Würde man Monica Theodorescu und Isabell Werth zu einer Erzählstunde über das Dressurreiten an sich und ihre Erfolge im Speziellen einladen, reichte ein einziger Abend dafür nicht. Seit mehr als 30 Jahren prägen die beiden Frauen ihre Disziplin, und fingen sie an zu erzählen, würde das vielleicht so beginnen: „Weißt du noch, damals in Barcelona, als es so unglaublich heiß war und wir Gold gewonnen haben?“Damals, 1992 bei den Olympischen Spielen, siegten die beiden als Reiterinnen erstmals gemeinsam mit der deutschen Equipe. Ihre Geschichte ist verbunden durch Pferde, Championate und Orte, vor allem durch diesen Ort: Aachen. Im Sommer 2026 sind die beiden dort wieder zusammen. Monica Theodorescu, deren Eltern Inge und George ebenso erfolgreiche Dressurreiter waren und sich einst beim CHIO kennengelernt hatten, inzwischen als Bundestrainerin. Isabell Werth noch immer als Reiterin, mit ihrer zehnten WM-Goldmedaille um den Hals.Isabell Werth und Wendy sichern in Aachen den WM-Erfolg der deutschen Equipe in der Dressur.dpaDenn als sie gefragt wurde, wie sie diesen abermaligen Triumph einordne, sagte sie: „Es bedeutet mir viel, hier nach 20 Jahren wieder die Goldmedaille zu gewinnen, und es macht mich sehr stolz, weil dazwischen viel passiert ist und mich so viele verschiedene Pferde begleitet haben. Und dann noch hier in Aachen, an diesem Ort. Es gibt keinen schöneren und großartigeren Turnierplatz als diesen.“Für die Heim-WM ist die Dressur in das große Hauptstadion umgezogen, das normalerweise den Springreitern vorbehalten ist. Nun aber prangt inmitten des grünen Rasens ein Dressurviereck. Für die Pferde ist es eine ungewohnte Kulisse, sie haben viel anzuschauen, die Tribünen, Kameras, Blumendeko. Als Werth und ihre Stute Wendy zum Grand Prix einritten, war alles angerichtet auf diesem Präsentierteller.Das deutsche Dressurteam mit (von links) Isabell Werth, Frederic Wandres, Raphael Netz, Katharina Hemmer und Equipechef Klaus RoeserdpaAm Vortag hatten Raphael Netz mit Camelot (73,338 Prozent) und Frederic Wandres mit Bluetooth (75,963) gut vorgelegt. Vormittags war Katharina Hemmer mit Denoix eine neue persönliche Bestleistung gelungen (79,224), was sie selbst zu Tränen rührte, noch bevor ihr Ritt beendet war. Werth und Wendy hätten 77 Prozentpunkte genügt, um das deutsche Team in Führung zu bringen. 79,876 Prozent wurden es.Werth ritt mit „kontrolliertem Risiko“, denn die Stute war angespannt. „Sie hält ein bisschen die Luft an, wenn sie aufgeregt ist“, erklärte die Bundestrainerin später, „und irgendwann schnauft sie aus.“ Die Spannung entlud sich bei den fliegenden Galoppwechseln von Sprung zu Sprung. „Mit einem Fehler und fast achtzig Prozent ist doch alles gut“, sagte Theodorescu und beendete das Thema.Ihre Mannschaft gewann deutlich genug vor Großbritannien und Dänemark. Dankbar und stolz machte sie, dass der Grand Prix bei allen ihrer vier Paare so gut gelungen sei. „Der Weg bis hierhin war nicht ganz geradlinig. Wir hatten auch ein paar Ausfälle. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir das richtige Team hier am Start haben.“Das hat sie nicht allein zusammengestellt, sondern mit Ko-Bundestrainer Hendrik Lochthowe. Auch das Dressurkomitee des Dachverbandes entscheidet mit, und natürlich bringt jeder Reiter seinen Heimtrainer mit zum Championat. Aber es ist ein Team, hinter dem sie uneingeschränkt steht, für dessen Erfolg und Misserfolg sie die Verantwortung trägt, das sie verteidigt, wenn zu oft nachgefragt wird, warum denn nun der erfahrensten Reiterin dieser Fehler passiert ist.Verantwortlich für den Erfolg: Bundestrainerin Monica Theodorescudpa2012 wurde die Warendorferin Dressur-Bundestrainerin. Seitdem gewann sie, stets mit Isabell Werth im Team, unter anderem drei Team-Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen und nun auch zum dritten Mal WM-Gold. Dass der Generationenwechsel in Theodorescus Equipe so schnell gelang, lag auch am Karriereende Daleras, des Erfolgspferds der viermaligen Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl – eine Zäsur für die Equipe. Als dann auch noch ihr Nachwuchspferd Diallo im Januar plötzlich starb und Ingrid Klimkes Pferd Vayron nicht rechtzeitig zur WM fit wurde, sahen manche schon das Gold in Gefahr.Doch es gab nun Platz für den 27 Jahre alten Raphael Netz und seinen Camelot, die als Starterpaar in Aachen das Vertrauen zurückzahlten, das die Bundestrainerin in sie setzte. Genau wie Frederic Wandres und Bluetooth, die mit ihrer Konstanz stets den Teamerfolg absichern. Dass Katharina Hemmer, 32 Jahre alt, mit Denoix einen solchen Ritt aufs Viereck zaubern würde, unbeeindruckt von der Kulisse, hatten viele gehofft. Dass es aber so gekommen ist, überraschte doch, weil der Fuchswallach im Frühjahr verletzt war und nicht an den deutschen Meisterschaften teilnehmen konnte.Theodorescu: „Das war wirklich der Hammer“So tiefgründig und fachkundig Monica Theodorescu in Interviews über die Leistung ihrer Reiter und Pferde spricht, so losgelöst ist sie, wenn sie sich mit ihnen über ihre Erfolge freut. Als Hemmers Ergebnis auf der Anzeigetafel aufleuchtete, hob Equipechef Klaus Roeser die Trainerin hoch, und die beiden drehten sich lachend im Kreis. „Das war wirklich der Hammer“, sagte Theodorescu und verpasste der Reiterin diesen neuen Nachnamen. „Katha war wirklich sensationell, sie hat keinen Punkt liegen gelassen, im Gegenteil, sie hat ihr Pferd zum Strahlen gebracht. Das ist unglaublich.“Vielleicht war die Bundestrainerin am wenigsten überrascht davon, denn sie hatte gesehen, wie Hemmer und Denoix jeden Tag im Training besser und besser wurden, entspannt und planvoll auf ihren Einsatz hinarbeiteten. In dieser Form werden die beiden, genau wie Werth und Wendy, eine weitere Medaillenchance haben, wenn am Freitag und Samstag die Einzelentscheidungen im Grand Prix Special und in der Kür anstehen.Unabhängig davon, wie die beiden Prüfungen ausgehen – Monica Theodorescu, Isabell Werth und nun auch Katharina Hemmer werden später Geschichten darüber erzählen können. Und sie beginnen dann vielleicht auch mit diesem Satz: „Weißt du noch, damals in Aachen, als es so unglaublich heiß war und wir Gold gewonnen haben?“