Man könnte meinen, dass Cathrine Laudrup-Dufour bei all den Rollen, die ihr vor den Dressur-Weltmeisterschaften zugeschrieben wurden, irgendwann den Überblick verliert. Als Führende der Weltrangliste ist die Dänin mit ihrer Stute Freestyle nach Aachen gekommen, und Isabell Werth, die erfolgreichste Dressurreiterin der Geschichte, hat sie in zahlreichen Interviews auf die Position der Goldfavoritin gehoben. In Laudrup-Dufours Heimatland Dänemark ist der Reitsport, genau wie in Deutschland, nach mehreren Skandalen um das Training von Pferden in Bedrängnis geraten.Nicht wenige erwarten nun von ihr, dass sie ihre Disziplin auf der Aachener Weltbühne in goldenem Glanz präsentiert. Und dann ist da noch ihr Privatleben, aus dem sie kein Geheimnis macht, das sie mit Hunderttausenden Menschen in den sozialen Medien teilt, das sie spätestens seit den Olympischen Spielen von Paris zu einer prominenten Figur der LGBTQ-Gemeinschaft gemacht hat.Pingpong mit der FavoritenrolleWer Cathrine Laudrup-Dufour in Aachen begegnet, erlebt eine fokussierte Frau von 34 Jahren, die mit sich im Reinen zu sein scheint, Glück und Zufriedenheit ausstrahlt, vermischt mit Gelassenheit und Vorfreude auf den bevorstehenden Wettkampf. Gerade hat sie ihre erste Trainingseinheit mit Freestyle auf dem Sandplatz mitten im großen Aachener Reitstadion hinter sich. Noch waren die Tribünen leer, vor denen sich die 17 Jahre alte Stute fit und frisch präsentierte. Schon jetzt aber bescherte die Kulisse der Reiterin ein „Gänsehaut-Gefühl“.Danach standen Interviews an, die sie fröhlich absolvierte. „Die Rolle der Favoritin spiele ich Isabell gern zurück“, sagt sie und lacht, wohl wissend, dass sie und Freestyle in diesem Jahr bei sechs Starts sechsmal gewonnen haben und auf dem Höhepunkt ihres Könnens sind. An diesem Mittwoch treten sie als Schlusspaar für Dänemark in der Teamwertung an, ehe am Freitag und Samstag die Einzelwertungen im Grand Prix Special und in der Kür anstehen.Mit Dänemark soll der WM-Titel erfolgreich verteidigt werdenAn ihrem Musikprogramm für den WM-Höhepunkt unter Flutlicht hat Cathrine Laudrup-Dufour bis zuletzt gefeilt. Im Juli war „Uraufführung“, die WM wird erst ihr zweiter Start mit der neuen Kür sein, deren Musikstücke um das Thema „together“, gemeinsam, gestaltet sind. „Dieses Motto“, sagt sie, „ist die Geschichte von Freestyle, von mir und unserem gesamten Team, das hinter uns steht.“Vor vier Jahren, bei den Weltmeisterschaften in ihrer Heimat, gewann Laudrup-Dufour die Goldmedaille mit ihrer Equipe, damals noch auf dem Wallach Vamos Amigos. Im Jahr darauf kam Freestyle in ihren Stall, und kurze Zeit später folgte die pompöse Hochzeitsfeier mit ihrer Frau Rasmine, deren Vater der frühere dänische Fußballstar Brian Laudrup ist. Sie reist Ende der Woche mit ihrer gemeinsamen, vor knapp einem Jahr geborenen Tochter Palma zum Anfeuern nach Aachen.In ihrem weithin als traditionell und konservativ wahrgenommenen Sport habe sie ihren Lebensstil und ihre sexuelle Orientierung nie verstecken müssen, sagt Cathrine Laudrup-Dufour. Ihr langjähriger Jugendtrainer, der sie über 15 Jahre in dem Sport begleitete, sei mit einem Mann verheiratet gewesen und habe quasi zur Familie gehört. „Mit ihm aufzuwachsen, hat das für mich immer normal gemacht.“ Schon als Ponyreiterin und Juniorin war sie international erfolgreich. Der Sprung zu den Senioren gelang ihr mit dem Wallach Cassidy, mit dem sie 2016 erstmals an den Olympischen Spielen teilnahm.„Unser Sport und unsere Reitsport-Gemeinschaft“, sagt sie, „sind sehr beschützend. Ich fühle mich hier sicher und akzeptiert.“ Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Bei den Olympischen Spielen in Paris stand in jedem Team ein schwuler Reiter oder eine lesbische Reiterin auf dem Podium: Carl Hester mit Großbritannien, Frederic Wandres mit Deutschland und eben Cathrine Laudrup-Dufour mit Dänemark. Was im Fußball oder anderen populäreren Sportarten ein Novum gewesen wäre, war und ist im Reiten offenbar kein großes Thema.Das Team-Podium bei den Olympischen Spielen von ParisSven Simon„Ich denke gar nicht jeden Tag darüber nach“, sagt sie, „aber ich bin froh, dass ich in einem Land lebe und einen Sport betreibe, in dem ich mich nicht verstecken oder mich schämen muss. Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden, und sie ist eine Frau. Ich zeige einfach, wer ich bin, und bin sehr dankbar dafür, dass ich das tun kann.“Ihre Gefühle verbirgt Cathrine Laudrup-Dufour auch nicht, wenn es um das Reiten geht. Als sie in Paris Fünfte im Einzel wurde, anstatt eine Medaille zu gewinnen, sei sie tief enttäuscht gewesen und habe sich auch geschämt, die Erwartungen nicht erfüllt zu haben. In solchen Momenten ermahne sie sich selbst, nicht zu streng mit sich zu sein, und erinnere sich daran, welches Glück sie bisher gehabt habe, überhaupt Medaillen zu gewinnen. Im Jahr darauf wurden sie und Freestyle knapp EM-Zweite. „Als Athlet hat man große Träume, vor allem in meiner Position“, sagt sie, „klar strebt man da nach Gold. Und natürlich erlebt man auch Enttäuschungen.“Aber eben auch große Glücksmomente. Im Dezember saß Cathrine Laudrup-Dufour in der Frankfurter Festhalle und weinte. Es war Freestyle, die sie zu Tränen gerührt hatte: „Ich hatte das Gefühl, dass wir zum ersten Mal wirklich zusammen performt haben und zeigen konnten, was wir jeden Tag im Training üben.“ Wenn man die beiden im Dressurviereck sieht, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass da zwei Lebewesen gemeinsame Sache machen. Mit einer eigenen Sprache: „Wir können nicht mit Worten kommunizieren, aber wir fühlen unsere Körpersprache, das Atmen, den Herzschlag, alles, was über Worte hinausgeht.“Solche Sätze sprudeln oft bei Pressekonferenzen aus Cathrine Laudrup-Dufour heraus, was solche Termine mit ihr gleichermaßen erhellend wie unterhaltsam machen. Dort schüttet sie ihr Herz aus, flachst mit den Konkurrenten, egal, wie die Prüfung vorher gelaufen ist. Vielleicht ist es diese Rolle, in der sie sich am wohlsten fühlt: wenn sie ganz sie selbst ist.
Reit-WM in Aachen: Cathrine Laudrup-Dufour und die großen Gefühle
Mit einem Pferd, das sie zu Tränen rührt, ist Dressurreiterin Cathrine Laudrup-Dufour die Goldfavoritin bei der WM in Aachen. Daneben ist sie eine prominente Figur der LGBTQ-Gemeinschaft.











