Englands reichster Fussballklub verkauft plötzlich seine grössten Stars. Der Trainer tritt freiwillig zurück. Was ist da los?2021 stieg der saudiarabische Staatsfonds bei Newcastle United ein. Milliarden nährten den Traum von der Weltspitze. Viel blieb davon nicht – nun folgt der Kurswechsel.Niels Bossert13.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenNewcastle-Fans aus Saudiarabien? Vor 2021 wäre das wohl kaum vorstellbar gewesen.Richard Lee / ShutterstockRauer Wind ist typisch für Newcastle, die Stadt im Nordosten Englands direkt am Fluss Tyne. Und der Wind schlägt auch schnell um – speziell beim örtlichen Fussballklub. Ende 2025 verkündete David Hopkinson, CEO von Newcastle United, noch: «Bis 2030 sehe ich diesen Klub in der Diskussion um den besten Verein der Welt.» Heuer sagt er, der Klub habe über seinen Verhältnissen gelebt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Trainer Eddie Howe, Architekt des Projekts, trat Ende Juli zurück. Er wurde kurz nach der Übernahme durch den saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) im Oktober 2021 installiert. Doch immer wieder mokierte er sich darüber, dass finanzielle Regeln den Fortschritt behinderten. Ihn beschlich das Gefühl, er habe das Limit beim Klub erreicht. Ein Strategiewechsel und der Verkauf von Stars zermürbten ihn weiter.Nun verliess auch der Kapitän Bruno Guimarães den Verein. Sein Wechsel zu Arsenal, dem englischen Meister und Champions-League-Finalisten, symbolisiert Newcastles Lage. Guimarães war der erste Königstransfer, der mit saudischem Geld finanziert wurde – aber Arsenal steht nun dort, wo Newcastle hinwollte.Newcastles Traum von einem zweiten Manchester CityAls die Übernahme ihres Klubs für rund 370 Millionen Franken offiziell wurde, feierten Tausende Fans vor dem Stadion St. James’ Park. Einige hatten sich in arabische Gewänder gehüllt, warfen Bierdosen in die Luft. Ihr Klub hatte seit 1969 keinen Titel mehr gewonnen. Geld sollte das ändern. Manchester City hatte es vorgemacht. Und das Vermögen des saudischen Staatsfonds wurde damals auf 370 Milliarden Franken geschätzt. Zumindest auf dem Papier war Newcastle United damit der reichste Fussballklub Englands.Bruno Guimarães gehörte zur Equipe, die Newcastle den ersten Titel seit 1969 bescherte – nun schloss er sich dem englischen Meister Arsenal an.David Klein / ReutersIm Januar 2022, der ersten Transferphase unter den neuen Besitzern, investierte Newcastle 100 Millionen Franken in vier Spieler. Ein Jahr später kamen fünf weitere für 180 Millionen. Die Transfers wirkten teilweise planlos, doch am Ende erreichte Newcastle Platz vier in der Premier League – und bescherte Newcastles Pubs damit endlich wieder Champions-League-Nächte. Erstmals seit zwanzig Jahren.Einnahmen durch Spielerverkäufe blieben jedoch aus, was den finanziellen Spielraum einschränkte. Der Trainer Howe trat immer wieder auf die Euphoriebremse. Die Rentabilitäts- und Nachhaltigkeitsvorschriften der Liga sowie das Financial Fairplay (FFP) verlangsamten den Fortschritt. 2024 entging Newcastle nur knapp einem Punktabzug, weil Lücken in der Bilanz offenblieben. Erst kürzlich büsste die Uefa den Klub. Exzesse wie bei Chelsea oder Manchester City in den nuller Jahren sind nicht mehr möglich.Direkt nach der Übernahme erwirkte die Konkurrenz in der Liga zudem einen vorübergehenden Stopp von Sponsoringverträgen mit Firmen, die den Klubbesitzern nahestehen. Nur Newcastle stimmte dagegen, Manchester City enthielt sich. Anschliessend verschärfte die Liga die Prüfungen. Der neureiche Emporkömmling sollte eingeschränkt werden.«Newcastle 2.0»: jünger, nachhaltigerIn Newcastle wuchs derweil die Sorge, der saudische Staatsfonds könnte das Interesse am englischen Spielzeug verlieren. Ab 2023 übernahm der Fonds die vier grössten Klubs der saudischen Liga und investierte dort kräftig. Der Newcastle-Vereinsvorsitzende Yasir al-Rumayyan, zugleich Chef des Staatsfonds, kündigte an, den Fokus stärker auf die heimische Wirtschaft zu legen. Zu ambitionierte und defizitäre Sportinvestitionen im Ausland sollten gedrosselt werden. Der Iran-Krieg akzentuierte die Ausrichtung.Investitionen in Newcastles Stadion und Trainingsgelände wurden vernachlässigt. Der grösste Erfolg der jüngeren Klubgeschichte – der Sieg im Carabao-Cup 2025 gegen Liverpool, der erste nationale Titel seit siebzig Jahren – konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Träume einst viel grösser waren. Und dass sie sich vielleicht nie erfüllen.Wie lange währt Yasir al-Rumayyans Freude an Newcastle? Beim Spiel gegen Brighton im Mai war sie ihm jedenfalls noch anzusehen.Scott Heppell / ReutersIm Sommer 2025 gab der Klub 260 Millionen Franken für neue Spieler aus. Dafür verkaufte er aber Alexander Isak (62 Tore in 109 Spielen) für fast 140 Millionen Franken an Liverpool. Doch die Neuzugänge enttäuschten diesmal. Am Ende landete Newcastle auf Platz zwölf der Liga. Im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen den FC Barcelona setzte es eine krachende 7:2-Niederlage.Fünf Jahre, eine Milliarde für Transfers, ein Ligapokal – eine magere Bilanz. Da wirkte es fast wie eine Drohung, als im April bekannt wurde, dass sich der Investmentfonds des Königreichs per Ende 2026 aus der hochgezüchteten LIV-Tour im Golfsport zurückzieht. Auch 70 Prozent der Anteile des Fussballklubs al-Hilal stiess der Staatsfonds ab.Ein Verkauf von Newcastle steht zwar bis jetzt nicht im Raum, doch die Strategie hat sich geändert. «Newcastle 2.0» setzt auf Datenanalyse und junge Spieler mit Weiterverkaufswert. Brighton & Hove Albion, der FC Brentford oder Borussia Dortmund gelten als Vorbilder. Die Ambitionen, zur absoluten Weltspitze zu gehören, scheinen verflogen.Der Ausverkauf hat begonnen: Anthony Gordon ging für 65 Millionen Franken zu Barcelona, Sandro Tonali für 100 Millionen zu Tottenham, Bruno Guimarães für 80 Millionen zu Arsenal. In sozialen Netzwerken kursieren Witze, der Klub müsse bald die Seepferdchen im Vereinswappen verkaufen. Wunschspieler sagten reihenweise ab, wechselten zur direkten Konkurrenz. Unter ihnen auch der Schweizer Johan Manzambi, den es zu Aston Villa zog.Ein paar Antrittsgeschenke erhielt der neue deutsche Trainer Matthias Jaissle – er kam vom Klub al-Ahli, der ebenfalls dem Staatsfonds gehört – dann doch: junge Talente für 150 Millionen Franken. Sie sollen zu Stars reifen. Verkaufsklub statt Anwärter auf die Weltspitze – die nächsten fünf Jahre können kommen.Der Wind weht wieder rauer in der Hafenstadt. Oder wie es der CEO ausdrückt: «Irgendwann muss man eben die Kreditkartenrechnung bezahlen.»Passend zum Artikel