Merlin Hummel taumelte, aber er fiel nicht. Nach zwei ungültigen Versuchen im Finale der Leichtathletik-Europameisterschaft drohte ihm der Wettkampf in Birmingham am Dienstagabend zu entgleiten. Die Bilder vom Vortag waren plötzlich wieder da – und mit ihnen die Erwartungen, die seit WM-Silber auf dem besten deutschen Hammerwerfer lasten.Aber Hummel hat inzwischen gelernt, mit dem Druck umzugehen und immer wieder in den Moment zurückzufinden.„Das ist sicher eine der schlechtesten Qualifikationen, die ich jemals abgelegt habe“, hatte der 24-Jährige gesagt, nachdem er bis zum Schluss nicht gewusst hatte, ob seine 75,49 Meter für den Einzug unter die besten zwölf Athleten reichen würden: „Aber ich hatte schon einmal so eine schlechte Qualifikation, und danach lief alles gut.“Der gestiegene AnspruchDie Qualifikation hatte Hummel vor Augen geführt, wie sehr der Anspruch an ihn gestiegen ist – von ihm selbst, aber auch von anderen: „Ich war in so einer Negativspirale gefangen und wollte eigentlich nur noch nach Hause.“In den Stunden nach der Qualifikation habe er viele Gespräche geführt, mit seinem Psychologen, seiner Trainerin, auch mit anderen Athleten, die ihm dabei halfen, wieder zu sich zu finden. „Alle haben mich aufgebaut“, sagte Hummel. Am Ende habe er gemerkt: „Ich kann es doch, und das war die Realität.“Mit Meditation zum Erfolg: Merlin Hummel hat seine Gedanken im EM-Finale am Dienstagabend immer wieder neu geordnet. +++dpaIm Finale deutete schon der erste Wurf an, dass es besser laufen könnte als in der Qualifikation. Hummel wuchtete den Hammer auf 79,08 Meter und quittierte den Versuch mit einem verhaltenen Kopfnicken. Dann aber versuchte er es mit Gewalt und setzte zwei Würfe ins Fangnetz.Hummel schien wieder in ein mentales Loch gefallen zu sein. Im vierten Versuch kam er nur auf 75,97 Meter, fiel in der Ergebnisliste zwei Plätze nach hinten. „Nach dem ersten Versuch wollte ich vielleicht etwas zu viel und bin ins Risiko gegangen“, sagte Hummel später in der Mixed Zone: „Zum Ende habe ich mich aber dann noch einmal stark fokussiert.“Trainerin Klaas gibt entscheidende TippsDiesmal holte er sich Hilfe von seiner Trainerin Kathrin Klaas. Die ehemalige Hammerwerferin deutete ihm an, nicht zu verkrampfen. Hummel ließ wieder den Hammer um sich kreisen, setzte den Wurf aber diesmal höher an und merkte schon in dem Moment, als der Hammer seine Hand verließ, dass dieser erst spät wieder herunterkommen würde: bei 81,30 Metern, mit denen Hummel auf den Silberrang vorrückte.Der führende Bence Halász konterte aber gleich mit 84,25 Metern. Weltweit haben nur neun Männer jemals weiter geworfen. Gold wäre für Hummel also wohl selbst mit einem besseren Wurf kaum in Reichweite gewesen. Er konnte sich nicht nochmal steigern, aber für die erste EM-Medaille eines deutschen Hammerwerfers seit 2006, als Markus Esser im schwedischen Göteborg Bronze gewann, reichte es trotzdem. Bronze sicherte sich der Ukrainer Mychajlo Kochan mit 79,49 Metern.„Ich war fokussiert und hatte die ganze Zeit den Gedanken: Ich schaffe das“, sagte Hummel über seinen entscheidenden Wurf. Er sei sehr stolz auf sich, dass es ihm gelungen sei, sich aus einer extremen Drucksituation wieder herauszukämpfen und einen „echten“ Wettkampf abzuliefern. „Das gibt mir Selbstvertrauen für die Zukunft. Ich weiß, ich kann unter Druck performen.“Hummel setzt auf KonzentrationsübungenDabei habe ihm auch eine Übung geholfen, die er vor fünf Jahren entdeckt, aber etwas schleifen gelassen hatte: Meditation. Wenn sich Gedanken in seinem Kopf festsetzten, die ihn nicht stärkten, sondern schwächten, halfen ihm Konzentrationsübungen, wieder in den Moment zu finden. „Während des Wettkampfs habe ich mich bestimmt hundertmal zurückgeholt.“Hummel kann meist schon in der Drehung erkennen, was einen guten von einem sehr guten Wurf unterscheidet. Er weiß, wie sich sein Körper in einer bestimmten Position anfühlen muss. Von dem kanadischen Olympiasieger Ethan Katzberg hat er sich abgeschaut, dass es darum geht, den Hammer nicht beherrschen zu wollen, sondern sich auf ihn einzulassen. Aber das bringt alles nichts, wenn es ihm nicht auch im Kopf gelingt, die richtige Balance zu finden.Hummel konnte der Silbermedaille auch deshalb so viel abgewinnen, weil es ihm gelungen war, sich von der Anspannung freizumachen: „Das zeigt, wohin die Entwicklung gehen kann.“ Er sei noch nicht perfekt und werde es wahrscheinlich auch niemals sein: „Aber wir sind jetzt hier“, Hummel deutete auf einen Punkt in Schulterhöhe, dann hob er seine Hand über den Kopf, „und hier kann es hingehen.“Endgültig in der Weltspitze angekommenAls erster deutscher Hammerwerfer hatte Hummel nach 18 Jahren wieder die 80-Meter-Marke übertroffen, und mit seinem zweiten Platz bei der WM ist er endgültig in die Weltspitze vorgestoßen. Nun ist EM-Silber hinzugekommen.„Ich bin sehr dankbar dafür, wie schnell ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich heute stehe“, sagte Hummel. Vor drei Jahren habe er noch gedacht, es sei utopisch, zur Weltspitze zu gehören: „Das war ein Ziel, das ich mir für die nächsten fünf Jahre vorgenommen hatte.“Früher habe er beweisen wollen, dass er dazugehöre, inzwischen werde von ihm erwartet, dass er liefere. Dieser Druck ist nicht verschwunden, aber Hummel hat bei dieser EM etwas gelernt, das ihm für die Zukunft helfen wird: Er kann nicht verhindern, dass seine Gedanken abschweifen. Er muss nur wissen, wie er sich wieder in den Moment zurückholt. Zur Not auch hundertmal.