Immerhin: Engpässe bei Waren fürchtet Verkehrsminister Steffen Bilger wegen der Niedrigwasserlage in Deutschlands Flüssen derzeit nicht. „Stand jetzt ist die Versorgung gewährleistet“, sagte der CDU-Politiker der „Rheinischen Post“. Um das Risiko zu senken, müsse mehr Güterverkehr von den Wasserstraßen auf Schiene und Straße verlagert werden, betonte der Minister.Allerdings prognostizierte Bilger auch, dass das Niedrigwasser voraussichtlich mindestens im August anhalten wird. Möglich wäre auch, dass die Situation bis weit in den Herbst hinein anhalten wird.Vor den Folgen der Dürre warnte auch Landwirtschaftsminister Alois Rainer. Die anhaltende Trockenheit entwickele sich zu einer „ernsthaften Belastung“ für die Bauern, sagte der CSU-Politiker, der auch das Kabinett über die Lage informierte. „Die Ängste in den Betrieben sind erheblich. Viele blicken mit großer Sorge auf die kommenden Wochen.“ Auswirkungen seien regional unterschiedlich – von Ertragseinbußen über Belastungen beim Grünfutter bis hin zu erhöhten Risiken für Waldbrände.Der Wassermangel wirft damit auch zunehmend die Frage auf, ob Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Sprit oder Baustoffe teurer werden könnten. Ein Überblick. Wie viele Güter werden über Flüsse und Kanäle transportiert? In Deutschland werden laut Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) rund 6,5 Prozent der Transportleistung mit dem Binnenschiff erbracht. Über den Rhein und seine Nebenflüsse gehen dabei rund 80 Prozent aller Transporte.Trotz des deutschlandweit insgesamt geringen Transportvolumens spielt das Binnenschiff für die Logistik entlang des Rheins deshalb eine entscheidende Rolle – das gilt insbesondere für die Schwerindustrie.„Die Hauptnutzer des Binnenschiffes sind Petrochemie, Chemie, Stahlindustrie und die Bauindustrie – etwa bei Sand und Kies“, sagte Thomas Puls, Experte für Verkehr und Infrastruktur beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, dem Tagesspiegel. Wie trifft das die Konsumenten? Es gehe vielfach um Güter, die zwischen industriellen Produzenten und Abnehmern verschickt werden, sagte Puls. Auf die Konsumenten wirkten sich die gestiegenen Logistikkosten dann nicht unmittelbar aus, erklärte der Volkswirt. Auf dem Rhein können Binnenschiffe derzeit nur noch mit geringer Ladung fahren. © dpa/Boris Roessler Beispiel Chemieindustrie: Die Transportprobleme auf dem Rhein könnten etwa die Schutzfolie der Fertigpizza teurer machen, aber die Kosten hierfür seien für den Ladenpreis kaum relevant, sagte Puls.Bei Baustoffen allerdings ist die Gefahr höherer Preise recht hoch. „Lieferengpässe für erste Baustoffe sind von den Lieferanten bereits angekündigt worden für den Fall, dass die Situation noch länger anhält, wovon derzeit auszugehen ist“, sagte Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.Flächendeckende Baustopps sehe er zwar aktuell nicht. Je länger und ausgeprägter die Niedrigwasserphase allerdings anhalte, desto größer werde das Risiko von Engpässen, höheren Logistikkosten und Verzögerungen. Sind Verbraucher gar nicht betroffen? So pauschal lässt sich das nicht sagen. Denn über den Rhein werden auch Konsumgüter in Containern von den Seehäfen Antwerpen und Rotterdam nach Duisburg gebracht, wo sie dann meist auf die Schiene oder die Straße verladen werden.Diese Schiffe könnten jetzt nur noch die Hälfte bis ein Drittel der üblichen Ladung transportieren, sagte Rüdiger Ostrowski, Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik Nordrhein-Westfalen, dem Tagesspiegel. Vereinzelt würden nun auch mehr Lkw eingesetzt, um die Container in Rotterdam und Antwerpen abzuholen. „Das ist natürlich teurer als mit dem Binnenschiff.“ Für die Verbraucher würden die Preise der betroffenen Produkte dadurch jedoch nur um zwei bis drei Cent steigen. Was ist mit dem Sprit? Relativ schnell würden die Konsumenten die gestiegenen Transportkosten am Rhein beim Sprit merken, so Puls. Denn viele Raffinerien entlang des Flusses und seiner Kanäle nutzen das Binnenschiff, um Benzin und Diesel zu Tanklagern zu bringen. Das Niedrigwasser am Rhein treibt auch die Kraftstoffpreise in die Höhe. © dpa/Sebastian Kahnert „Weil das nur noch eingeschränkt möglich ist, haben wir in Nordrhein-Westfalen jetzt plötzlich die höchsten Spritpreise in Deutschland“, sagt Puls. Auch in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist der Sprit gerade teurer als im Rest Deutschlands. Dabei ist Tanken in diesen Bundesländern bei normalen Pegelständen oft günstiger als im Bundesdurchschnitt. Wie wirkt sich die Dürre bei Lebensmitteln aus? Der Deutsche Bauernverband wird seine Erntebilanz erst kommende Woche vorstellen. Aber schon jetzt gehen Branchenkenner davon aus, dass die lange Trockenheit in weiten Teilen Deutschlands die Erträge stark geschmälert hat.Seit Beginn der Dürreperiode Mitte Juni seien rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren gegangen, teilte der Deutsche Raiffeisenverband als Vertretung von 1.600 Genossenschaftsunternehmen im Agrarhandel und der Verarbeitung mit. Dies bedeute Einnahmeverluste von 600 Millionen Euro. Ein Landwirt zeigt in einem Futtermaisfeld einen von der Trockenheit gezeichneten Maiskolben. © dpa/Marijan Murat Nach einer Schätzung erwartet der Verband eine kleinere Getreideernte von 40,6 Millionen Tonnen nach 45 Millionen Tonnen 2025. „Nur die günstige Witterung im Frühjahr hat größere Schäden verhindert“, sagte Experte Guido Seedler. Unterm Strich sei es eine noch ausreichende, unterdurchschnittliche Ernte. „Dennoch sind die Verluste auf der Zielgeraden für die ohnehin unter starken Kostensteigerungen leidende Landwirtschaft ein harter Schlag.“Steigende Verbraucherpreise etwa für Brot und Brötchen erwartet der Verband jedoch nicht. „Der Anteil des Getreides am Endpreis von Backwaren liegt im niedrigen Cent-Bereich“, erläuterte Seedler. Für die Preise entscheidend seien vor allem Energie-, Lohn- und Bürokratiekosten.Bei frischem Gemüse, das im Freien steht, bewirkt die Dürre hingegen schon jetzt höhere Preise. Insbesondere Salate, aber beispielsweise auch Möhren seien dadurch teurer, sagte Claudio Gläßer, Marktanalyst bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft, dem Tagesspiegel. Die zu hohen Temperaturen in Gewächshäusern führten auch zu Hitzestress bei Salatgurken und Paprika. „Das verringert die Ernten. Auch diese Gemüsesorten sind deshalb teurer als im Vorjahr“, sagte Gläßer.Bei Lebensmitteln ist das Niedrigwasser in den Flüssen zudem ebenfalls ein Problem, weil Binnenschiffe etwa auch Getreide und Raps sowie Düngemittel transportieren. Da nun mehr Schiffe benötigt werden, um etwa Gerste und Raps zu den Brauereien und Ölmühlen zu bringen, könnten sich Produkte wie Speiseöl, Margarine oder Bier um einige Cent verteuern, erwartet Rüdiger Ostrowski. (mit dpa)