GastkommentarPro ArtikelJanos I. SzirtesUngarn schafft die Wende – das System Viktor Orban verschwindet, als wäre es nur ein Spuk gewesenGut vier Monate ist der überwältigende Wahlsieg von Peter Magyar über seinen Widersacher Viktor Orban her, und Ungarn hat sein Gesicht bereits merklich verändert. Das autokratische System zerfällt rasch, doch der Wiederaufbau geordneter Verhältnisse ist nicht leicht.14.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAufbruch zu neuen Ufern, auch wenn die Wasser derzeit spärlich fliessen. – Donauinsel, nahe dem Parlamentsgebäude in Budapest.Zoltan Balogh / EPABei den Parlamentswahlen vom vergangenen April erhielt Viktor Orbans Fidesz nur noch 38 Prozent der Stimmen. Es war für die erfolgsverwöhnte Partei eine epochale Niederlage, die in ihrer Dimension freilich noch nicht ausgestanden ist. Heute liegt Fidesz bei in Umfragen nur noch rund 20 Prozent und verliert laufend weiter Rückhalt. Der Koalitionspartner, die Christlichdemokraten, die sechzehn Jahre lang alle Vorhaben Orbans kritiklos unterstützten, kehren Orbans Partei nun den Rücken. Und auch die engsten Getreuen gehen auf Distanz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der langjährige Aussenminister Peter Szijjarto hat sein Abgeordnetenmandat zurückgegeben, um zum chinesischen Automobilhersteller BYD zu wechseln und wider europäische und ungarische Interessen den Absatz chinesischer Fahrzeuge in der EU voranzutreiben. Verdient hat er sich den Posten dadurch, dass er als Aussenminister Millionen an Subventionen an den Konzern vergab.Fidesz am EndeDer ehemalige Nationalbankpräsident, den Viktor Orban einst als seine rechte Hand bezeichnete und unter dessen Leitung 2 Milliarden Euro veruntreut wurden, hat sich nach Dubai begeben. Orbans Schwiegersohn ist mit seiner Familie bereits in die USA umgezogen. Für Orban selber wird ein Posten bei der Uno gesucht, der ihm Immunität vor drohenden Verfahren gewährleistet. Hierbei hofft er auf seinen Kumpel Trump, der seit seiner Wahlniederlage indes keinen Kontakt zu ihm gesucht hat.Wirtschaftskapitäne von Orbans Gnaden, die weite Teile der ungarischen Wirtschaft kontrollierten, haben sich bis zu den Wahlen noch kräftig beim Staat bedient. Sie entnahmen ihren Unternehmen Milliarden an Gewinnen, die bereits auf Konten in Ländern verschoben wurden, mit denen Ungarn kein Rechtshilfeabkommen hat.Die Mehrzahl der privaten «Gewinne» wurde im System Viktor Orban durch Phantasiepreise erzielt.Auch für die Politiker wird die Luft dünner. Der Fraktionsvorsitzende von Fidesz und ehemalige Kanzleramtsminister Gergely Gulyas warf nach drei Monaten das Handtuch. Die Nutzniesser des Orban-Systems verlassen das sinkende Schiff. Samt den Milliarden, die sie durch Korruption «erwirtschaftet» haben.Fidesz ist am Ende. Das ist nicht ungewöhnlich in Ungarn: Die erste Regierungspartei nach der Wende, das Ungarische Demokratische Forum, verschwand 2011 von der Bildfläche, und die Sozialisten, die seit 1989 zweimal regierten, sind heute nur noch eine 1-Prozent-Partei.Peter Magyar konnte die Wahlen so deutlich gewinnen, weil die Bevölkerung das korrupte Orban-System satthatte. Eines seiner populärsten Versprechen war die Wiederbeibringung der Korruptionsgelder, wohl mehr als 100 Milliarden Euro. Allerdings dürfte sich dies als eines der schwierigsten und langwierigsten Vorhaben erweisen. Die Mehrzahl der «Gewinne» wurde im System Orban durch Phantasiepreise erzielt. Orbans Vater etwa verkaufte Baumaterialien um 15 bis 70 Prozent über den landesüblichen Preisen. Wobei es für staatliche Unternehmen keinen direkten Zwang gab, ihm den Zuschlag zu erteilen.Die massenwirksam verkündete Rückführung der Korruptionsgelder wird nur einen Bruchteil der erhofften Summen einbringen. Es werden Jahre vergehen, bis sich tatsächlich etwas bewegt.Unter Viktor Orban war es möglich, Staatseigentum und Budgetgelder in Stiftungen zu verlagern, sie so der öffentlichen Kontrolle zu entziehen und am Ende als nichtstaatliches Eigentum zu deklarieren. Die Regierung Magyar hat die Mehrheit der Stiftungen mittlerweile aufgelöst und zur Abwicklung Verwalter eingesetzt. Allerdings ist ein erheblicher Teil der Gelder bereits verschwunden.Die Stiftungen finanzierten sowohl Universitäten als auch nationale und internationale rechte Think-Tanks. In den Führungsgremien sassen ausschliesslich Fidesz-Leute, natürlich bestens bestallt. Mit der Auflösung dieser Stiftungen implodiert das intellektuelle Gerüst des ungarischen Rechtskonservatismus. Zugleich verlieren viele Günstlinge des Systems ein Einkommen, das kaum Aufwand erforderte.Die wirtschaftliche Lage, die Viktor Orban hinterlassen hat, ist nicht gerade rosig. Das aktuelle Budget ist aufgrund der Wahlgeschenke und der Absicherung der Entourage bereits zu 93 Prozent aufgebraucht, das Defizit dürfte dieses Jahr bis zu 8 Prozent betragen. Magyar wiederum scheut davor zurück, die Wahlgeschenke rückgängig zu machen, weil die Leute, die in deren Genuss kommen, auch seine Klientel sind.Es geht um die 14. Rente, die Einkommenssteuerbefreiung von Müttern, Waffen fürs Militär, Sondertarife für Gas und Öl für die von den Energiepreisen strapazierte Bevölkerung sowie um eine Extraprofitsteuer. Die neue Regierung hofft, dass durch das Ende der Korruption, die Rückführung von unrechtmässig angehäuften Reichtümern sowie die Freigabe von gesperrten EU-Geldern (bis zu 20 Milliarden Euro) das Budget wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann.Noch kann Magyar auf die Begeisterung der Bevölkerung und die Zuversicht des Auslands zählen, doch wird er bei der Vorstellung des Budgets für das Jahr 2027 im August Farbe bekennen müssen. Die erste wirtschaftliche Bewährungsprobe steht nächstens bevor, und die Realität der Misere könnte die Regierung Magyar bald einholen.Ein grober IrrtumAuch das Medienkartell Viktor Orbans funktioniert nicht mehr. Die staatliche Kontrolle der Massenmedien hat ein Ende gefunden, und die Fidesz-Presse gerät mangels staatlicher Reklameaufträge in Existenznot. Die Tageszeitung «Magyar Nemzet» erscheint nun als Wochenzeitung, bei manchen Redaktionen wurde der Hälfte der Belegschaft, bei «Pesti Sracok» sogar allen Journalisten gekündigt. Die sorgsam und mit viel Geld aufgebaute Herrschaft des früheren Regimes über die Medien zerfällt und mit ihr die Einflussnahme auf die Bevölkerung. Fidesz vermag Journalisten, die ihr zu Diensten waren, nicht länger zu schützen; Arbeit zu finden, dürfte für sie schwer werden.Viktor Orban hatte mit seiner Zweidrittelmehrheit viele wichtige politische Posten im Staat mit seinen Leuten besetzt und sie verfassungsrechtlich abgesichert – aus der Annahme heraus, dass selbst im schlimmsten Fall Magyar niemals eine Zweidrittelmehrheit erreichen würde. Dies war ein grober Irrtum: Die hinterlegten Stolpersteine wie der Staatspräsident und der Vorsitzende des Verfassungsgerichts vermochte Magyar mit der 17. Änderung der Verfassung aus dem Weg zu räumen. Orbans Leute wurden aus ihren Ämtern entfernt, auch damit sie nicht Subversion gegen die Regierung betreiben können, so wie der Präsident in Polen dies tut.Auch in der Aussenpolitik verändern sich die Dinge. Zwar vertritt Magyar weiterhin entschieden ungarische Interessen, etwa gegenüber der EU oder in Bezug auf die Ukraine, aber Budapest sieht sich als Teil Europas und will nicht länger Vasall Russlands sein. Mit der Neubelebung der Visegrad-Gruppe (V4) soll Ostmitteleuropa wieder mehr politisches Gewicht erhalten. Die spezielle ideologische Achse mit Trump ist Geschichte.Die ungarischen Minderheiten, die stets die Nachbarschaftsbeziehungen trübten, werden auch unter Magyar ihr politisches Gewicht behalten. Das betrifft vor allem die Slowakei und Rumänien, während sich die Spannungen mit der Ukraine legen dürften, weil die Zahl der ungarischstämmigen Ukrainer nicht besonders gross ist. Allerdings hat das Aussenministerium, so wie alle anderen Behörden, das Problem, dass die Beamten aufgrund ihrer Sympathie für Fidesz ausgewählt wurden. Magyar kann sehr wohl die Spitzen austauschen, doch es fehlt an mittleren und unteren Kadern, die seine neue Agenda aufnehmen und durchführen.Der politische Umsturz in Ungarn, aber auch in Polen zeigt, dass ein autokratisches, illiberales System von den Bürgern trotz Korruption und Hirnwäsche friedlich abgewählt werden kann. Zu deutlich steht den Leuten noch immer vor Augen, welch böses Unglück und tiefes Unheil mit der sowjetkommunistischen Zwangsherrschaft jahrzehntelang einherging.Janos I. Szirtes ist Politikwissenschafter und lebt in Budapest.Passend zum Artikel
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Gut vier Monate ist der überwältigende Wahlsieg von Peter Magyar über seinen Widersacher Viktor Orban her, und Ungarn hat sein Gesicht bereits merklich verändert. Das autokratische System zerfällt rasch, doch der Wiederaufbau geordneter Verhältnisse ist nicht leicht.








