Am Ende hat es locker gereicht für das deutsche Dressurteam. Mit 235,063 Punkten sicherten sich Isabell Werth auf Wendy (79,063), Katharina Hemmer auf Denoix (79,224), Frederic Wandres auf Bluetooth (75,963) und Raphael Netz auf Camelot (73,338) die erste Goldmedaille dieser Weltmeisterschaft in Aachen vor Briten (231,445) und Dänen (229,426). Alle vier Reiter sind für die erste Einzelentscheidung, den Grand Prix Special qualifiziert. Den gewann einst 2006 bei den Weltreiterspielen in Aachen Isabell Werth. Ihr heutiger Teamkollege Raphael Netz ging da noch zur Grundschule und auch die anderen beiden konnten von einer großen Karriere höchstens träumen.„Es ist nicht so normal, nach 20 Jahren zurückzukommen“, sagte die achtfache Olympiasiegerin nach ihrem Ritt, der ihr das zehnte WM-Gold bescherte, „das macht mich sehr glücklich.“ Am Mittwoch musste die 57-Jährige als letzte Teamreiterin das Gold sichern, die zwölfjährige Wendy machte es ihr nicht leicht. Die Rappstute lud sich mächtig auf in dem großen Stadion, schnaubte immer wieder nervös, ein explosives Kraftbündel, das unter Kontrolle gehalten werden musste. Ein Fehler in den 15 Einerwechseln kostete Punkte. Bundestrainerin Monica Theodorescu fand eine Erklärung: „Nach dem zwölften Wechsel hat Wendy die Luft angehalten, und weil sie dann ja irgendwann wieder atmen musste, kam es zu dem Fehler.“ Es war keine Sternstunde von Werth und Wendy, aber es reichte für Platz vier, knapp das beste deutsche Einzelergebnis vor Katharina Hemmer auf Denoix.Die beiden waren die eigentlichen Stars dieses WM-Grand Prix. Auch der 14-jährige Denoix konnte früher schon mal die Nerven verlieren, wenn er sich unter Druck gesetzt fühlte, aber diesmal war davon nichts zu spüren. Am Morgen hatte seine Reiterin ihm wie immer selbst die Mähnenzöpfchen geflochten. „Das ist eine Art Ritual. Das brauchen wir einfach“, sagte sie. Beim Einreiten ins Stadion ließ Hemmer dem Fuchs den Zügel lang, damit er sich alles anschauen konnte, um sich zu vergewissern, dass in den Blumenrabatten vor der Ehrentribüne wirklich keine Ungeheuer lauerten. Während der Prüfung habe sie ständig leise mit Denoix gesprochen, sagte Hemmer. Offenbar hat er jedes Wort verstanden.In fließenden Traversalen, taktmäßigen Piaffen, fehlerlosen Galoppwechseln tanzte das Pferd übers Viereck. Auf der letzten Linie, als es fast schon vorbei war, als der Druck von ihr abfiel, da rollten Katharina Hemmer ein paar Tränen über die Wange, Freudentränen. „Das war heute der Hammer“, sagte Bundestrainerin Theodorescu, „wir sollten Katharinas Nachnamen ändern“. Auch wenn die siebenköpfige Jury Hemmer mit persönlichen Bestnoten bedachte, schien Platz fünf im 91 Starter starken Feld keineswegs generös.Die erste deutsche Goldmedaille der WM in Aachen: Isabell Werth, Frederic Wandres, Raphael Netz, Katharina Hemmer und Equipe-Chef Klaus Röser (v.l.) bei der Siegerehrung. Rolf Vennenbernd/dpaAn die Spitze setzten die Richter die Dänin Cathrine Laudrup-Dufour auf der 17-jährigen Stute Freestyle (82,376), die wie immer durch gute Piaffen und Passagen imponierte, aber in einer Pirouette patzte und die ganze Zeit unruhig das Maul bewegte. Das dänische Team hatte am Morgen im Stall Besuch von seiner Königin Mary Elizabeth bekommen, Überraschungsgast am Abend zuvor bei der Eröffnungsparty. Die Königin, selbst eine passionierte Dressurreiterin, habe sich sehr für die Pferde interessiert, erzählte Laudrup-Dufour: „Sie ist ein richtiges Pferdemädchen, für uns ist sie dann einfach Mary.“ Die Dichte an pferdeliebenden Royals war in diesem Jahr ungewöhnlich hoch. Bei der Eröffnungsfeier auf der Ehrentribüne plauderte Hollands Thronfolgerin Amalia mit Spaniens Königsschwester, Infantin Elena, dahinter Zara Tindall, die Nichte von König Charles III., die hier vor 20 Jahren Vielseitigkeits-Weltmeisterin geworden war.Im Viereck am Tag darauf hatte der amtierende Europameister Justin Verboomen aus Belgien nicht den besten Tag erwischt. Der Rapphengst Zonik Plus, im letzten Jahr der Shooting-Star in Aachen, machte Fehler und schlug häufig nervös mit dem Schweif hin und her – ein Zeichen von Verspannung und Unzufriedenheit. Die Richter setzten ihn gleichwohl auf Platz zwei vor der britischen Titelverteidigerin Chalotte Fry auf Glamourdale, dessen gewaltiger Galopp ihm immer viele Punkte bringt. Auch die Piaffen des Olympiadritten von Paris sind besser geworden.Außer den drei Medaillen-Teams haben sich Belgien, die Niederlande und Schweden für die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 qualifizieren können. Wer in den beiden Einzelentscheidungen, dem Grand Prix Special am Freitag und der Kür am Samstagabend, auf dem Podium steht, das hänge von der Tagesform ab, sagt Monica Theodoescu. Eine Einzelmedaille für die Gastgeber ist möglich, aber beileibe kein Selbstgänger.