Der Wellensittich muss mit. Als Elke Rosins Vater ihr am 17. August 1961 die Koffer durchs Fenster reicht, kann sie an nichts anderes denken: „Das war wahrscheinlich der einzige Vogel, der damals im Käfig geflohen ist“, sagt die 87-Jährige. Sie sitzt in einem Sessel, neben ihr ein Käfig. Der Vogel darin ist computeranimiert. Elke Rosin ist eine der Zeitzeugen, die in der Augmented-Reality-App „OstWest Zeitzeugen – Mauerjahre in AR“ erzählen, wie sie die Tage vor dem Mauerbau 1961 erlebt haben. Die App ist ein Gemeinschaftsprojekt von MDR und WDR und seit dem 11. August frei zugänglich. Mit ihr soll deutsch-deutsche Geschichte greifbar werden – und der öffentlich-rechtliche Rundfunk für junge Menschen wieder attraktiver.Wer die App öffnet, kann Elke Rosin an einen beliebigen Platz projizieren. Dann erzählt sie. Von der geplanten Flucht habe sie am Mittagstisch erfahren: „Lasst das Geschirr stehen. Abwaschen brauchen wir heute nicht“, habe ihre Mutter gesagt. Dann sei alles schnell gegangen: Koffer packen, Tür verriegeln und aus dem Fenster in den Westen klettern. Die Hausfassade der Bernauer Straße gehörte zu Ost-Berlin, der Gehweg zu West-Berlin. „Als die Nachbarn geschrien haben, dass die Vopos kommen, da habe ich es mit der Angst zu tun bekommen.“ Ihr Vater reichte ihr den Vogelkäfig und sprang als Letzter zu seiner Familie in den Westen.Schulklassen aus ganz Deutschland gestalten mitDie Bernauer Straße ist heute Gedenkstätte und Symbol für deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte. Bilder von Grenzbeamten, die Fenster im Erdgeschoss der Reihenhäuser zumauern, sieht man in jedem Geschichtsbuch.Auf einer Pressekonferenz zur App kommen Protagonisten, die Verantwortlichen aber auch anderweitig Beteiligte zu Wort: „Man kennt das alles aus dem Unterricht, aber es ist viel emotionaler, wenn das jemand erzählt, der dabei war“, sagt Davidé. Er geht in Köln zur Schule und hat die App mitgestaltet.Seit November hat die Projektleiterin Lena Brochhagen vom WDR mit ihrem Team Schulklassen besucht, um herauszufinden, was junge Menschen von Zeitzeugen wissen wollen: „Schüler stellen andere Fragen, aus ihrer Lebensrealität heraus“, sagt sie. An der Gestaltung der App seien vor allem Haupt-, Real- und Förderschulen beteiligt gewesen. Die Redaktion stellt begleitendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Empfohlen wird die App ab der neunten Klasse.Umdenken in den öffentlich-rechtlichen MedienBis 2029 soll die „interaktive Wissenswelt“ noch erweitert werden: „Jeder kann mitmachen“, sagt Brochhagen. Die Redaktion sammelt alle Fragen, die in der App gestellt werden. Außerdem sind weitere Kapitel geplant, die aus Berlin hinausführen und die Perspektiven der Landbevölkerung erzählen: „Deshalb wollten wir das Projekt auch mit dem MDR und nicht mit dem RBB machen“, sagt Lena Brochhagen.Die Geschichte der deutschen Teilung, aufbereitet für ein junges Publikum, das hat die App „OstWest Zeitzeugen – Mauerjahre in AR“ im Sinn.WDR/Annika Graeff/Sami SkalliDer MDR-Intendant Ralf Ludwig ist selbst in der DDR groß geworden: „Der Mauerfall war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben“, sagt er. Dass die Geschichte der deutschen Teilung durch das ARD-Projekt nun deutschlandweit gemeinsam erzählt wird, mache ihn stolz.Die WDR-Intendantin Katrin Vernau sieht den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der App erfüllt: „Geschichte endet nicht im Schulbuch, sondern ragt bis in unsere Gegenwart.“ Es ist bereits die dritte Augmented-Reality-App des WDR zu deutscher Geschichte. Man müsse junge Menschen mitgestalten lassen, um sie zu erreichen. Deshalb sei es wichtig, dass sie selbst Fragen stellen dürfen: „Das weckt den Forschergeist.“ Außerdem zeige sich darin das Umdenken in den öffentlich-rechtlichen Medien: „Wir können nicht mehr nur senden. Wir müssen hinhören, welche Fragen unser Publikum stellt.“Bei den jungen Menschen komme das an, sagt Heike Böltzig, Lehrerin in Halle: „Schüler fühlen sich wahrgenommen. Sie merken, wenn mit ihnen gesprochen wird.“ Sie hat die App bereits im Unterricht verwendet und ist begeistert: „Die Aufmerksamkeit war sofort da.“An einer anderen Schule habe die App einen so prägenden Eindruck hinterlassen, dass sie sogar in der Abschlussrede erwähnt wurde, sagt Bianca Nebel, Lehrerin an einer Hauptschule in Wuppertal: „Die App spricht Kopf, Hand und Herz an. Das bleibt hängen.“Elke Rosin sieht darin eine Chance. Die bevorstehenden Wahlen machen ihr Angst: „Ich bin so unglücklich, dass viele junge Menschen die AfD wählen, gerade aus der ehemaligen DDR.“ Sie wünsche sich, dass Jugendliche mehr hinterfragen, was ihnen erzählt wird: „Wir haben damals alles hingenommen.“ Was in ihrem Land vor sich ging, habe sie erst begriffen, als sie mit dem Vogelkäfig in der Hand auf dem Bürgersteig der Bernauer Straße stand.
DDR-Zeitzeugen erzählen in der AR-App der ARD von ihrer Flucht
Vergangenheit wird in die Gegenwart projiziert: Vor 65 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Eine neue Augmented-Reality-App von WDR und MDR erzählt die Geschichten von Menschen, die dabei waren. Das wirkt direkt.











