Der andere BlickDas Bündnis Sahra Wagenknecht will der AfD in Sachsen-Anhalt beispringen – doch ihr Spitzenkandidat lehnt ab. Siegmunds Absage ist klüger, als es zunächst scheint.13.08.2026, 17.55 Uhr3 LeseminutenEr will nur alleine regieren: Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt.Sean Gallup / GettySie lesen einen Auszug aus dem werktäglichen Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ulrich Siegmund müsste wohl mindestens dabei erwischt werden, wie er ein Katzenbaby ertränkt, um am 6. September nicht als Sieger vom Platz zu gehen. Weder das berüchtigte Remigrations-Treffen noch der Geruch von Vetternwirtschaft konnten der Popularität des AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt etwas anhaben.In Umfragen erreicht sein Landesverband über 40 Prozent – während der reservierte Sven Schulze, CDU-Mann und amtierender Ministerpräsident, mit etwas über 20 Prozent zurechtkommen muss. Dass Christlichdemokraten und AfD trotz manchen Überschneidungen nicht zusammenarbeiten werden, gilt als gesichert – beide Seiten haben sich das mehrfach und unmissverständlich klargemacht.Umso mehr überrascht Anhänger und Kritiker gleichermassen, dass Siegmund nun auch das auf den ersten Blick verlockende Angebot des BSW ausschlägt. Das Bündnis um Sahra Wagenknecht hat sich offensiv als Königsmacherin angeboten: Sollte es die linkskonservative Partei über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, würde sie Siegmund durch Enthaltung im dritten Wahlgang zur Macht verhelfen.Heikle Taktik der AfD«Selbstverständlich nicht» lautete Siegmunds kühle Antwort auf die Wagenknecht-Avancen. Diese Haltung ist nicht neu. Schon im vergangenen Jahr sagte Siegmund dem «Stern», er brauche eine «sichere Mehrheit – und keine, bei der es am Ende auf ein oder zwei Stimmen im Parlament ankommt».Diese Taktik ist unerbittlich: Entweder die AfD kann alleine regieren – oder gar nicht. Was das im Zweifel bedeutet, dämmert politischen Gegnern, Kommentatoren und manchen Wählern gerade erst: Selbst wenn die AfD ein für ihre Verhältnisse sagenhaftes Ergebnis von beispielsweise 42 oder 43 Prozent erzielt, es aber nicht zur absoluten Mehrheit reicht, will der Hoffnungsträger der Rechtspartei dem CDU-Amtsinhaber Sven Schulze den Vortritt lassen und bis auf weiteres in der Opposition verharren.Siegmund, ein König ohne Land?Erste Beobachter werfen dem Strahlemann Siegmund nun vor, insgeheim Angst vor dem Scheitern zu haben und deshalb gerne auf den Posten zu verzichten. Andere spekulieren, die AfD werde sich – erstmals in greifbarer Nähe zur Macht – doch noch mit dem BSW verbünden. Beide dürften falschliegen.Das Manöver des AfD-Spitzenkandidaten ist waghalsig. Es wird schwer für Siegmund, den bösen Böen aus dem eigenen Landesverband und aus Berlin standzuhalten. Und es wäre nicht das erste Mal, dass eine ostdeutsche Wahl eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickelt, die auf die gesamte Bundesrepublik ausstrahlt. Doch es ist die einzige realistische Option, überhaupt eine Chance zu haben, nicht binnen kürzester Zeit als gescheiterter Regierungschef dazustehen.Denn dass in der geheimen Abstimmung zum Ministerpräsidenten einige Abweichler der CDU dem Kandidaten Siegmund ihre Stimme geben, ist vorstellbar. Dass sie sich aber nach einer Regierungsbildung als AfD-Unterstützer outen und dauerhaft Gesetze mittragen, ist dagegen unwahrscheinlich. Siegmund wäre damit ein König ohne Land – zur Handlungsunfähigkeit verdammt.Darum kein Pakt mit dem BSWWarum dann aber nicht wenigstens einen Pakt mit dem BSW? Beide Parteien sind jung, verstehen sich als Anti-Establishment-Alternative zu den «Altparteien». Doch die Mischung aus fehlender Regierungserfahrung, Querschusspersonal und maximalem Erwartungsdruck ergäbe einen höchst experimentellen Cocktail.Selbst der versierte brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke sah sich gezwungen, seine Koalition aus SPD und BSW nach nur einem Jahr vorzeitig zu beenden – das BSW hatte mit seiner Neigung zum Chaos die Landesregierung von innen heraus zersetzt.Die Häme über einen AfD-Ministerpräsidenten, der frühzeitig scheitert, wäre gross und genüsslich. «Wir haben’s euch doch immer gesagt», würden die Kritiker glücklich unken. Die Enttäuschung bei eingefleischten Wählern wäre noch grösser. Auch ihre «Alternative» verspricht im Wahlkampf, was nicht zu halten ist. Sich selbst vom Spielfeld zu nehmen und auf eine neue Runde zu hoffen, würde von Weitsicht zeugen – und nicht von Feigheit.Passend zum Artikel