Der Handwerksbetrieb von Thomas Kowalski hat sich auf Sanierungsarbeit für öffentliche, gewerbliche und private Kunden spezialisiert. Die meisten Aufträge erhält der Unternehmer aus Halberstadt aus der Region. Hier, im Südwesten von Sachsen-Anhalt, hat die CDU seit Langem das Sagen, und Kowalski ist politisch gut vernetzt. Im vergangenen Winter wurde der Betrieb zu einem Notfall in die 50 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Magdeburg gerufen. Das Dach des damals noch von Sven Schulze (CDU) geführten Wirtschaftsministeriums war undicht. „Das musste ganz schnell gehen, denn da darf es natürlich nicht reinregnen“, sagt Kowalski.Knapp vier Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt Schulze, der mittlerweile in die Staatskanzlei übersiedelt ist, in Umfragen mit der CDU weit hinter der AfD mit dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Die Rechtspopulisten befinden sich nach Einschätzung der meisten Demoskopen in Reichweite zu einer absoluten Mehrheit. Auch Kowalski wird sich wohl zwischen Schulze oder Siegmund entscheiden. „Ich bin nicht nahe bei der AfD, aber ich bin weit weg von der CDU“, sagt er und beschreibt damit eine Stimmung, die in der mittelständischen Wirtschaft weit verbreitet ist.In knapp 25 Jahren als Unternehmer hat Kowalski schon einiges erlebt. Nach dem Wirtschaftsstudium in Magdeburg startete er zunächst als Angestellter im Fondsvertrieb für institutionelle Kunden. „Damit habe ich viel verdient, es hat mich aber nicht zufrieden gemacht“, sagt er. 2003 machte er sich im Bereich Marketing und Vertrieb selbständig und suchte sein Glück wenig später in Südamerika. „Wir wollten 500 Kilometer südlich von Santiago de Chile Pflastersteine herstellen, aber unser chilenischer Geschäftspartner ist nach drei Jahren ausgestiegen“, sagt Kowalski.Endorphin auf der BaustelleZurück in Sachsen-Anhalt, übernahm er 2006 ein Unternehmen in Quedlinburg, das auf Denkmalpflege spezialisiert war. Seit 2011 führt er die von ihm gegründete Handwerkerunion Halberstadt. Als geschäftsführender Gesellschafter des Handwerksbetriebs steht er an manchen Tagen selbst mit auf der Baustelle. „Das treibt die Umsatzrendite zwar nicht in die Höhe, sorgt aber für einen höheren Endorphinausstoß“, sagt Kowalski über das Glück des Unternehmers.Thomas Kowalski, Geschäftsführer der Handwerkerunion Halberstadt auf dem Dach der Baustelle an der Grundschule "Freiherr Spiegel". Fotografiert am 06.08.2026 in Halberstadt.Carlotta SteinkampEr sei nicht repräsentativ für den Mittelstand in der Region, sagt er. Als Präsident der Roland-Initiative Halberstadt, ein Verein mit knapp hundert Mitgliedern aus der lokalen Wirtschaft, und als Vizepräsident des Baugewerbeverbands Sachsen-Anhalt wisse er aber, wie in Unternehmerkreisen gesprochen werde. Das Risiko, weiter dem aktuellen Kurs der CDU-geführten Regierung zu folgen, werde von vielen Unternehmern mittlerweile höher eingeschätzt als das Wagnis, sich auf die AfD einzulassen, sagt Kowalski. „Auch ich tue mich mittlerweile extrem schwer, mein Kreuz bei der CDU zu machen“, sagt er.Das war nicht immer so. „Bis 2019 war ich der Lokalpatriot schlechthin“, sagt der 53 Jahre alte Unternehmer. „Ich fand Deutschland gut, ich fand die Politik gut, und ich halte bis heute große Stücke auf Angela Merkel“, sagt Kowalski. Auch Daniel Szarata, der CDU-Oberbürgermeister von Halberstadt, erhält beste Noten. Mit der Ansiedlung von Daimler Truck sei es im vergangenen Jahr gelungen, den Standort international auf die Landkarte zu heben. „Wenn die CDU nur solche Leute in Sachsen-Anhalt hätte, würde die Union in den Umfragen vorne liegen“, sagt Kowalski.Entfremdung von der UnionDie Entfremdung von der Union begann während der Corona-Pandemie, als der CDU-Oberbürgermeister im 15 Kilometer von Halberstadt entfernten Städtchen Quedlinburg auf dem traditionsreichen Weihnachtsmarkt eine gelbe Trennlinie zwischen den Geimpften und den Ungeimpften ziehen ließ. „Das hat mich auch persönlich tief getroffen“, sagt Kowalski. Unter den Bedingungen einer stagnierenden Wirtschaft bei gleichzeitig steigenden Belastungen für den Mittelstand und wachsenden öffentlichen Ausgaben ging in den Folgejahren viel Vertrauen in die Politik verloren.„Die Abgabenlast erdrückt uns, und trotzdem werden die Ausgaben in den öffentlichen Haushalten in wenigen Jahren nicht mehr zu stemmen sein“, ist Kowalski überzeugt. Der AfD traut er am ehesten einen aus seiner Sicht nötigen radikalen Konsolidierungskurs zu. „So, wie es ist, kann es nicht weitergehen, wir müssen an die Ausgabenseite ran“, sagt der Unternehmer.Die AfD will insbesondere bei den Ausgaben für Migration sparen. In ihrem Wahlprogramm klafft nach Einschätzung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle trotzdem eine Finanzierungslücke von zwei Milliarden Euro. Kowalski stößt sich unabhängig von der Nationalität vor allem an Transferleistungen für all jene, die arbeiten könnten, es aber nicht tun. „Das empfinde nicht nur ich als unsozial gegenüber denen, die in diesem Land Mehrwert schaffen“, sagt er.Alle Mann auf der Baustelle: Auf dem Betriebsgelände der Handwerkerunion Halberstadt.Carlotta SteinkampIn seinem Handwerksbetrieb mit knapp zwei Dutzend Betonbauern, Dachdeckern, Maurern, Schlossern und Zimmerern ruhe sich keiner auf Kosten des anderen aus, sagt Kowalski. „Auf meine Leute kann ich mich uneingeschränkt verlassen, ich bin unheimlich stolz auf diese Truppe“, sagt er. Gearbeitet wird zehn Stunden pro Tag, vier Tage pro Woche. Hilfsarbeiter stelle er schon deshalb nicht ein, weil der geringe Abstand zwischen dem Mindestlohn und der durchschnittlichen Vergütung für einen Gesellen in Sachsen-Anhalt nur schwer zu vermitteln sei, sagt der Unternehmer.Sorgen über die Ideologie an der AfD-BasisDer Betrieb bildet selbst aus. Ein Mitarbeiter kommt gerade aus der Meisterausbildung, ein zweiter strebt die Meisterprüfung an. An eine Übernahme des Betriebs zu einem späteren Zeitpunkt seien beide derzeit nicht interessiert. „Es gibt keinen Anreiz, den letzten Schritt zu wagen, und ich könnte das mit den aktuellen Perspektiven auch meinen Kindern nicht bedenkenlos empfehlen“ sagt Kowalski über die Unternehmensnachfolge.Was einen Übergang der Regierungsverantwortung in Magdeburg betrifft, ist der Unternehmer nicht frei von Zweifel. „Wenn ich einige Vertreter an der Basis der AfD in Sachsen-Anhalt sehe, mache ich mir schon Sorgen, dass Sachentscheidungen von Ideologie beeinflusst werden könnten“, sagt Kowalski. Das Risiko, dass sich die AfD nach einem Wahlsieg an den gesellschaftspolitischen Umbau machen könnte, statt den wirtschaftspolitischen Kurswechsel einzuläuten, hält er dennoch für gering. Hans-Thomas Tillschneider, der stellvertretende Vorsitzende des vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Landesverbands der AfD, hat bereits angekündigt, Sachsen-Anhalt zum „Sehnsuchtsort aller deutschen Patrioten“ machen zu wollen.Dass die AfD viele ihrer Wahlversprechen, etwa in der Energiepolitik, nicht auf der Landesebene umsetzen kann, ist Kowalski bewusst. Die Ankündigung des Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, einzelne Ministerien in Magdeburg zusammenzulegen, wertet der Unternehmer aber als positives Signal für einen schlankeren Staat, der den Mittelstand entlasten kann. „Ich sehe uns sonst schon rein rechnerisch auf eine Wand zufahren. Wenn ich auf den Wahlplakaten der CDU, der FDP oder auch der SPD lese: Weiter so, dann ist das für mich der falsche Weg“, sagt er.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Ein Unternehmer erklärt, warum er die AfD wählen könnte
Thomas Kowalski war lange ein Freund der CDU und hält bis heute große Stücke auf Angela Merkel. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte er der AfD seine Stimme geben. Was bewegt den Unternehmer?









