Im Garten von Mel Jacobs hat jemand einen großen Haufen gemacht. Ein Hund, wie ihn die Nachbarn haben, kommt als Urheber nicht infrage. Auch wenn der reizbare Mel in diese Richtung zuerst denkt. Das stinkende Mittelgebirge auf dem Rasen deutet aber auf ganz andere Verdauungstrakte hin. Auf Stoffwechseldimensionen, mit denen in der heilen amerikanischen Vorstadtwelt entlang einer Oak Street eigentlich nicht zu rechnen ist.Tatsächlich stellt sich bald heraus, dass hier etwas deutlich grundsätzlicher im Argen liegt. Entleert, wenn man so möchte, hat sich in diesem Fall nämlich ein Riss in der Zeit. Das Gewitter, das die Anrainer der Oak Street erleben, ist ein kosmisches. Und Blitz und Donner sind in diesem Fall ein Zauber, mit dem ein amerikanischer Familienfilm zu dem Unvordenklichen kommt, das im neueren Hollywood immer nur einen Schritt um die Ecke liegt. Starbuck, der Hund der Familie Platt, ist ganz und gar unschuldig. Denn die Tiere, die in „The End of Oak Street“ von David Robert Mitchell bald nicht nur den Garten von Mel Jacobs verwüsten, sind 250 Millionen Jahre alt.Sie kommen dabei nicht aus einem „Jurassic Park“, wie bei Steven Spielberg, der 1993 die frühen Möglichkeiten der digitalen Animation für ein spektakuläres Comeback der Dinosaurier auf dem Planeten Erde nutzte. Die Echsen, mit denen es die Platts zu tun bekommen, sind „echte“ Vorzeitwesen. Es ist das Amerika des Jahres 1982, das eine Zeitreise bestehen muss. Und in diesem Amerika nur ein ganz kleiner Teil: ebender, der an einer idealtypischen Oak Street liegt, ein Bereich, gerade groß genug, damit sich eine Lücke in der Ordnung der Zeit dort breitmachen und ein paar Dutzend Häuser mit ihren Familien in eine Epoche weit vor der Entwicklung des Menschen zurückschleudern kann.Sehr viel amerikanische MittelschichtswirklichkeitEs dauert natürlich, bis das alles begreiflich wird. Denn die Häuser bleiben ja stehen, die asphaltierte Straße, die gepflegten Rasenstücke, die Autos, alles kommt mit in die Vergangenheit, und somit herrscht für eine Weile große Konfusion. Die phantastischen Tierwesen, die vor 250 Millionen Jahren die Welt beherrschten, zeigen sich nur sehr allmählich. Es scheint fast, als wollte der Film mit dem Clou, den er sich einfallen ließ, nur langsam herausrücken. Und bevor die wirklich großen Urzeitwesen auftauchen, versucht er noch, so viel amerikanische Mittelschichtswirklichkeit zu etablieren, wie man sie aus den frühen Achtzigerjahren aus dem Kino kennt. Diese Periode ist eng mit dem offensichtlichen Vorbild verbunden, auf das Mitchell sich mit „The End of Oak Street“ bezieht: mit Steven Spielberg, der 1981 mit „Jäger des verlorenen Schatzes“ und ein Jahr darauf mit „E.T. – Der Außerirdische“ zwei Filme herausbrachte, die sich in zahllose Kindheiten eingeprägt haben. Ganz offensichtlich auch in die von David Robert Mitchell.Bedrohtes Familienidyll: Szene aus „The End of Oak Street“Warner BrosAllerdings schien dessen bisherige Karriere in eine andere Richtung zu gehen, als er nun mit seiner überdeutlichen Spielberg-Hommage erkennen lässt. 2012 debütierte er mit dem Horrorfilm „It Follows“, in dem er eine sehr eigenwillige Mythologie um das Thema Sex und Zustimmung entwarf. Den frühen Kultstatus, den er damit erlangte, nutzte er 2018 für „Under the Silver Lake“, einen Thriller, neben dem selbst der deutlich verwandte „Mulholland Drive“ von David Lynch wie eine Studie in Logik und Herleitbarkeit wirkt.Mitchell gab sich mit seiner Geschichte eines jungen Mannes, der die Zeichen der Stadt Los Angeles „liest“, als großer Kenner der amerikanischen Filmgeschichte zu erkennen, ging aber mit allen Anspielungen auf die abseitigsten Wege. Nun taucht er, nach einer nicht unbeträchtlichen Pause, unter veränderten Vorzeichen wieder auf. Denn maßgeblicher Produzent bei „The End of Oak Street“ ist J. J. Abrams, der mit der Serie „Lost“ bekannt wurde und sich später um die Fortführung der „Star Trek“-Geschichten im Kino bemüht hat. Für den aktuellen Kontext aber ist vor allem sein Film „Super 8“ aus dem Jahr 2011 von Belang: eine Kindheitsgeschichte aus dem Sommer 1979, in die übernatürliche oder außerirdische Phänomene platzen.Für Ann Hathaway ist der Film selbst eine Art ZeitreiseAuch in „The End of Oak Street“ ist der Blick der beiden Kinder der Familie Platt entscheidend. Audrey und Brian spüren, dass bei ihren Eltern etwas nicht stimmt. Sie können nicht wissen, dass der Vater etwas verheimlicht, und sie haben auch keine Ahnung davon, dass die Mutter an einem Roman schreibt, in dem sie von einem Leben weit weg von der Vorstadt träumt, in der das Haus der Platts steht. Schon hier taucht also das Motiv der alternativen Realitäten auf, das danach mit dem Zeitsprung-Thema verbunden wird.Für Ann Hathaway, in diesem Jahr bei Christopher Nolan in der Schlüsselrolle der Penelope in „Die Odyssee“ und davor auch schon mit der Wiederaufnahme ihrer Figur aus „Der Teufel trägt Prada“ sehr präsent, muss „The End of Oak Street“ nun selbst wie eine Art Zeitreise wirken. Denn gedreht wurde schon 2024, es dauerte dann ziemlich lange bis zur Veröffentlichung. Das deutet darauf hin, dass Uneinigkeit bestanden haben mag, wo und wie der Film in die derzeitige Konstellation passen könnte. Tatsächlich hat er viele Aspekte, die ihn als wie aus der Zeit gefallen wirken lassen könnten. Mitchell bezieht sich nicht nur buchstäblich auf ein Amerika vor fast 50 Jahren, er beschwört auch eine Stimmung wieder herauf, für die eben der frühe Spielberg stand: ein weißes Amerika vor der programmatischen Diversität (die in „The End of Oak Street“ mit der unterentwickelten Alibifigur eines Mädchens namens Jeanette eher abgehakt als anerkannt wird).Für das zentrale Manöver findet Mitchell ein naheliegendes und auch filmisch schönes Bild: eine schillernde Blase oder Glocke, um das Portal zwischen den Welten zu finden. Man kann in diese Blase nur hineinspringen wie in einen Abgrund, auch wenn dahinter die rettende Gegenwart liegt. Gleichwohl bleibt als befremdlicher Eindruck, dass beide Welten, die der Dinosaurier und die der Platts anno 1982, irgendwie unbeholfen ineinandergeschoben wurden. Gerade bei Zeitreise-Szenarien kommt es darauf an, dass sie ihre innere Logik deutlich ausweisen. Mitchell aber lässt nie verständlich werden, warum ihn ausgerechnet die Riesenechsen interessiert haben, um sich für eine Kernfamilie eine Bewährungsprobe auszudenken, die dann mit Baseballschläger, Pfeil und Bogen und in einem entscheidenden Moment mit einem Eingriff des Familienhundes bestanden wird. „The End of Oak Street“ war vermutlich einmal als großer Sommer-Blockbuster gedacht, landet in der Gegenwart des Jahres 2026 aber wie ein verschollenes Projekt, für das es keine „richtige“ Zeit mehr gibt.