Als er sich die Fahne seines Vereins Eintracht Frankfurt umgehängt hatte, zeigte Merlin Hummel seine beeindruckenden Muskeln – und lächelte in die Kameras. Und das war, mit Blick auf die vorangegangenen 24 Stunden, erstaunlich. Denn tags zuvor war dieser Moment des Glücks für den Hammerwerfer überhaupt noch nicht absehbar gewesen, mit Mühe und Not hatte sich Hummel als Zehnter fürs Finale qualifiziert. Auch dort kämpfte sich der 24-Jährige eher durch den Wettkampf. Drei seiner Würfe waren ungültig, nur einer, sein fünfter, flog über die 80-Meter-Marke hinaus. Doch diese 81,74 Meter genügten, Hummel rückte von Platz fünf auf zwei vor und gewann Silber – hinter dem Ungarn Bence Halasz, dem ein 84,25-Meter-Wurf gelang.Hummel hatte sich, anders als in der Qualifikation, als er sehr haderte und sich abends noch Arm in Arm mit seiner Freundin auf der Broad Street in der Nähe des Athletenhotels trösten ließ, einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Es war wie bei der WM“, sagte er, „ich war fokussiert, hatte die ganze Zeit im Kopf: Du schaffst das.“ Bei den Weltmeisterschaften 2025 in Tokio hatte Hummel überraschend Silber gewonnen. Nun hat er seinen Aufstieg in die Weltspitze mit der nächsten Medaille bestätigt.Leichtathletik-EM:Ein Abend wie geschaffen für die Bullriding-BarNur Norwegens Ausnahmekönner Jakob Ingebrigtsen ist schneller: Florian Bremm schreibt mit EM-Silber über 5000 Meter das nächste Kapitel eines erstaunlichen deutschen Laufsommers.Oft lief Hummel neben dem Wurfring auf und ab, setzte sich auf den Boden, machte Trockenübungen und meditierte zwischen den Versuchen. „Ich war den ganzen Wettkampf über im meditativen Zustand. Wenn kleine Hirngespinste aufkommen: Reset! Reset! Reset!“, sagte Hummel: „Sinn der Meditation ist es, immer wieder zurückzukommen. Und im Wettkampf habe ich mich bestimmt hundertmal zurückgeholt.“Die Meditation entdeckte er nach eigener Schilderung vor fünf Jahren, hatte dies aber „ein bisschen schleifen lassen“. Nun half sie ihm auch dabei, „mich aus einer extremen Druckposition, wo meine eigenen Erwartungen und die der Öffentlichkeit riesig sind, zurückzukämpfen“.Seine Mutter erlebte seinen Olympiastart so, „als würde er in eine Rakete steigen und ins Weltall fliegen“Hummel kommt eigentlich aus Kulmbach, tiefstes Oberfranken, 20 Kilometer nördlich von Bayreuth. Dort begann seine Liebe zum Hammerwurf bei einem Ferienangebot des UAC Kulmbach-Stadtsteinach, wie seine Mutter Claudia vor zwei Jahren mal dem Sonntagsblatt erzählte: „Merlin sah Simon Lang werfen und sagte, er wolle 80 Meter werfen und zu Olympia.“ Bei den Sommerspielen in Paris wurde Hummel Zehnter, für seine Mutter habe sich seine Reise so angefühlt, „als würde er in eine Rakete steigen und ins Weltall fliegen“.Die Rakete stieg und stieg, 2025 überbot Hummel im Mai in Halle an der Saale als erster deutscher Hammerwerfer seit 2007 die 80-Meter-Marke, kurz danach folgte der große WM-Erfolg in Tokio. Doch dann kam der Bruch mit seinem langjährigen Trainer und Förderer Martin Ständner. Hummel trennte sich wegen unterschiedlicher Trainingsphilosophien von Ständner, der sich übergangen und schlecht behandelt fühlte. Im Streit verließ Hummel seine Heimat und schloss sich Anfang 2026 zusammen mit seinem jüngeren Bruder der starken Werfergruppe um Trainerin Kathrin Klaas bei Eintracht Frankfurt an. Sie haben dort einen Vertrag bis zum Ende des Olympiazyklus 2028 unterschrieben. Und Merlin Hummel stellte seither vieles um, an seiner Technik, seiner Ernährung, seinem Training überhaupt.Die Rakete scheint sicher gelandet zu sein, immer wieder kommunizierte Hummel auch in Birmingham mit Klaas, die auf der Tribüne saß. Bis es endlich klappte mit seiner Silberweite im fünften Versuch. „Weltspitze sein, das war ein Ziel, das ich vielleicht in fünf Jahren erreichen wollte. Ich bin so dankbar dafür, so schnell an einem Punkt angekommen zu sein“, sagte Hummel noch, bevor er ging. Und frischer Wind kann dann auch nicht schaden vor dem nächsten großen Flug ins All.
Silber für Merlin Hummel bei der Leichtathletik-EM: In der Meditation liegt die Kraft
Nur ein Versuch jenseits der 80 Meter, aber der bringt eine Medaille: Hammerwerfer Merlin Hummel übertrifft die eigenen Erwartungen – selbst ein Stotterstart bringt ihn nicht aus der Ruhe.












