GastkommentarVom Donbass in den Pazifik: Bedrohte Demokratien beginnen, voneinander zu lernenDie Ukraine macht vor, wie man einen grossen Gegner erfolgreich abwehrt. In Ostasien wird das genau beobachtet.Junhua Zhang12.08.2026, 05.20 Uhr4 LeseminutenEin ukrainischer Drohnenpilot steuert eine FP-1-Drohne, 2026.Valentyn Ogirenko / ReutersViele der chinesischen «Putin-Anhänger», die ursprünglich fest an einen Sieg Russlands glaubten, sind verstummt. Nicht wenige Militärexperten der Volksrepublik haben sogar öffentlich erklärt, dass der Kreml in einem konventionellen Krieg nicht länger klar überlegen sei; Russland könne den Drohnenangriffen der Ukraine nicht genug entgegensetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute bereitet den chinesischen Behörden jedoch weniger das Schicksal Russlands und Putins Kopfzerbrechen. Vielmehr gibt zu denken, dass sich die ukrainische Drohnentaktik in Ostasien auszubreiten beginnt.Früher galt es als selbstverständlich, dass Japan, Südkorea und auch Taiwan unter dem Schutz der Vereinigten Staaten stehen. Doch Ostasien befindet sich im Wandel. Amerika ermutigt seine Verbündeten im Pazifik, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und sich um den Aufwuchs der eigenen Streitkräfte zu kümmern. Die Länder Ostasiens sehen sich inzwischen gezwungen, darüber nachzudenken, wie sie ihre Verteidigungskapazitäten stärken können.Krise zwischen China und JapanSeit einer Äusserung der japanischen Ministerpräsidentin Sanae Takaichi vor gut einem Jahr stecken die Beziehungen zwischen Japan und China in einer Krise. Takaichi sagte, der Einsatz von militärischer Gewalt in einem Konflikt um Taiwan, insbesondere von Kriegsschiffen, könne von Japan als existenzbedrohende Situation eingestuft werden.Xi Jinping hat die «Befreiung Taiwans» faktisch zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Jedes Hindernis, das ein Nachbarland der Verwirklichung dieses Ziels in den Weg stellen könnte, ist für ihn unerträglich. Daher übt China seit Takaichis Verlautbarung in verschiedenen Bereichen, darunter im Tourismus und beim Export von seltenen Erden, Druck auf Tokio aus.Doch Japan, als reife Demokratie, die in vielen Ländern Asiens Ansehen geniesst, lässt sich von Chinas Drohungen nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Japan hat seine Verteidigungs- und Waffenexportpolitik angepasst. Dies ermöglicht es nicht nur den südostasiatischen Staaten, ihre Verteidigungsfähigkeit durch den Erwerb japanischer Waffen zu stärken. Noch wichtiger ist, dass Japan selbst aktiv Waffen entwickelt, darunter Drohnen.Drang nach SelbstverteidigungTaiwan selbst steht derzeit unter dem grössten Verteidigungsdruck aller Länder Ostasiens. Aus Sicht der taiwanischen Behörden ist das Land angesichts der militärischen Drohkulisse Chinas gezwungen, eine Strategie und Taktik ähnlich der Ukraine zu entwickeln. Taiwan dürfte der Ukraine indirekt dabei geholfen haben, eine eigene Drohnenindustrie aufzubauen. Zudem exportiert der Inselstaat Bauteile in die Tschechische Republik und nach Polen, von wo aus Material in die Ukraine gelangt. Doch mittlerweile geht die Zusammenarbeit zwischen Kiew, Tokio und Taipeh noch weiter.Derzeit scheinen von der Ukraine entwickelte fortschrittliche Technologien zeitnah von Japan und Taiwan übernommen zu werden. Gleichzeitig tragen japanische Technologien und taiwanische Chips dazu bei, die Effizienz der ukrainischen Fluggeräte zu steigern. Nach dem Win-win-Prinzip sorgen alle drei Parteien dafür, dass ihre Drohnentechnologien kontinuierlich weiterentwickelt werden. Es sieht danach aus, dass auch Einsatzdaten geteilt werden. In Japan wie auch in Taiwan entstehen zudem zahlreiche Produktionsstrassen für Drohnen. All dies ist genau das, was Peking am wenigsten sehen möchte.Peking fehlt die KriegserfahrungZwar gibt es auch ähnliche Interaktionen zwischen Peking und Moskau im Bereich der Drohnentechnologie. Doch verglichen mit dem Abgleich der demokratischen Staaten bestehen Lücken. Was die konventionelle Kriegsführung anbelangt, ist China seinen ostasiatischen Nachbarn überlegen. Zudem scheint die chinesische Rüstungsindustrie gut aufgestellt, um Drohnen und künstliche Intelligenz zu kombinieren.Was China jedoch fehlt, ist praktische Kampferfahrung. Japan und Taiwan dürften direkt aus dem Krieg in der Ukraine Informationen gewinnen. Mit den richtigen Strategien, Taktiken und Technologien scheint es für Taipeh durchaus Chancen zu geben, Peking abzuschrecken – zumal zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland noch die Taiwanstrasse liegt.Eine andere OptionPeking dürfte sich dessen ebenfalls bewusst sein; wichtiger ist jedoch, dass China aus Putins Krieg einiges gelernt hat. Eine dieser Erkenntnisse ist, dass der Kriegsverlauf schwer vorhersehbar ist. Obwohl die russische Seite in Bezug auf Waffen und Ausrüstung anfangs eine fast absolute Dominanz hatte, dauert der Konflikt an. Ein jahrelanger Krieg, der so viele Soldaten das Leben kostet, ist nicht das, was Xi Jinping bei einer Eroberung Taiwans sehen möchte.Kurz gesagt: Das neue Dreieck aus Ukraine, Japan und Taiwan hat sich gerade erst herausgebildet. Die Entwicklungen in den kommenden Monaten werden nicht nur den Ukraine-Krieg beeinflussen. Sie werden auch entscheidend sein für die Bildung neuer Bündnisse demokratischer Staaten in Ostasien und die Aufrechterhaltung des Status quo in der Region. Peking wiederum wird Überlegungen anstellen, wie solche Kooperationen verhindert werden können.Zum Teil aus diesem Grund unternimmt Peking, während es den militärischen Druck auf Taiwan verstärkt, auch erhebliche Anstrengungen, um die Insel «friedlich zu erobern». Ein Trumpf in Xi Jinpings Hand sind die Oppositionsparteien Taiwans, insbesondere die Kuomintang, deren Vorsitzende Cheng Li-wun sich im Mai dieses Jahres in Peking mit dem chinesischen Staatschef traf.Junhua Zhang ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Shanghai Jiao Tong University und Senior Associate am European Institute for Asian Studies (Eias).Passend zum Artikel