Sahra Wagenknecht versteht es, politisch im Gespräch zu bleiben. Obwohl das BSW den Einzug in den Bundestag knapp verfehlte, gelingt es der Parteigründerin immer wieder, bundesweit in die Schlagzeilen zu kommen. Darauf ist das BSW angewiesen: Wann das Bundesverfassungsgericht über die Wahlprüfungsbeschwerde der Partei gegen das Bundestagswahlergebnis entscheiden wird, ist noch immer ungewiss.Die Umfragen zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September zeigen zudem, dass die Partei auch um den Einzug in die Landtage zittern muss. Für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ermitteln die Meinungsforscher konstant Werte unter fünf Prozent.Praktisch für Wagenknecht ist, dass die Wahl in Sachsen-Anhalt vor den anderen beiden Wahlen stattfindet. Die AfD hat dort Chancen, mit Ulrich Siegmund künftig den Ministerpräsidenten zu stellen. Zwei Szenarien sind dabei denkbar: Kommen nur wenige Parteien in den Landtag, könnte die AfD eine absolute Mehrheit der Mandate erreichen.Werden es mehr Fraktionen, wird dies unwahrscheinlich. Dann könnte es Siegmund nur im dritten Wahlgang schaffen. Die Landesverfassung sieht vor, dass ein Ministerpräsident in den ersten beiden Wahlgängen die Zustimmung einer Mehrheit der Mitglieder des Landtags benötigt. In einem dritten Wahlgang reicht jedoch die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Die Zahl der erforderlichen Stimmen kann also durch Enthaltung gesenkt werden.Wagenknechts Kurs stößt im BSW nur auf wenig WiderstandDas nutzte Wagenknecht am Mittwoch, um in der Zeitung „Bild“ eine solche Enthaltung anzukündigen, sollten die anderen Parteien ihrem Wunsch nach einem überparteilichen Ministerpräsidenten nicht folgen. Ob Wagenknecht damit etwas Neues sagte, ist Interpretationssache: Seit Monaten versichern sie und die BSW-Spitze in Sachsen-Anhalt, auf keinen Fall einen Kandidaten der „Altparteien“ zu unterstützen. Sie werben stattdessen für einen überparteilichen Ministerpräsidenten, ohne zu sagen, wer das sein soll. Gleichzeitig wird stets versichert, Siegmund bekomme keine BSW-Stimmen. Die angekündigte Enthaltung ist also zumindest keine Überraschung.Bereits vor einigen Wochen hatte das BSW mit AfD-Bezug um Aufmerksamkeit gebuhlt. Damals schrieben die Bundesvorsitzenden Fabio De Masi und Amira Mohamed Ali der rechten Partei einen Brief und schlugen vor, Wagenknecht und die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel sollten sich im Wahlkampf auf den Bühnen des BSW Rededuelle liefern. Auch das sorgte für Aufregung – obwohl von Anfang an klar war, dass die AfD kaum darauf eingehen würde. Wenig später sagte Weidel ab.Im BSW stellten sich damals nur wenige dem Brief entgegen. Es gab zwar einzelne Austritte – so verließ etwa das frühere BSW-Bundesvorstandsmitglied Reinhard Kaiser die Partei. Er war früher bei den Grünen aktiv. Der Thüringer Digitalminister Steffen Schütz nannte das Schreiben „peinlich“. Er und die Thüringer Landesvorsitzende Katja Wolf heben stets hervor, dass ihr Engagement im BSW auch dazu diene, eine Regierungsübernahme der AfD zu verhindern.In der Gründungsphase des BSW war diese Erzählung auch außerhalb Thüringens oft zu hören. Andererseits kritisierte Wagenknecht von Anfang an die Brandmauer der etablierten Parteien gegen die AfD. Darauf verweisen nun jene, die den Kurs der Parteigründerin unterstützen. Dies trifft auf die große Mehrheit des Bundesvorstands und fast alle BSW-Landesvorsitzenden zu.Siegmund lehnt Wagenknechts Vorschlag abFür Wagenknechts Kurs dürften auch taktische Überlegungen eine Rolle spielen: Gehen AfD-Sympathisanten davon aus, dass die Wahl Siegmunds zum Ministerpräsidenten davon abhängt, dass es das BSW in den Landtag schafft, könnte das manche von ihnen dazu verleiten, BSW zu wählen. Diese „Leihstimmen“ könnten für die Zukunft des BSW wichtig sein. Sowohl Gegner als auch Unterstützer Wagenknechts gehen davon aus, dass die Landtagswahlen im September über das Schicksal der Partei entscheiden. Der Landtagseinzug am 20. September in Schwerin dürfte zudem kaum gelingen, wenn zwei Wochen vorher in Sachsen-Anhalt nicht alles glattgeht.Dort ist seit mehreren Monaten eine zunehmende Annäherung des BSW-Landesverbands an die AfD zu beobachten. Dieser Kurs wurde aus dem Umfeld von Wagenknecht gegen erhebliche innerparteiliche Widerstände durchgesetzt. Erst vor wenigen Tagen sind 21 Mitglieder, darunter ehemals ranghohe Funktionsträger, aus dem Landesverband ausgetreten. In einem sechs Seiten langen Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt, kritisieren sie einen „autokratischen Aufbau der Parteistrukturen“ unter Wagenknecht sowie eine zunehmende Hinwendung zur AfD.Zu den Ausgetretenen zählt Florian Thomas, ehemaliger BSW-Kreisvorsitzender und bis Dezember Mitglied des Landesvorstands. „Wagenknecht will sich opportunistisch auf den AfD-Zug draufsetzen“, kritisiert er. „Das BSW macht sich zum Bettvorleger der AfD.“AfD-Spitzenkandidat Siegmund wies den Vorschlag des BSW, ihn im dritten Wahlgang eine Wahl zum Ministerpräsidenten zu ermöglichen, am Mittwoch umgehend zurück. „Wie soll ich ohne eine Mehrheit im Parlament eine vernünftige Regierung über fünf Jahre gewährleisten?“, sagte er und verwies auf die Erfahrungen mit dem BSW in Brandenburg, wo die Koalition aus SPD und BSW Anfang dieses Jahres nach etwas mehr als einem Jahr zerbrach.