KommentarDer «Brüssel-Effekt» ist verpufft: Als regulatorische Weltmacht hat sich die EU gewaltig überschätztDie EU hat umfangreiche Gesetzeswerke geschaffen. Sie hielt sich für so stark, dass sie glaubte, die Welt würde sich hier anpassen. Das war ein teurer Irrtum.13.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Dürre und der Iran-Krieg zeigen es gerade: Europa ist zu verwundbar, um anderen Staaten Gesetze aufzuzwingen.Jacek Kadaj / Moment RF / GettyKeine Theorie hat den Hochmut der EU wahrscheinlich so angefeuert wie die des «Brüssel-Effekts». Und kein anderes Konzept hat die Organisation wohl gleichermassen auf Abwege gebracht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Der Brüssel-Effekt» ist der Titel eines 2020 erschienenen Buchs der finnischen Rechtsprofessorin Anu Bradford. Darin vertritt sie die These, dass die EU eine regulatorische Weltmacht sei: Die Organisation habe die Kraft, ihre Gesetze global durchzusetzen. Der Hebel dazu ist laut Bradford der grosse Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Bewohnern. Für Firmen sei er so attraktiv, dass andere Länder EU-Gesetze übernähmen – nur so sei der Marktzutritt garantiert.Handelspartner wollen sich Gesetze nicht vorschreiben lassenDoch mittlerweile wissen wir: Der «Brüssel-Effekt» hat die EU in die Irre geleitet, und die Kosten davon sind beachtlich.Erstens steckt im «Brüssel-Effekt» eine Portion Selbstbetrug. Die EU mag die Errungenschaft des Binnenmarkts wie eine Trophäe vor sich hertragen, in der Realität ist er aber nur eingeschränkt. Es gibt immer noch viele nationale Vorschriften, die den Warenaustausch in der EU behindern. Oft weiss niemand genau, wie die Barrieren entstanden sind. Aber die Mitgliedsländer räumen sie nicht weg, weil sie Konkurrenten von ihren nationalen Märkten weiterhin ausschliessen wollen. Eine so scharfe Waffe, wie manche in der EU glauben, ist der Binnenmarkt also nicht.Zweitens denken grosse Staaten mittlerweile nicht mehr daran, sich der EU regulatorisch einfach unterzuordnen. Sie leisten Widerstand, etwa beim Aushandeln von Handelsverträgen. Die Regierungen wehren sich gegen Vorschriften, die sie als diskriminierend empfinden.Deshalb ist die EU immer seltener in der Lage, ihre regulatorische Agenda durchzuboxen. Ein Beispiel dafür ist die Methan-Verordnung. Gemäss dieser Vorschrift müssen Energiefirmen dafür sorgen, dass bei der Förderung, etwa von Gas, kein klimaschädigendes Methan entweicht. Die EU scheint in diesem Fall auf Druck der amerikanischen Regierung reagiert zu haben, bei der Gasförderer heftigst gegen die Verordnung lobbyiert haben.Die EU-Kommission hat nun beschlossen, die Verordnung für drei Jahre aufzuweichen. Verstösse sollen in dieser Zeit nicht bestraft werden. Die EU begründete den Rückzieher mit dem Iran-Krieg: Die Lieferengpässe könnten sich noch verschärfen, falls Produzenten wegfallen, welche die Methan-Verordnung nicht einhalten können.Der «Brüssel-Effekt» verteuert ProdukteWie es scheint, kann sich die EU den «Brüssel-Effekt» aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nur noch eingeschränkt leisten. Im schlimmsten Fall verteuert er Produkte, etwa wenn Drittländer entgegen der Erwartung der EU die Regulierung nicht anpassen, sich darauf das Angebot verknappt und am Schluss die Preise steigen.Solche Inflationsschübe kann der Kontinent nicht auch noch gebrauchen. Immerhin zeigen gerade diese Wochen, wie verwundbar der Kontinent ist. Bereits der Ukraine- und der Iran-Krieg haben Europa geschwächt. Nun leidet der Kontinent zusätzlich unter der Dürre, die bei Nahrungsmitteln zu einem schmerzhaften Preisanstieg führen dürfte.Die EU ist zu schwach, um den «Brüssel-Effekt» aufrechtzuerhalten. In Brüssel haben das noch nicht alle eingesehen. So streitet die EU derzeit über ein «Buy European»-Gesetz. Bei öffentlichen Ausschreibungen sollen gewisse europäische Güter bevorzugt behandelt werden. Was «European» dabei heisst, ist noch offen. Gehören die Schweiz oder Grossbritannien ebenfalls dazu? Ein sozialdemokratischer Parlamentarier meinte jüngst im Gespräch: Das werde man sehen. Unternehmen, die als «europäisch» gelten wollten, sollten aber Voraussetzungen erfüllen – etwa die betriebliche Mitbestimmung kennen.Dass auch solche Einschränkungen die Angebotsvielfalt in Europa verringern und die Preise anheizen, kümmert den Parlamentarier offenbar nicht. Und er will nicht wahrhaben, dass der «Brüssel-Effekt» verpufft ist.Passend zum Artikel
Der «Brüssel-Effekt»: Die EU hätte sich besser nicht an Bradfords Buch gehalten
Die EU hat umfangreiche Gesetzeswerke geschaffen. Sie hielt sich für so stark, dass sie glaubte, die Welt würde sich hier anpassen. Das war ein teurer Irrtum.






