 Jahren, alle sind berufstätig. Bis auf ein Pärchen aus Österreich und zwei Freundinnen sind alle allein angereist. Manche nehmen an der Gruppenreise teil, weil sie sich nicht selbst um die Organisation kümmern wollten. Andere, weil von ihren Freunden und Bekannten niemand Zeit und Lust hatte, gemeinsam Urlaub zu machen. Manche sind erfahrene Gruppenreisende, andere zum ersten Mal dabei und noch unsicher, ob diese Art des Reisens etwas für sie ist. Das erfahren wir in einer kleinen Vorstellungsrunde, die in einem Kennenlernspiel endet.Anfangs seien solche Kennenlernrunden immer etwas unangenehm, sagt unser Reiseleiter. Aber sie würden dabei helfen, das Eis zu brechen und die Namen schnell zu lernen. Also fängt er an: „Ich packe meinen Wanderrucksack und nehme mit . . .“ Nacheinander müssen wir unseren Namen sagen, einen Gegenstand mit unserem Anfangsbuchstaben finden und die Namen und Gegenstände unserer Vorgänger auflisten.Unterwegs mit Clementine, Keks und PflaumeDank des Kennenlernspiels laufen die Unterhaltungen beim gemeinsamen Abendessen im Anschluss in einem Restaurant um die Ecke zumindest schon mal ganz gut an – auch wenn bei manchen eher der Gegenstand als der Name hängengeblieben ist und „Clementine“, „Keks“ und „Pflaume“ noch nicht direkt auf ihre neuen Spitznamen reagieren. Und so erfahren wir, wer sich vor Kurzem von seinem Partner getrennt hat, dass „Pflaume“ gerade in einer Quarter-, vielleicht auch schon frühen Midlife-Crisis steckt und dass sich die Freundin von „Clementine“ mit Mammutmärschen die Zeit vertreibt.Da unser Reiseleiter unsere Essensbestellungen in der Whatsapp-Gruppe einen Tag zuvor bereits aufgenommen hatte, sind die diversen Fischgerichte schnell am Platz. Insbesondere an Balcalhau, auf Deutsch Kabeljau, kommt man im Norden Portugals kaum vorbei: Gegrillt, gebacken, gesalzen, gekocht, oder für den kleinen Snack zwischendurch, mit Teig oder Gemüse als frittiertes Bällchen oder flaches gebratenes Küchlein, eine Art salziger, fischiger Reibekuchen. Kulinarisch hatten die meisten in der Gruppe davon jedoch schnell genug und nutzen freie Abende lieber zum Pizzaessen. Bezahlen müssen wir die meisten Mittag- und Abendessen ohnehin selbst.Balcalhau: Durch Trocknen und Salzen wird der Kabeljau haltbar gemacht.Caroline BeckerUnter der Marke Wyldaway bietet Wikinger Reisen seit 2023 Reisen speziell für „junge, weltoffene und naturbewusste Abenteuerhungrige“ zwischen 25 und 45 Jahren an, die schon im Berufsleben stehen und keine Lust mehr auf Jugendherbergen und Gemeinschaftsbäder haben. Das bedeutet: Von den Wanderungen und Outdooraktivitäten dürfen wir uns in gemütlichen Hotelbetten erholen. Die Möglichkeit, sich auch mit einer fremden Person des gleichen Geschlechts aus der Gruppe ein Zimmer zu teilen und so 400 Euro weniger zahlen zu müssen, hat auf dieser Reise niemand in Anspruch genommen.Aktivurlaub statt BildungsreiseIn bunter Sport- und Funktionskleidung und mit Picknick im Wanderrucksack treffen wir uns am nächsten Morgen vor unserem Hotel. Unser erstes Ziel können wir bislang nur erahnen: Die Basilika Santa Luzia, die über der Pilgerstadt thront, ist noch von Wolken und Nebel umhüllt. Mehr als 600 Stufen später – es hätte auch eine Standseilbahn gegeben, aber wir sind ja junge Aktivurlauber – sitzen wir verschwitzt auf einer Mauer vor dem beeindruckenden Bauwerk und beobachten die Rentnerreisegruppen mit ihren einheitlichen blauen Kappen beim Fotografieren.In der Basilika, die sich nur manche von uns anschauen, ist es angenehm kühl. Die Ruhe, zu der ein Schild an der Wand auffordert, wird nur von einem gelegentlichen Klackern gestört, wenn Pilger und Touristen Münzen in einen der Kerzenautomaten werfen. Daraufhin beginnt unter einer Vitrine, die an einen Spielautomaten erinnert, ein weiteres Plastikteelicht andächtig zu leuchten. Mit Pilgertourismus lässt sich Geld verdienen. Die Zahl der Pilger auf dem Jakobsweg steigt seit Jahren. Die Route entlang Portugals Küste zählt zu den beliebtesten.Zur Geschichte der Basilika und der Pilgerstadt kann uns unser Reiseleiter nicht viel erzählen. Er ist Reiseleiter und kein Reiseführer. Das heißt, er ist dafür zuständig, dass wir von A nach B kommen, uns bei den Wanderungen nicht verlaufen, wissen, wann wir wo Picknick und Wasser kaufen können, und bei gemeinsamen Abendessen alle einen Platz im Restaurant haben. Wichtige Informationen für den nächsten Tag postet er in der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe. Hier und da gibt er uns ein paar Wissenshäppchen mit, aber ausführliche Informationen zu Kirchen, Stadtgeschichte oder Kultur müssen wir selbst recherchieren. Den Großteil der Gruppe stört das nicht. Sie sind gekommen, um zu wandern und italienischen Aperol Spritz zu trinken – obwohl in Portugal als Aperitif eigentlich eher Porto Tonic getrunken wird.Im gesprenkelten Schatten von langblättrigen Akazien und Eukalyptus, die die Portugiesen aus ihren Kolonien mitgebracht haben, wandern wir im Gänsemarsch über staubigen Boden an einer historischen Wasserleitung aus Granitblöcken entlang. Auf ihrem Weg Richtung Meer hat ein Fluss dort kleine Pools gebildet, in denen wir bei einem gemütlichen Picknick unsere müden Füße kühlen können.Nach unserem Rückweg entlang der Küste verstreut sich die Gruppe. Während drei tatsächlich noch einmal die mehr als 600 Stufen zur Basilika hochsteigen, um die Aussicht einmal bei klarem Himmel genießen zu können, schlendern andere durch die Gassen, legen die Beine hoch oder schauen sich das Museumsschiff an. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren versorgte dieses als schwimmendes Krankenhaus unter anderem portugiesische Kabeljaufischer im Nordatlantik.Die historische und kulturelle Bedeutung der Fischerei ist auch heute noch überall in Viana do Castelo erkennbar – zumindest für die, die hinschauen. In Restaurants, Geschäften und auf den Straßen stehen beispielsweise Pappmaché-Figuren – oft ein Fischer und seine Frau in bunter Tracht, die insbesondere die Frauen bei Festen und Prozessionen noch immer tragen. Als wir uns abends im Restaurant zum Fisch- und Oktopus-Essen wiedertreffen, verrät das fröhliche Gelächter am Tischende, dass sich einige in der freien Zeit am Nachmittag bereits die ersten Aperol Spritz gegönnt haben.Gruppenzwang und WahlfreiheitWie auch bei anderen Reisen für „junge Leute“, sind die gemeinsamen Abendessen mit der Gruppe nicht verpflichtend, sondern optional. Das Gleiche gilt für Aktivitäten, die man hinzubuchen kann, wie einem Fliesenmal-Workshop in Porto, Adrenalinkicks im Freizeitpark oder einen Surfkurs. Und so zwängen sich nur ein paar von uns eines Morgens fröstelnd in Neoprenanzüge, während der Rest der Gruppe noch gemütlich frühstückt.Nach ein paar Trockenübungen am Sandstrand stapfen wir in den kalten Atlantik und versuchen anderthalb Stunden lang unser Glück mit den Wellen. Noch halten Nebelschwaden an der Küste die Sonne verdeckt. Bis auf die Füße halten uns die Neoprenanzüge relativ warm. Das ist gut, denn wir verbringen – teils unfreiwillig – deutlich mehr Zeit im kalten Wasser als auf den Brettern. Manche frustriert das schnell, andere schlucken ihre Enttäuschung mit viel Salzwasser herunter und versuchen es immer und immer wieder. Am Ende schafft es fast jeder, zumindest ein paar Sekunden lang auf dem Brett zu stehen und sich von den Wellen Richtung Strand tragen zu lassen.Praia do Cabedelo: Der Strand nahe von Viana do Castelo ist es morgens bis auf ein paar Surfer fast menschenleer.Caroline BeckerWährend wir am Nachmittag in Campo do Castelo etwas nordwärts je nach Geschmack unsere Limos oder Aperol schlürften, fragt unser Reiseleiter ein letztes Mal, wer am Canyoning ein paar Tage später teilnehmen will. Etwa die Hälfte der Gruppe hat sich bereits angemeldet, ein Teil lässt sich schnell überreden, und nach und nach wird auch der Rest der Gruppe mit Nachdruck von der Teilnahme überzeugt. Keiner scheint allein zurückbleiben und womöglich etwas verpassen zu wollen. „Das wird auf jeden Fall ein verbindendes Gemeinschaftserlebnis“, verspricht unser Tourguide.So viel mitmachen wie möglich, so viel allein sein wie nötigNach einer gemütlichen Wanderung auf dem Jakobsweg entlang der Küste, die für manche wieder mit einem – wer hätte es gedacht – Aperol in einer Beach Bar endete, brauchten andere erst einmal eine Pause von den Gemeinschaftserlebnissen. „Nein“ sagen zu können, wenn die soziale Batterie wieder aufgeladen werden muss, oder einem eigentlich nach etwas anderem ist, ist für Gruppenreisen eine wichtige Fähigkeit, lernen wir.Einem kleinen Teil der Gruppe wird das spätestens ein paar Tage später beim Canyoning klar. Mit dem Blick nach vorn sollen wir uns nacheinander an die Kante eines Wasserfalls setzen. An einem Seil hängend geht es dann hinunter. Die ersten Meter rutschen wir recht langsam über das glitschige Moos an der Felswand, dann wird es steiler, und wir werden immer schneller. Plumps, platsch. Das letzte Stück fallen wir – für manche überraschend – ins kalte Wasser.Während die meisten der Gruppe es nach diesem Erlebnis kaum erwarten konnten, mussten andere für das Abseilen an der letzten steilen Felswand noch einmal all ihren Mut zusammennehmen – nur, um dann unten zu erfahren, dass sie jetzt den ganzen Weg wieder zurückklettern dürfen. Außen herum, da geht es ohne Seil. Man hätte also auch einfach gleich dort entlang laufen oder oben warten können. Aber dann hätte man auch deutlich „Nein“ sagen müssen – was angesichts der kollektiven Gruppenüberredung schwieriger ist als gedacht.Für die Actionfreunde der Gruppe war das Canyoning ein klarer Höhepunkt auf der Reise. Manche waren froh, dass sie sich haben überreden lassen, waren stolz darauf, es geschafft zu haben. Ein paar dachten sich: Schön, das gemacht zu haben, muss aber nicht noch einmal sein. Ähnlich fiel die Bilanz für die gesamte Reise aus. Einige hätten die Gruppe in Portugal rückblickend zumindest nicht ständig gebraucht, andere haben die Gesellschaft die meiste Zeit über sehr genossen, und auch der Fokus auf Outdooraktivitäten statt auf Kulturprogramm entsprach ihren Vorlieben.Beim Abschied am letzten Abend in Porto, nach einem gemeinsamen Picknick im Sonnenuntergang, zu dem bis auf zwei auch alle kommen, tauschen einige Instagramaccounts aus oder versprechen, sich in Deutschland oder Österreich einmal besuchen zu kommen. Aus Fremden waren in einer Woche zumindest Bekannte geworden. Aus manchen durch diesen teils buchstäblichen Sprung ins kalte Wasser vielleicht auch Freunde, die bei Gelegenheit nochmal mit einem Aperol Spritz auf ihren Urlaub in Portugal anstoßen werden.Information: Wikinger Reisen bietet unter der Marke Wyldaway vierzehn verschiedene Reisen in Afrika, Asien, Europa und Südamerika für Menschen zwischen 25 und 45 Jahren an. Die achttägige Reise „Pure Portugal“ kostet mit Unterbringung im Einzelzimmer ohne Flug knapp 1800 Euro; https://www.wyldaway.de/
Reise für Millennials: Aktivurlaub in Portugal
Canyoning statt Kirchenbesichtigung, Picknick statt Fine Dining: Eine Woche Aktivurlaub mit jungen Erwachsenen in Nordportugal zwischen Kennenlernspielen, Adrenalinkick und der Herausforderung, auf Gruppenreisen auch einmal „Nein“ zu sagen.







