Netta hatte ausnahmsweise einmal recht. Die israelische Sängerin, die 2018 den Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon mit ihrem Lied „Toy“ gewonnen hatte, setzte siebenmal in Folge auf die falsche Gastgeberstadt des jeweils nächsten ESC. Sie tippte auf Jerusalem, Amsterdam, Rom, Manchester, Stockholm, Genf und Innsbruck, es wurden Tel Aviv, Rotterdam, Turin, Liverpool, Malmö, Basel und Wien. Insofern gab sich zuletzt Sofia schon siegesgewiss, denn Orakel Netta hatte für 2027 auf die Schwarzmeerstadt Burgas getippt. Und es wurde – Burgas.Das schien vor ein paar Tagen noch nahezu undenkbar. Die bulgarische Hauptstadt bietet alle Voraussetzungen für einen ESC. Vor allem ist sie groß, hat gut eine Million Einwohner mehr als Burgas. In der nur viertgrößte Stadt Bulgariens leben knapp 200.000 Menschen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) aber entschied sich gemeinsam mit dem bulgarischen Sender BNT für „das starke Gesamtangebot“, wie am Donnerstag mitgeteilt wurde.„Burgas bringt etwas wirklich Besonderes zum Eurovision Song Contest“, sagte ESC-Direktor Martin Green zu der Entscheidung. „Es ist eine lebendige, einladende Stadt am Schwarzen Meer mit einer starken musikalischen und kulturellen Identität, und sie verfügt über den Ehrgeiz, die Infrastruktur und die Leidenschaft, die nötig sind, um die Eurovision-Familie willkommen zu heißen.“Die Arena Burgas bietet Platz für 15.000 PersonenDer ESC wird mit seinen beiden Halbfinale am 11. und 13. Mai und dem Finale am 15. Mai in der Arena Burgas stattfinden. Die Halle wurde erst 2023 gebaut und fasst 15.000 Personen, genauso so viele wie die Arena Sofia, mit der die Hauptstadt ins Rennen gegangen war. Als beliebtes Reiseziel hat Burgas auch genügend viele Hotelbetten, die normalerweise im Mai noch nicht ausgelastet sind, dazu einen internationalen Flughafen. Die EBU und die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt BNT überzeugten aber auch „das starke Engagement der Gemeinde und ihre klare Vision zur Verwandlung der gesamten Stadt in ein Eurovision-Erlebnis“.Zugleich teilte der Sender BNT mit, dass auch die anderen, ursprünglich vier Bewerberstädte eine Rolle beim ersten ESC in Bulgarien spielen werden: „Sofia, Plowdiw und Warna werden ebenfalls am begleitenden Programm teilnehmen und dabei auf der Begeisterung, den Ideen und dem Engagement aufbauen, die sie während des gesamten Auswahlprozesses gezeigt haben.“ Es gehe auch nicht darum, dass eine Stadt den Eurovision Song Contest ausrichte. Ganz Bulgarien richte die Veranstaltung aus, „eine große Gemeinschaft, vereint und inspiriert“.Künstler müssen beim ESC nun volljährig seinSchon am Dienstag hatte die EBU eine Reihe von Regeländerungen bekannt gegeben, die erstmals beim ESC in Burgas zur Anwendung kommen. Demnach muss jeder Künstler am Tag seiner ersten Probe mindestens 18 Jahre alt sein. Bisher lag die Grenze bei 16 Jahren. Das diene dem Schutz aller Teilnehmer, die einem besonderen öffentlichen Druck ausgesetzt seien, teilte die EBU mit. Nicole, die 1982 für Deutschland gewonnen hatte, war bei ihrem Sieg erst 17 Jahre alt.Neu geregelt wurde auch die Frage, was passiert, wenn ein Siegerland den Wettbewerb aus Sicherheitsgründen nicht ausrichten kann. Ein Sender scheidet nun automatisch als Gastgeber aus, wenn ein bewaffneter Konflikt, eine geopolitische Krise oder eine vergleichbare Situation die Sicherheit im eigenen Land oder der unmittelbaren Region beeinträchtigt. Den Fall gab es schon nach dem Sieg der Ukraine im Jahr 2022, als das Vereinigte Königreich einsprang und der Wettbewerb in Liverpool ausgetragen wurde.Den ESC in diesem Jahr in Wien hatte die Bulgarin Dara mit ihrem Lied „Bangaranga“ gewonnen. Die Künstlerin, eigentlich Darina Nikolaewa Jotowa, kommt aus Warna, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, die sich ebenfalls um die ESC-Ausrichtung beworben hatte. Die EBU und BNT entschieden sich aber schon Mitte Juli gegen Warna und auch Plowdiw, so dass nur noch Sofia und Burgas miteinander konkurrierten. Mehrfach wurde die Verkündung der endgültigen Entscheidung verschoben, allerdings zeichnete sich seit Anfang August schon ab, dass es auf Burgas hinauslaufen würde.