Seit vielen Tagen führt der Rhein immer weniger Wasser. Das gilt ganz besonders für eine Stelle bei dem Ort Kaub, nur wenige Kilometer von der Loreley entfernt, auf halber Strecke zwischen Koblenz und Mainz. Diese Stelle gilt als Flaschenhals der Rheinschifffahrt, weil die Fahrrinne dort besonders flach ist – und fast täglich kommt von dort eine neue Hiobsbotschaft. Insgesamt 1,25 Meter war die Wassertiefe am Donnerstag. Höchstens 20 Prozent der sonst möglichen Ladung konnten Binnenschiffe dieser Tage in dem Bereich aufnehmen, heißt es vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt. Mittlerweile sei die Stelle praktisch nicht mehr befahrbar und damit der Rhein in Nord und Süd geteilt.Die Mehrheit der Bundesländer hat deswegen das Lkw-Fahrverbot am Wochenende gelockert. Nur: Lastwagen und Güterzüge werden nicht ausreichen, um das zu befördern, was sonst Binnenschiffe den Rhein entlang transportieren. Die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt schätzt, dass jedes Jahr 50.000 Binnenschiffe 60 Millionen Tonnen Ladung an Kaub vorbeifahren – das entspricht mehr als 164.000 Tonnen Gütern am Tag.Wie schwer es ist, diese Menge auf Straße und Schiene umzulagern, zeigt schon der Blick auf ein einzelnes Güterbinnenschiff. Das kann laut Binnenschifffahrtsverband etwa 3000 Tonnen an Gütern transportieren. Wenn man bei einem Lastwagen eine Nutzlast von 25 Tonnen annimmt, brauchte man für die gleiche Menge 120 Lkw. Nimmt man eine Nettozuladung von 60 Tonnen bei einem Güterwaggon an, bräuchte es immerhin 50 Güterwaggons, um ein Binnenschiff zu ersetzen.Rein rechnerisch sind damit 6575 Lkw oder 2740 Güterwaggons nötig, um das zu transportieren, was Binnenschiffe sonst an einem Tag durch den Flschenhals bei Kaub bringen. Dass das nicht möglich ist, sagt auch Frank Huster, Geschäftsführer beim Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV). „Die Lastwagenkapazitäten sind weitgehend erschöpft“, sagt Huster. Für ein Binnenschiff, das 3000 Tonnen Güter transportiert, brauche es eine Besatzung von vier Personen, so Huster. Um diese zu ersetzen, seien dagegen theoretisch mindestens 120 Lastwagenfahrer nötig. „Da ist nicht mehr viel zu holen“, sagt Huster. Außerdem gebe es etwa für Chemietransporte gar nicht genug Gefahrgutlastwagen.Container stauen sich an BinnenhäfenAuch auf der Schiene gibt es Probleme: Die Deutsche Bahn hat die Strecke zwischen Köln und Wiesbaden auf der rechten Rheinseite für eine Generalsanierung gesperrt. Deswegen können von Juli bis Dezember statt vier Gleisen insgesamt nur noch die zwei auf der linken Rheinseite befahren werden. Zwar ist von der Deutschen Bahn zu hören, dass es Ausweichrouten gebe. Eine Sprecherin vom Verband der Güterbahnen sagt, dass man auch noch Kapazität bei den Fahrzeugen habe und dass auf der linken Rheinseite Trassenkapazitäten vorhanden seien, welche die Deutsche Bahn in ihren Fahrplansystemen nicht erkenne. Die Mengen, die Binnenschiffe normalerweise transportieren, werden Güterzüge aber nicht auffangen können. So berichtet auch Speditionsverbandschef Huster, dass sich mittlerweile Container in Binnenhäfen stauen, weil diese nicht ausreichend Gleisanschlüsse haben.Huster sagt, dass sich die Industrie zwar bewusst sei, dass es im Sommer eng werde. Daher seien vorsichtshalber die Lagerbestände gefüllt worden. Schon jetzt gingen aber die Lagerbestände insbesondere der chemischen Industrie zur Neige. Abgesehen davon, dass man die reinen Mengen gar nicht ohne Binnenschiff transportieren könne, beobachtet Huster noch eine weitere Folge der Engpässe: Die Frachtpreise schießen nach oben. „Das wird für einen Industriebetrieb eine spitze Rechnung“, sagt Huster. „Für einige wird es günstiger sein, die Produktion einzustellen, als so hohe Transportkosten zu zahlen.“ Das zeigt auch eine Umfrage unter den Industrie- und Handelskammern am Rhein. Demnach melden 78 Prozent der Unternehmen höhere Kosten wegen des Niedrigwassers, fast jedes dritte Unternehmen habe die Produktion eingeschränkt. 13 Prozent der befragten Unternehmen sehen die Existenz ihres Standorts gefährdet.Dabei ist das Binnenschiff auch normalerweise das günstigste Transportmittel. Die exakten Preise hängen von vielen verschiedenen Faktoren ab, aber eine Studie im Auftrag des Vereins Dechema gibt einen Überblick über die Verhältnisse: Normalerweise kostet es demnach nur 2 Cent, auf dem Binnenschiff eine Tonne einen Kilometer weit zu transportieren. Für die Bahn werden dagegen im Normalbetrieb 7 Cent, für den Lastwagen 13 Cent angegeben. Gerade für den Lkw-Transport gibt es derzeit noch einen Preiseffekt jenseits der durch Knappheiten bedingten Verteuerung von Frachtraten: Entlang des Rheins ist generell der Preis für Kraftstoff gestiegen, weil Öl, Benzin und Diesel nicht mehr per Binnenschiff transportiert werden können.