Vier Männer fesseln einen schillernden Zürcher Geschäftsmann an einen Stuhl und drohen ihm mit dem Tod. Unter den Tätern ist der Sohn eines Ex-Ministers aus MontenegroEine Geschichte über eine Abrechnung im kriminellen Milieu und ihre Folgen.14.08.2026, 05.01 Uhr6 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZIn seiner Heimat Montenegro ist Denis Kalac (Name geändert) kein Unbekannter. Der grossgewachsene 33-Jährige ist der Spross eines prominenten Politikers und ehemaligen Ministers des Balkanstaats. Zudem arbeitet er zeitweise als Berater des stellvertretenden Ministerpräsidenten von Montenegro.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis im Herbst 2025, als Denis Kalac in Zürich festgenommen wird. Weil er verstrickt ist in eine brutale Abrechnung im kriminellen Milieu. Eine Abrechnung, bei der es um viel Geld, Gewalt und Todesdrohungen geht.Deswegen müssen Kalac und zwei weitere Beteiligte am Donnerstag vor dem Bezirksgericht in Zürich erscheinen.Ein achtminütiger HorrorDer Vorfall, dessentwegen die drei Männer vor Gericht stehen, ereignet sich an einem späten Nachmittag Ende September 2025 in einem vietnamesischen Restaurant in Zürich. Dort verabreden sich zwei Männer, die laut Angaben der Staatsanwaltschaft in einer geschäftlichen Beziehung standen. Der eine ist ein Unternehmer, orchestriert die Tat und arbeitet mit Kalac zusammen.Der andere, das spätere Opfer, ist ein umtriebiger Zürcher Geschäftsmann aus der Karibik, der schon in diversen Branchen tätig war, unter anderem im Krypto- und Investmentbereich.Der Mann aus der Karibik gilt als schillernde Figur. Das hängt auch mit seiner Partnerin zusammen. Sie fliegt als Influencerin um die Welt und posiert freizügig für ein Millionenpublikum. Einmal lädt sie eine Boulevardzeitung zu sich nach Hause ein, wo sie Schuhsammlung, Kochkünste und Ehemann präsentiert. Sonst hält sich der Geschäftsmann in der Öffentlichkeit zurück.Möglicherweise hat dies mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun.Bis heute findet sich im Netz eine Meldung über ihn, in der die internationale Polizeibehörde Interpol nach ihm fahndet. Der damalige Vorwurf: Betrug, Urkundenfälschung und kriminelle Verschwörung. Vor Jahren soll er an einem internationalen Flughafen in der Karibik festgenommen worden sein. Er habe gerade in ein Flugzeug für einen Flug in die Schweiz steigen wollen, als die Ermittler ihn erwischt hätten, hiess es in den Medien. Gemäss Berichten soll er auch Firmen dafür bezahlt haben, Spuren im Internet zu löschen, die zu den alten Geschichten führten.Als der Geschäftsmann aus der Karibik beim Restaurant ankommt, bittet ihn der andere Unternehmer, ihn zu einem nahe gelegenen Studio zu begleiten. Er habe dort etwas vergessen.Es ist eine Falle. Denn im Studio warten bereits Denis Kalac und zwei weitere Männer. Sie tragen schwarze Strumpfmasken über dem Kopf, wie es später in der Anklage der Staatsanwaltschaft heisst. Sie packen das Opfer an den Beinen, dieses fällt zu Boden. Daraufhin zerren sie den Geschäftsmann aus der Karibik an den Beinen in das Zimmer, einer versetzt ihm einen Schlag gegen die Rippen, was ihm kurz den Atem raubt.Sie setzen ihn auf einen Bürostuhl und fixieren seine Unterarme mit Klebeband an den Armlehnen und seinen Oberkörper am hinteren Teil des Stuhls. Bis er sich nicht mehr bewegen kann.Danach schieben die Täter den Bürostuhl auf eine Plastikfolie, die sie zuvor auf dem Boden ausgelegt hatten. Der Anführer hält dem Opfer das Mobiltelefon vors Gesicht, um es mittels Gesichtserkennung zu entsperren. Dann sagt er auf Englisch zu ihm: «Ey motherfucker, ich werde deinen Sohn umbringen. Deine Frau.» Er wisse, wo sie sei, und er habe jemanden, der sich um sie kümmern werde, droht er ihm.Der Anführer des Quartetts schaut sich Fotos von der Familie des Opfers an und liest Chatnachrichten. Schliesslich versucht er, auf das E-Banking-Konto des Opfers zuzugreifen. Er sagt, er wisse, dass dieser «5 Millionen» habe. Er solle ihm das Geld geben.Die Entführer drohen dem Geschäftsmann aus der Karibik, ihm den Finger abzuschneiden und ihn zu töten. Denis Kalac hält ein Messer in der Hand und sagt gemäss Anklage: «Sei nicht blöd. Mach, was er sagt. Gib ihm, was er will. Geh nicht das Risiko ein, heute umgebracht zu werden.»Mindestens acht Minuten hätten die vier Männer ihr Opfer auf dem Bürostuhl festgebunden, hält die Staatsanwaltschaft später in ihrer Anklage fest. Vor Angst habe sich der Geschäftsmann aus der Karibik eingenässt.Doch plötzlich ändert sich die Situation. Der Anführer der Kidnapper sagt plötzlich, die Polizei sei unterwegs. Er nimmt Denis Kalac das Messer weg und verlässt das Studio. Dann trifft die Polizei ein. Die Einsatzkräfte nehmen die Männer fest.Beim Rücktritt ist von den Vorwürfen keine RedeSchon wenige Tage später sickert die Meldung von der Verhaftung an die montenegrinische Presse durch. Ein Politportal berichtet als Erstes, ein Berater des stellvertretenden Ministerpräsidenten sitze in der Schweiz in Untersuchungshaft. Viel ist damals noch nicht bekannt. Lediglich, dass Denis Kalac verdächtigt wird, jemanden erpresst zu haben.Am 9. Oktober veröffentlicht die montenegrinische Regierung einen Beschluss, wonach Denis Kalac sein Mandat per sofort beendet. Als Grund wird ein Rücktritt auf eigenen Wunsch angegeben. Von strafrechtlichen Vorwürfen ist keine Rede.Denis Kalac entstammt einer einflussreichen Familie, die die Geschicke des kleinen Balkanlandes politisch und wirtschaftlich mitprägt. Sein Vater war Minister und Mitbegründer einer Partei, die nach dem Verschwinden der Kommunisten im ehemaligen Jugoslawien an die Macht gekommen ist. Gegen den Vater wurde in seiner Ministerzeit der Vorwurf der Vetternwirtschaft laut, weil er einem Verwandten ohne einschlägige Erfahrung zu einem Direktorenposten verholfen haben soll.Der in Zürich verhaftete Sohn arbeitete nicht einmal ein Jahr für die Regierung seines Landes. Seine Ernennung wurde Ende 2024 publiziert. Darin steht über seine Qualifikation, er verfüge über einen Master in Geografie und Fremdsprachenkenntnisse – unter anderem in Englisch und Türkisch.Vor seiner Ernennung zum Regierungsberater hinterliess Kalac praktisch keine öffentlich sichtbaren Spuren. Auch als Berater ist seine öffentliche Präsenz aussergewöhnlich gering. Von politischen Beratern finden sich normalerweise Fotos von Parteiveranstaltungen oder öffentlichen Auftritten, Lebensläufe oder Aussagen in den Medien. Bei Denis Kalac findet sich nichts davon. Später vor Gericht wird er sagen, er habe den Minister in Sachen «Wirtschaftsentwicklung» beraten.Recherchen der NZZ zeigen, dass er in der Schweiz über keinen Diplomatenstatus verfügte. Laut montenegrinischen Presseberichten erhielt die Botschaft von Montenegro auch keine offizielle Mitteilung über die Verhaftung des Regierungsbeamten.Als der Politikersohn in Zürich verhaftet wird, geht die Presse wenig zimperlich mit ihm um. Sie nennt ihn und seine Familie mit vollem Namen. Die Meldung sorgt für Häme in den Kommentarspalten. Der Tenor: Während die einfachen Leute in Montenegro das Geld für Brot und Speiseöl zusammenkratzen müssten, profitiere der Nachwuchs der Politiker vom Einfluss der Eltern.Vor Gericht geben alle dem Anführer die SchuldMehrere Monate sitzen die Männer in Untersuchungshaft. Drei der Beschuldigten, unter ihnen auch Denis Kalac, gehen schliesslich einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein. Sie stehen deshalb am Donnerstagnachmittag im abgekürzten Verfahren vor dem Bezirksgericht in Zürich.Vor Gericht gibt sich der Ex-Berater und Politikersohn reumütig. Er habe schlicht den falschen Leuten vertraut. Unisono geben die drei Beschuldigten an, der Vierte im Bunde sei verantwortlich für die Aktion.Geld für die Aktion habe er keines bekommen, sagt Denis Kalac. Der Anführer und Unternehmer habe ihm versprochen, er könne helfen, Kredite abzuschliessen, um diese später zu investieren. «Er hat Verbindungen. Aber es waren alles Lügen.»Das Ganze sei sehr schnell abgelaufen, sagen die Beschuldigten. Es habe sich eine gewisse Gruppendynamik entwickelt. Sie seien vor der Tat im Restaurant gesessen, und da habe der Unternehmer zu ihnen gesagt, sie müssten ihm kurz helfen. Es sei schon nichts Schlimmes. Kalac: «Es dauerte nur zehn Minuten, aber hat alles verändert.»In seinem Urteil folgt das Gericht dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft. Denis Kalac wird wegen Freiheitsberaubung und Nötigung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt. Weil er bereits rund ein Jahr in Sicherheitshaft sitzt, kommt er nach dem Urteil auf freien Fuss. Er muss die Schweiz jedoch verlassen. Denn im Urteilsspruch ist auch ein Landesverweis von 8 Jahren enthalten.Vor Gericht sagt Denis Kalac, den Beraterjob bei der Regierung sei er «leider» los. Zurück in Montenegro, will er im familieneigenen Immobilien- und Investmentgeschäft arbeiten. «Und in Zukunft ein Vorbild sein.»Die beiden Mittäter erhalten teilbedingte Freiheitsstrafen von 30 sowie 36 Monaten. Einer wird auf Lebenszeit des Landes verwiesen, weil er trotz einem bestehenden Landesverweis wegen eines Betäubungsmitteldeliktes in die Schweiz eingereist war.Nur einer kommt später vor Gericht: der Unternehmer, der die Aktion orchestriert hat. Ihm wird im ordentlichen Verfahren der Prozess gemacht. Ein Termin für die Verhandlung steht allerdings noch nicht fest.Urteile DH 260 097, DH 260 098 und DH 260 099 vom 13. 8. 26.Passend zum Artikel